Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 11 (15.3.1871)
- Date
- 1871-03-15
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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86 — Karlsruhe zwei uuabsehbar« Leichenzüge zum iSrael. Friedhofe. VormitagS 10 Uhr wurde die verstorbene 18jährige Tochter Sr. Ehrwürden de« Hrn. Rabbiner Willstädter*) unter dem Beileide oer ganzen Gemeind« beerdigt, wobei Herr Lehrer Scherer die Leichenrede hielt. Unter den vielen BeilerdS-Bezeigungen findet sich auch die Ihrer Kö n i gl. Hoheit der FrauGroßherzogin vonBaden. Mittags wurden die sterblichen Reste der verstorbenen 97jährigen Frau Bielefeld, Mutter de« GemeinderathS und ^ofbuchhändlerS Bielefeld daselbst dem Schooße der Erde übvrgeben. Die Leichenrede hierbei hielt Herr Dr. Friedmann aus Mannheim. Ihrem Wunsche gemäß thrile ich Ihnen die Ramm der von mir berichteten 4 Lieutenantmit. Es sind die Herren: Grumbacher, Bielefeld und.Hermann auS Karlsruhe und Kohn aus Mannheim. Götz in Graben und Hermann in Karlsruhe erhielten kürzlich Verdimstmedaillen. Soviel mir bekannt, hat der Krieg 2 jüdische'Soldaten in Baden als Opfer gefordert. Benny Levis au« Karlsruhe fiel bei Ruits, während ein Sohn des Abgeordneten Räff aus Freiburg erst die vorige Woche seinen Wundm erlag uud auf den iSr. Friedhof in Emmendingm beerdigt wurde. Billigheimer auS Eppingen, Friedberg aus Bruchsal und Homburger aus Karlsruhe wirken als Aerzte in den Lazarethen; von genannten Atzten besitzt.Hr. Billigheimer sogar Hauptmannsrang. Gerade im Begriffe, meine Notizen an Sie abgehen zu lasten, erhalte ich die heutige Nummer der „Karlsruher Zeitung" voraus ich mit Freude ersehe, daß m-in Freund, Lieutenant Emil Grumbacher mit dem Ritterkreuz 2. Klaffe mit Schwertern deS Ordens vom Zahringer Löwen döcorirt worden ist. Rothschild. Lemberg. Unser hiesiges Lehrpersonal wurde in der kurzen Frist eines halben Jahres bereits zum wiederholten Male an den Pranger des öffentlichen Mitleides gestellt; dem Direktor vr. Bernhard Sternberg gehört das Verdienst, seine AmtSkollcgen zuerst in den Augen der Oeffentl'chkeit als Mitleidsucher hingestellt zu haben, um auf deren Kosten seine Pläne auSzusühren. Beim Beginn deS Schuljahres fällt demselben Herm Direktor ein, von den aufzunehmenden Schülern eine Aufnahmsgebühr von je einen Gulden zu beheben^ um angeblich d.m Lehrpersonale doch etwas unter die Flügel zu greisen. Groß war die Aufregung der Gemeinde über .die neue und ungesetzliche Maßregel und legte sich erst, als man in der Meinung war, der Direktor werde diese Ausbeute seinem angeblichen Zwecke zuführen. Wie unangenehm, ja wie bitter so zu sagen die Enttäuschung der Hintergangenen Lehrer war, als von dm eingenommene« 800 st. Niemand auch nur die geringste Remuneratio« erhielt, lernt man begreifen, wmn man weiß, wie es einem Lehrer dahier ist, der bei diesen theurm Zeiten mehrere lebendige Jungen sein Eigen nennt, und mit einem Gehalt von 250 — 300 fl. als Unter- und mit 500 fl. al« Oberlehrer fungirt!!! Aus welchem Rechtstitel der Wnnderthaten-Dirrklor dieses so merkwürdige Eseamot auSgesührt, kann auch der sonst Befteingeweihte nicht erfahren. Diese« und noch manch anderes Faktum gehört zu den Mysterim de« hiesige« LehrrrwesenS, das hoch von keinem Strahle eines mo» dernen freien Geiste» beleuchtet wurde. Noch smfzt unsere Schule unter der Diktatur des Consortium« Blumenfeld-Sternberg; diese beiden RechtSgUehrte« halten noch die Zügel der Schulverfaffüng so wie anno dazumal, denn Ersterer Herr Dater-Inspektor, Letzterer Herr Schwiegersohn-Director bilden eine unzulängliche Phalanx und da sind Fragen verbotm und die nichtverbotenen überflüssig. O Direktor, e!g-ntlich Diclator, der du. deinen curulijchen Sessel dazu mißbrauchst, um deinem EgoismuSgoite goldene und silberne Altäre zu bauen auf Kosten der armen Lehrer und der Judengemeinde, auch dich wird die geißelnd« Hand der Oeffentlichkeit erreichen und deiner unlautera Alleinherrschaft ein wohlverdientes Ende bereiten! Kaum aber war es demmitfühlenden und mitdenkenden Publikum gegönnt, von der Entrüstung über die Handlungsweise des so humanen Direktor« sich zu erholen, als wir schon verblüfft vor einer ähnlichen Tbat neuesten Datums stehen. Der harre Wjnrerj die wirklich prekäre Lage der meisten Schullehrer haben Gemrindemitgliedern den Impuls gegeben, ein« Petition um Aufbesserung der Lehrergehalte dem Vorstände zu unterbreiten (da bekanntlich die Lehrer vom KoscherfleischfondS doli« werden). Diesmal aber sollte von der Siwpelsteuer der Gemeinde Etwas geschehen. Der hiesige Altersvorstand war in der That so gütig, die Petition huldvollst entgegen zu nehmeq und repartirte auch äm die Gemeindemitglirder mehr als im verflvsienen Jahre. Bei alldem gingen unsere Lehrer, um deren willen man die Simpelsteuer erhöhte —leer aus. Welches die Ursachen dieser unseren Lehrern zugefügten Kränkungen sein mögen, ist uns zu erkläre« unmöglich. Um so mehr erscheint eS ungerechtfertigt, wenn man bedenkt, daß für unsere Lehrer die Gefammtgemeindc (christliche) nichts thut! Einen sehr gegründeten und unwiderlegbaren Borwurfverdient wohl auch der Verein Schomer Israel in der Person seiner Leiter, da er, seiner Mission untreu, alle derlei Unbildenmit zusieht oder sie höchstens mit wenige« nichtssagenden Phrasen -im „Israelit" abthut, wen« i •) Schwager des Ministers Elstätter. Red.