Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 11 (15.3.1871)
- Date
- 1871-03-15
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 86 — fr nickt gar die Augen ,«drückt und die an Haupt-Gliedern und Reform so bedürftige Schule mit der schlaue« diplomatischen Redewendung abfertigt: Wir müssen »arten bis zur Durckberathitng des neum Gemeindestatutes. Mittlerweile bleibt Alles beim Schlendrian — wie vor dem Entstehen des so.riesigen und vielversprechende« Vereins Schomer Israel. Moskau, 20. Febr. Die Moskauer Blätter berichten von einer interesianten UntersachungSsache, die Ende vorigen Monats vor dem Criminialgerickt io Moskau gegen einen gewisien Katzmann verhandelt wurde, und die einen tiefen Einblick in das in Rußland herrschende abscheuliche Verfolgungssystem gegen Andersgläubige gewährt. Der Angeklagte ist beschuldigt. von der russisch-orthodoxen Kirche zum Judenlhnm übergetreten zu sein, und deßhalb durch das Gesetz mit lebenslänglicher Deportation nach Sibirien bedroht. Er gibt die ihm schuldgegebene und durch da« Gesetz zum schwersten Verbrechen gestempelte Eonversion in Bezug auf die äußere Handlung zu, leugnet sie aber in Bezug auf die innere Gesinnung und führt zu seiner Vertheidigung an, daß er von jüdischen Ellern geboren, in seinem elften Lebensjahr aber heimlich und auf gewaltsame Weise aus dem elterlichen Hause entführt und in eine entfernte Soldatenschule gebracht worden jii,' wo man ihn durch monatelang fortgesetzte körperliche Mißhandlungen und andere harte Strafen gezwungen habe, die christliche Taufe anzunehmen. Er habe noch bis zum letzten Augenblick, als er schon in Gegenwart des Geistlichen vor de»' Taufbrunnen stank, gegen, die ihm angethane Gewalt jammernd und weinend protestirt, aber auf seinen Protest sei keine Rücksicht genommen worden. Er habe deßhalb die gewaltsam an ihm vollzogene Taus- Handlung zwar dulden müssen, er habe sich aber nie al» Bekenner der orthodoxen Kirche betrachtet und auch nie am christlichen Gottesdienst oder an den Sakramenten Theil genommen, sondern sei in seinem Herzen der jüdischen Religion treu geblieben, und habe in späteren Jahren, als sich ihm die Gelegenheit dazu bot, sich auch wieder offen zu derselben bekannt. Dies mit sichtbarer innert r Rührung abgelegte und durch unverdächtige Beweis« der Wahrheit unterstützte Bv kmntniß machte aus die Richter und aus alle AW>esendeN einen so tiefen und erschütternden Eindruck, daß dem 28jährigen jungen Manne, der trotz aller Verfolgungen und Mißhandlungen seiner religiösen lleberzeugung treu geblieben war, von vielen Seiten die innigste Thettnahme kundgegeben wurde und durch einstimmigen Richterspruch seine gänzliche Frei» sp r echung erfolgte. Das mit aller bisherigen Rechtspraxis und selbst «st dem Buchstaben de« Gesetzes im Wiederspruch stehende frrisprechende Urtheil hat im Lager der russischen Orthodoxen große Entrüstung und Bestürzung hervorgerufeu, ist aber von allen edeldenkenden Ruffen und auch von einem Theil der russischen Tageepreffe mit lautem Beifall ausgenommen worden. sSo die russischen Blätter, deren Lectüre dem Berliner Oberkirchenraeh, insonderheit dem — Sohne des großen Hegel sowie dem Herrenhausmitglied Freiherrn v. Srnfft-Piksach bestens empfohlen f«UJ (Frf. I.) Lnn der Lahn, 24. Febr. Das Frankfurter Journal enthält folgendes: Geehrte Redaktion! ES ist bald ein Jahr, daß wir uns im »Frankfurter Journal"*) gegen jesuitrsche Zudringlichkeit zu verwahren suchten. Gegenwärtig sehen wir uns gedrungen, gegen pietistische Verleumdung aufzutreten. Cs hat nämlich dem evangelischen Oberkirchenrath zu Berlin gefallen, einen Erlaß, den Uebertritt zum Judenthum betreffend, an die evangelische Geistlichkett zu senden, worin derselbe in seiner gewohnten Weise das »Verabscheuungswürdige" eines solchen Schrittes darzuthun bestrebt ist! Wir würden auf dergleichen piettstische Auslassungen nichts erwidern — da wrr Israeliten uns nie der Proselytenmacherei mit deren säubern (!) Mitteln schuldig machten — wenn der hochgelehrte Oberkirchenrath nicht die unwahre Behauptung hinzugefügt hätte: daß wir heute noch in Haß und Feindschaft gegen Jesum verharren (*ic!). Nun, wir haben schon in unserer früheren Einsendung bemerkt, daß kein denkglllubiger Jsraelite sich zur » Dreiemigkeitslehre" verstehen kann, und daß Jesus selbst die reine Glaubenslehre vom »einzigen Gotte" als das vornehmste Gebot anerkannte (vgl. Marcus 12, 28-33 mit V. Moses 6. 4 und 5). Aber wir haben dabe, auch bemerkt, daß wir da? Verdienst Jesu um die Entnationalisirung der ewigen Ideen des Judenthums und deren Verbreitung unter die Heiden keineswegs verkennen; und dieses unparteiische Urtheil, welches wir **) (1864) in unseren »Erläuterungen zur biblisch-reinen Glaubens- und Pflichtenlehre" (Rr. 29, 51 56—58) näher beleuchtet hatten, wurde nicht nur von den Israeliten, soncern auch in der Monatsschxift des berühmten christlichen Theologen Franz Delitzsch — dessen Gelehrsamkeit und Orthodoxie gewiß jener des hochwcisen Oberkirchenraths nicht nachsteht — öffentlich anerkannt. Auf welcher Cette befindet sich nun Gehässigkeit gegen Andersgläubige? Ja, es wird einst die Zeit kommen, wo „wahre Eikenntniß" in religiösen wie in politischen und socialen Angelegenhrüen unseren Wohnplatz „die Erde crsüllt" ls. Jesaia 11, 9) und dann werden weder Jesuiten noch Pietisten, noch Pharisäer die Führer und Lehrer der Völker sein!! Dr. H. *) Zweite Vellage zu Nr. 112 des »Frankfurter Journals" vom 23. März 1870. **) Dr. Hochstädter aus Bad Ems. (Red. d. »I. L.") Briefkasten. Dr. E. in G. und R. in G.: Die Bücher waren beim Eintreffen Ihrer Briefe verkauft. Brief zur Ferienzeit. Kl.