Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 17 (26.4.1871)
- Date
- 1871-04-26
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 133 — sich vernehmen lassen würde, lies; sich voraussehen. Schon die erste Nummer brachte derartiges. Ihm hat Herr Dr. S. H. Sonnenschein in St. Louis (in Amenla), früher in Prag, in seiner Zeitschrift „die Wahrheit" treffend geantwortet und wir finden es angemessen, diese schlagende Antwort in diesen Blättern mitzutheilem: als „Feuilleton," denn wir halten trotz alledem das ganze Getriebe für bloße Unterhaltung; wir können Angesichts aller Ereignisse der Gegenwart so wenig an die Rückkehr mittelalterlicher Zustände glauben, daß uns derlei Borkommnisse eben nur zur Unterhaltung und Anregung dienen. Die Zuschrift Sonnenscheins lautet, wie folgt: Geehrter Herr! Sie haben sich mit jder Begründung Ihrer neuen Wochenschrift einer rühmlichen Ausgabe unterzogen. Es war eines deutschen Schriftstellers von Ihrer Bedeutung, eines Mannes von Ihrer Berttautheit mit der Kulturgeschichte seiner Natton vollkommen würdig, die rühmliche Wendung in den Geschicken Deutschlands mit einem literarischen Unternehinen zu begrüßen, dessen Namen schon gewissermaßen Bürgschaft für seinen Werth zu leisten geeignet ist. Nachdem die „alten Grenzen sür das neue Reich" zuni Thcile wieder gewonnen und feftgeftellt sind, mutz es Ihnen viel behaglicher sein, unter Dach und Fach ,im neuen Reich" an der innern politischen Einrichtung desselben fleißig »litzuziminern, als draußen, unter den Einflüssen einer rauhen Witterung „die Grenzboten" zu befehligen. Wie kömmt es aber, daß Sie »n dieser neuen Eigenschaft noch immer an Shren alten Borurtheilen gegen die Juden sesthalten? oll etwa im neuen deutschen Reich dieses alte Vorurtheil immer noch sortwuchern ( Gewiß werden.Sie diese rage verneinend beantworten. Ein Mann von Ihrer Nahrung uiid Ihrem Scharfblick kann nicht anders! Warum haben Sie alio die alte llnvon'ichtigkcit auf's Neue begangen, die Juden ihren Leiern als eine Menschengattung darzustellen, die auf 'Nichts anderes als auf den schimpflichsten Trödel, auf den unsaubersten Schacher ausgeht? Haben die nothqedrungencn Zurechtweisungen, in denen seiner Zeit die Entrüstung über Ihren Pinkus und Jtzig sich äußerte, Sic noch immer nicht genugsam darüber belehrt, daß es der Feder eines hochbegabten und auf den Geist der Zeit bildend einwirkenden Schriftstellers durchaus nicht geziemt, Dinge niederzuschreiben", welche dem alten Religionshatz neue Nahrung zuführen? Fast scheint es so! Es läßt sich kaum etwas anderes annchmen, als sei eben durch jene allgemeinen Kundgebungen des von Ihnen gekränkten voruttheilsfteien Zeitgeistes Ihre Voreingenommenheit gegen die Juden nur noch mehr gereizt worden. Wohl verbargen Sie Ihre Borurtdeile und hielten sie lange hinter Schloß nud Riegel: allein von Zeit zu Zeit entschlüpft Ihnen ein Wort, welches jedem Unbefangenen sofort Ihre wahre Herzensftimmunz gegen die Juden verräth. Solch eine verstohlene Aeutzerung, gewissermaßen der gewaltsame, in einem unbedachten Augenblick geschehene Ausbruch des in Ihrem verschlossenen Gemüthe ausgehäuften judenfeindlichen Zündstoffes, entfloß Ihrer Feder in einer der jüngsten Nummern Ihrer Wochenschrift. Sie richten dort un Namen der Eiviliianon die volle Schärfe Ihrer gerechten Entrüstung gegen die Uebergrisfe, deren sich ein Theil der vor Pans concentrirten deutschen Truppen zu Schulden kommen lretz, indem gar viele in der Umgegend vor Paris Vorgefundene, werthvolle Kunst- und Lurus-Gegenständc als herrenloses Gut und als^rechtmäßige Kriegsbeute angesehen, und von einzelnen Soldaten wie Offizieren bei Seite geschafft worden sind. Sie legten ein rühmliches Zeugnih ftrr Ihr eigenes patriotisches Pflicht- und Ehrgefühl ab. indem Sie mit mannhaften, unvcrschleierten Wotten, Denjenigen, welche einem solchen Unwesen einfach durch ihr Machtgebot hätten steuern können, die Hauptschuld der Verantwortlichkeit für diese unehrenhaften Vorgänge aufbürden. Mitten in diesem Gefühle der Genugthuung "über die fteimüthige Sprache eines für das Recht und die Ehre seiner Nation eintretenden Mannes, mutz uns nun die schmerzliche {bittere Wahrnehmung Ihres plötzlich auftauchenden Iudenhaises um so kränkender treffen. Der reine, erfrischende Trank ward uns nun mit einem Male vergällt, als wir dies häßliche Insekt darin vorfanden. Es ist nur ein kleiner, satt unscheinbarer Satz, der solches Unheil anrichtet, aber er ist bitter, tieibittcr, — häßlich, grundhäßlich! Während Sie nämlich die Thatsache feststellen, auf welche unehrenhafte Weise da und dort Gegenstände von Werth in fremde Hände gcriethen, wenden Sie sich auch gegen die ^Juden und Unterhändler. welche zahlreich vor Versailles umkerstreiften, um billige Einkäufe zu machen." Warum mutzten Ihnen aber gerade bei der unpaiiendsten (Gelegenheit die Zügel der Selbstbeherrschung entfahren? Hier am allerwenigsten hätte Ihnen das Wort entschlüpfen sollen. welches einer schnöden Beleidigung einer ganzen hochachtbaren Klaffe deutscher Bürger gleichkömmr. Mit demselben Athein. der von lauter Ebr- und Pflichtgefühl erglüht,, mit demselben Satze, der einer scheinbar berechtigten llnthat so scharf zu Leibe gebt, mit derselben Aufwallung edelmüchiger Civiliiation, welche ihr vernichtendes Urtheil über eine mittelalterliche Kriegsgewohnheit ausspricht: hätten Sie am allerwenigsten die Schatten jenes finstern Porurtbeils heraufbefchwören dürfen! Wer, wie Sie. gefliffentlich oder aus Unbedachtsamkeit, mit einem Federstriche, die „Juden" zu DicbShehlern stempelt; wer, wie Sie, den 'Namen einer ganzen Glaubensgenoffenschaft zu einem schimpflichen Zwecke mißbraucht; wer, wie Sie. sein Gcmüth noch nicht von den Schlacken religiöser Intoleranz geläutert hat: dem fürwahr, steht es übel an. einen Vorgang zu verdammen.