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Der israelitische Lehrer · 1871-03-15 · 11 (15.3.1871) · p. Seite 82

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
11 (15.3.1871)
Date
1871-03-15
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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nehmen die drei ersten Evangelien den Standpunkt des Judenchristenthums ein, während das Evangelium Johannes nach der Lehre deS Paulu» und dem Geiste der griechischen Philosophie (Heidenthum) gefärbt ist. Vieles wurde später Behufs Uebereinstimmung vom Evangelium Johannes in die früheren übertragen. Jesu« mag auch abweichende Anschauungen gehabt haben, daS palästinensische Judenthum war ja seit CyruS und Alexander dem persischen Einflüsse und der griechischen Philosophie nicht fremd; im Allgemeinen aber hatte sich daS Bestreben Jesu dem demokratischen Kampf der Pharisäer gegen daS aristokratische Priesterthum der Sadducäer angeschlossen, besonders da piese in seiner Zeit von der herodianischen und römischen Partei gekauft, politisch gefärbt und den nationalen und religiösen Interessen des Landes entfremdet und feindlich gesinnt waren. Jesu Anschauungen mögen freie gewesen sein, nach Art der Propheten mehr Werth auf die Ideen der Religion, als deren Formen legend, ohne jedoch diese für überflüsfig zu erklären, zumal er Solche zu gewinnen suchte, welche der Religion fern standen: heidnische Galiläer und heterodoxe Samaritaner. Aber seine abweichenden Anschauungen zogen ihm gewiß keine religiösen Verfolgungen zu, denn die verschiedensten Ansichten gingen immer in Israel ungestört neben einander her, ohne persönliche Anfeindungen nach sich zu ziehen. Jesu Verfolgung hatte vielmehr «inen politischen Grund; sie wurde von Priestern und Römern betrieben, welche jede gegensätzliche uno feindliche, besonders demokratische und politische Bewegung zu unterdrücken suchten. Dafür spricht auch 'seine TodeSart, welche durchaus keine jüdische ist; der Kreuzestod war entschieden römisch. Nicht einmal seine Verurteilung erfolgte nach jüdischen Gesetzen und Formen. Dafür spricht tue Inschrift deS Kreuzes, welche den Grund seiner Hinrichtung allgebend,. ihn als König der Juden bezeichnet und somit seine politische Gefährlichkeit auSspricht, indem er die bestehende Regierung zu stürzen und sich die KönigSkrone aufzusetzen vorgehabt habe. Darauf bezieht sich dann auch, daß die römischen Soldaten, welche am Kreuze Wache hinten, zum Hohne ihm die Dornenkrone aufsetzten.' Von Haß gegm Jesu war daher nie bei den Juden die Rede. Selbst das gegensätzliche Christenthum des Paulus ward nie als ein feindseliges angesehen. Man erkannte vielmehr den welthistorischen Beruf desielben an, da eS ebenfalls als ein Glied in der religiös-sittlichen, überhaupt culturgesckichtlichen Entwickelung der Menschheit gilt. DaS Christenthum hatte die.Aufgabe, dm Völkern die Wahrheit' deS JudmthumS zu vermitteln; die religiösen Abweichungen erklärte man sich durch die in Folge der Berühmng mit den Völkern nothwmdig gewordene 'Aufnahme heidnischer Elemente, durch daS Zugeständniß 'von Conceffionen und Eingehung von Compromiffen. Freilich sieht da» Judenthum in diesen Bemühungen nur die Brücke, auf welcher die Tochter schließlich die Völker der Mutter zuführen wird. Die Zukunft der Menschheit erkennt daS Judenthum sich zu, aber eS erkennt das Christenthum al» seinen Mitarbeiter im Weinberg« de« Herrn an; Zeugniß genug, daß von keinem Hasse der Juden gegen daS Christenthum die Rcdesein kann, sondern daß fie zur gemeinsamm Arbeit im Dienste der Menschheit sich anschließen und die brüderliche Vereinigung Aller erstreben, alles ertuldete Leid und Unrecht auch, welche» aus Christenbaß ihnen angethan wordm, in Nachgiebigkeit und Versöhnlichkeit gern vergesien und in wahrhafter Nächstenliebe friedlich die Hand zur Ver-!>ebung reichen. — Und doch wird der Haß gegen ie immer auf'S neue wieder angeschürt l Ein knechtisches Joch nennt man das Judenthum! Gott hat Israel au« der Knechtschaft zur „Freiheit" geführt, und ein „Fest der Freiheit" alljährlich zu feiern angeordnet, um die Idee der Freiheit unk die Bestimmung deS Menschen zur Freiheit wach und lebendig zu erhalten. Die Sittlichkeit, da« Wahrhafte der Religion und im Judenthum wie Christenthum übereinstimmend, beruht auf „Freiheit," auf eigener Erkenntniß und „freier" Entschließung. Der Mensch hat darin seine unterschiedliche Bestimmung und Würde, daß er nicht, wie die Naturschöpfung an ein äußerliches Gesetz knechtisch gebunden ist, wovon diese nicht loSkommen und sich befreien kann. Der Mensch kann daS Bös« thun, er soll aber daS Gute wählen. Dies ist seine Freiheit. Und dennoch stehen die Priacipim der Moral als ewige« Gesetz da, weil sie absolut wahr undnothwendig sind wie Gott, und darum von Gott. DaS Judenthum erklärteste als „Gesetz," wie die Philosophie sie den kategorischen Imperativ nennt. Alzey. vr. R. Zum Ilriede». (Schluß.) - ES ist eigenthümlich; wir wolltm vom Frieder, sprechen und — da stehen wir mitten lm Kampfe für unser Recht und unsere Ueberzeugungen. Aber, wer sollte nicht von gerechtem Zorne erfüllt werden, wenn er steht, wie die kleine aber mächtige Partei, die in Preußen, — auch jetzt, und wer weiß, wie lange noch? — das Ruder führt, zu so plumpen Künsten greift, um

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