Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 12 (22.3.1871)
- Date
- 1871-03-22
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
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— 94 — an sriven friedliebrn Heerd zurückkehrende Krieger gewinnt, sagt man, mehr Energie und Kraft? Wird unS dieser Trost werden? Hoffen wir, daß der Krieg neben seinen Ueieln auch gute Früchte bringt. Wenn diese unheilvollen Tage weit hinter uns liegen werden, und man in der, Ecke des HeerdeS an den Icngeu Winterabenden stch davon erzählen wird, mag men stcb gern auch der geri'ngsügigen Ereixnisse dieses Kampfes erinnern. Tie kleinen Einzelheiten wurden bedeutend, daS kleine Elend ernst, die Einschränkung deknte ffch ov§ und die Entbehiung wurde nethwendig zum Zwecke der nationalen Vertheidigung. , Man weiß, weder die Kanonen der Preußen, nrü ihre Haubitzen, noch selbst der Aufruhr und die Un- ' einiakeit im Innern, sondern nur die HnngerSncth bat unS berwungen. Wenn die Schwierigkeit, sied Lebensmittel zu verfchaffey für Alle groß war, unüberwindlich war sie oft'für die frommen Beobachter der wofoifchen Gesetze. Tiefe haben bei Weitem mehr ertragen, als die klebrigen, undihre Ausdauer ist um so würdiger und bcachteilswerther. Ter Pariser Israelit) welcher feinen Religions- Vorschriften treu geblieben .ist und einen neuen Beweis von Anbänglickkeid an den Glauben unserer Väter lieferte, batte gleichzeitig eine doppelte Pfiickt zu erfüllen, diejenige eines Natienalgardisten und eines Israeliten. Unter solchen Verhältnissen feierten wir unsere drei großen Feste, an deren Schluß das Freudenfest Cimchath Thorax Die Mitglieder unsrer Gemeinde, welche Koscher-Fleisch essen wollten — und ihre Zahl ist noch sehr, groß in Paris — mußten halbe Nächte auf die Hertheilung der Karten warten, und zwar dem Regen und kaltem Winde ausgesetzt, um Einlaß in dir Koscher - Fleisch - Läden zu erlangen. Die Regierung, man muß es gestehen, hat eS für eine Pflicht erkannt, für Kofcher-Fleifch Sorge zu tragen, der Bürgermeister hatte durch Anschlag bekannt machen lassen, daß er zu diesem Zwecke neue besondere Schlächtereien für die Israeliten eröffnet habe. Aber in Folge der centrolisirten Beaufsichtigung der Schechita und auf ein einziges Schlachthaus ansünf- und mehrstündigem Warten» gedrängt, getreten» niedergkwerfen, doch eine magere Portion erlangt hatten. Wie Viele gingen aber leer aus und erhielten selbst Nichts, weder vor, noch nach dem Abende des VerföbnungStageS, batten auch lange vorher Nichts gehabt! Wie viele Nationalgardisten, welche nicht rechtzeitig um Befreiung vom Dienste am VersöhnungStage eivgrkrmm'n waren, waren in die traurige Nothwendigkeil versetzt, den Kol-Nidre - Abend auf den Festungswerken zuzubringen, aber sich jeden Genuß versagend! Wenige Wochen später körte jede Lieferung von Koscher Fleisch auf. Wie Viele haben da Krankheiten und dem Tod getrotzt*), um nickt Trefa zu essen! Andere waren in andrer Weise unengrnebm b,rührt von einem Mangel, welcker unsere Gemeinde nie getroffen hoi: weder Ethrrg, noch Lulaw kennten nach Paris gelangen,,und Cuccoth mußte obne diese gefeiert werden. (Hoschana fliabba gab es eine kleine, aber unzureickende Anzahl von Weiden). Außerdem mußten diejenigen, welche sonst gewohnt waren, (außer der Snoca^im TrouungSsaale deS EcnsistorialtempelS) sich eine Privatsucca im Hause zu bauen, dieser cnsenebmen Gewohnheit entsagen, in gerechter Rücksicht auf die öffentliche Meinung, welcke man durch die öffentliche Manifestation einer Freude nicht verletzen wollte. Zn Milten dieser traurigen Verhältnisse wurden die frommen Beter im großen Tempel auch noch durch die Abwesenheit der Choristen unangenehm berührt. Denn die Cboristen waren meistentbeils Deutsche, welche Paris hatten verlassen müssen. Gestehen wir es dennoch mit Befriedigung zu Ehren deS Chordirigenten, daß dvr Chor, wenn auch verkleinert, dennoch genügte, weil die Kinder jetzt richtiger und zahlreicher singen, als früher. Dies hat unS über die Entbehrung der Solisten getröstet, und man hat gefragt, ob man sich nicht auch in Zukunft damit begnügen könnte. Der Kolnidre-Dienst wurde durch Hrn. Naumburg mit einer großen Feierlichkeit versehen, gehoben durch die politische Lage. Am Jom-Kippur betete Herr Ketten mit einer genz besondere Weihe, — die Aboda war von gewiesen, waren unsere Glaubensgenossen gezwungen, fctocr Erhebung, welche sich mehr empfinden, als be ihre städtischen Karten, erst beim Konsistorium läßt. Wir sehen, trotz der Behauptung un- Kescher-Karten umzutauschen, und dann strömten lie Alle nach einem VerkeufSlaten. Dadurch entstand Anfangs ein unglaublicher Andrang, von Mitternacht an ein unerhörtes Durcheinander oller Köchinnen. Tie Menge war so zahlreich, daß bewaffnete Nationalgardisten nichts auSzurichten' vermochten. Während des SuocothfesteS erhob sich die Zahl der israelitischen Schlächtereien auf zwölf, die sich nun nach Quartieren vertheilten und verschiedene Läden errichteten. Nun nahm der Andrang ab und hörte endlich ganz auf. Glücklich w-ren noch diejenigen, welche nach vierserer Gegner ist das religiöse Gefühl in Frankreich nickt erloschen Dies hat der israelitische Bürger auf der Wache, auf dem gefährdeten Posten, den Kugeln und den Stürmen ausgesetzt, die gefährlicher sind, als das Feuer, bewiesen. Sein HauS hinter sich hat er die Empfindungen seines Herzens unterdrückt. Als wir *) Unter Anderem meldet die „P. I.", daß Lazare Kahn, Pater.'des Grcß-Rabbi»cn von Paris, in Folge dieser Entbehrungen gestorben lei.