Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 16 (19.4.1871)
- Date
- 1871-04-19
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
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— 125 — rer Heranwachsenden Jugend die Stiefkinder der Zeit und die zukunftslosesten aller Lehrer sein, sollten gerade Eure Schulen in der alten Stagnation verbleiben? — Der israelitische Lebrerverein kann sich mit einer solchen Annahme nicht vertraut machen; er kann nicht glauben, daß die israelitischen Gemeinden Böhmens minder intelligent und opferwillig als die israelitischen - Gemeinden Ungarns sind, die den ungarisch-israelitischen LandeSlrhrerverein binnen kurzer Zeit zu hoher Blüthe gebracht. Nicht minder richten wir an Euch unsere Bitte, ehrwürdige Rabbinen und Prediger! Die Zeiten sind vorüber, da sich zwischen dem Rabbiner und dem jüdischen Lehrer eine chinesische Mauer erhob, da der Rabbiner für den jüdischen Lehrer nur die wegwerfende Bezeichnung „blilcrs-äaräs^e" hatte, und kein anderes Verhältnis zwischen Beiden bestand als — -die gemeinschaftliche Armuth. Wir leben — r^ctt Lob! — in einer andern Zeit. Rabbinen und Lehrer müssen jetzt in fortwährendem Kontakte bleiben, denn sie haben einen und denselben Beruf: den geistigen Aufschwung deS Volkes zu fördern. Es ist die Aufgabe der Rabbinen und Prediger, durch begeisterte Kanzelreden Verurtheil und verrottetes Herkommen zu bekämpfen und die kostbare Saat der Cultur und Intelligenz in den Gemeinden auSzujtreuen. Und nun, theure Standes genossen, was hätten wir Euch noch zu sagen nach alle dem, was bereits oben gesagt worden ist? — Kennt ihr nicht den alten, weisen Spruch: Im en ani ii, mi li? — Hört Ihr nicht in demselben den Associationögedanken leise durch, klingen, der in unseren Tagen in vollen, mächtigen Tönen durch -die Reihen aller Stände rauschet? . .. Doch auf eines müssen wir Euch noch aufmerksam machen. DaS Volksschulgesetz vom 14. Mai 1869 hat die jüdische Volksschule zur Privatanstalt gemacht und somit dem jüdischen Lehrer jedes Recht eines öffentlich angestellten Lehrers, namentlich PenstonSfähigkeit entzogen — er hat selbst für sich und die Seinigen zu sorgen. Die auf dem deutsch-böhmischen Lehrertage durchgeführte Debatte über Mängel des Volksschulgesetzes hat unS über die Tragweite dieses Gesetzes genugsam die Augen geöffnet — und haben sich wirklich sofort nach dieser Debatte mehrere College» unserem Vereine angeschlossen. Wohlan, theure College», wollt ihr noch ferner Eure Augen verschlossen chalten? Verscheuchet daS pessimistische Vorurtheil, daß unser Verein nicht lebensfähig sei, da er zu wenig Theilnahme bei den Gemeinden findet. Dem ist nicht so! ES hat sich vielmehr erwiesen, daß bei rühriger Tbä» ttgkeit der Vereinsmitglieder aus eine Kräftigung deS Vereins allerdings gerechnet werden darf. Auf also, College»! Ermannet Euch! Helfet Euch selbst, und eS wird Euch geholfen werden!" — Bukarest. Das Parlament beschäfttgt sich lebhaft mit der Frage, wie der Vermehrung der Jude« Einhalt zu thun sei. Man frage doch nur bei Pharao und HerodeS an. Die Bibel aber tröstet uns schon: „Je stärker man Israel bedrückte, desto mehr wuchs eS an Zahl und Macht. Paris. Die Juden haben aller Zeiten und aller Orten den Prügeljungen abgegeben. Die allgemeine Unzufriedenheit sucht auch hier ihre Ableiter bei den Juden auf. Trotz der vieljährigen Gleichstellung, in welcher die Frankreichs leben, verbindet man doch jetzt wieder vielfach mit den Worten „Juden und Judenthum" gehässige Begriffe. Selbst die Presse steht hierin nicht zurück. Um so mehr sollten sich die jüdischen nationale Deputirten in der Assembler ihrer Glaubensgenossen annehmen. Aber diese sind eher Vertreter des Finanzwesen«, als des JudenthumS, wofür sie kein Interesse zeigen. St Petersburg. Man beabsichtigt jetzt, die Russtficirung der Juven mit Ernst und Gewalt zu betreiben. Nicht bloS die Inden, sondern auch daS Judenthum will man naturalisiren. Im Leben nicht allein, auch in der Synagoge sollen die Inden russisch erscheinen; wir meinen nicht bloS rücksichtlich der Kleidung, sondern auch der Sprache. Man verbietet den Juden nicht bloS -die gewohnte Kleidung und den vermeintlich von Religionswegen gebotenen absonderlichen Haarwuchs der Männer und die zur Verbergung des HaareS eigenthümliche Kopfbedeckung der Frauen; man verbietet ihnen auch die Benutzung der hebräischen Sprache für die traditionellen Gebete. Psalmen und biblischen Vorlesungen^, für welche theilweise die hebräische Sprache obligatorisch ist, und schreibt die Benutzung der russischen Sprache vor, in welche die Urbersetzung der traditionellen Gebete und Vorlesungen erst in Auftrag gegeben werden soll, also noch nicht einmal vorgesehen ist. Auf diese Weise glaubt man Vaterlandsliebe in den Herzen der Juden zu erwecken und eine politische und sociale Verschmelzung der Juden und Russen zu erzielen. Die Absicht de« KaiserS mag gut fein, das Mittel seiner Räthe ist aber herzlich schlecht. Man denkt dabei unwillkürlich an die Judenverfolgungen griechischer und römischer Gewaltherrscher früherer Zeit. Petersburg, 14. April. Der Regierungsrath bestättgt, daß in Odessa am Oster-Montag, -Dienstag und -Mittwoch heftige Ercesse gegen die Juden von Seiten der Griechen stattfanden. Die Ordnung wurde durch Mli-