Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 7 (15.2.1871)
- Date
- 1871-02-15
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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erprobe. Die heilige Schrift verbietet allen Men» schen — nicht nur den Jlkaeltten, eS ist ein noahittscheS Gebot — den Geiiuß des Blutes, als den Menschen verthierend; und eS ist dies ein großes, auf der erhebendsten sittlich-psychologischen Wahrheit bastrendeS Gebot. Läßt eS sich leugnen, daß das feinere, edlere Gefühl sich .vielfach abstumpst durch die Gewohnheit des Blutvergießens? Wir glaubm sogar, daß diese Gefahr näher liegt bei dem blosen Schichter, als bei dem Metzger, da bei diesem die fortgesetzte Arbeit zur Gewinnung deS Fleisches dem Tödten einen realen Zweck-gibt. Als die Culturbestrebungen im Judenthum aufwärts, schritten und die Regierungen mit den fortschrettenden Gemeindevorstäadea Hand in Hand gingen, wurde den „geprüften" Lehrern fast überall die Uebernahme des TchächtrrdiensteS verboten. Dieses Gesetz ist ebenso stillfast überall wieder abrogirt und umgangen worden, seitdem die Regierungen keine Theilnähme mehr für die innere Hebung des JudenthumS zeigen; die Lehrer sind in den meisten Fällen wieder Schichter geworden; der Schächter ist die erste, die nothwendigste Person in der Gemeinde. Manche Lehrerstelle bliebe unbesetzt, wenn man den Schochet nicht brauchte und die Lehrerstellen werden oft in der Form ausgeschrieben: „wir suchen einen Schächter und Cantor, der auch dm Religionsunterricht ertheilm kann." Zmgt das vom Fort- oder Rückschreiten des LehrerwesenS? Wir wollm diese Polemik nicht weiter auSspinnen. Mögm jedoch unsere geschätzten Leser vor Allem einmal diesen Punkt inS Auge fasten; er wird bedeutsame Folgerungen ergebm. Wie werdm die Lehrer aufgmommen? Bor Zeiten kam wohl zuweilm eia Vorsteher auS einer benachbarten ReligionSgemeinde zu unS, um die dortige Lehrerstelle ausschreiben zu lasten. „Schreiben Sie unsere. Stelle auS; der Lehrer muß gut leinen*) könnm; schichen Sie uns bald einen Mann, wenn er auch nicht so ganz recht ist. „Wir copulireu uns mit keinem Lehrer." Werden unsere geschätztm Leser leugnm, daß diese bezeichnmdm Worte, bei der größtm Zahl der Lehreranstellungen maßgebend sind? „wir copuliren unS mit keinem Lehrer." Die Lehrerstelle wird vacaut, ausgeschrieben. Ein Lehrer oder mehrere melden sich, werdm beschrieben, kommen, „Ich kam, ich sah und siegte." WaS ist bei der Aufnahme maßgebend? Der Charakter, die Tüchttgkeit, das klar« Streben,' die Begeisterung für den Beruf? O, diese Nebensachen find einem großm Theile unserer jungen und alten Lehrer abhanden gekommen, *) Die Thora beim öffentlichen Gottesdienste vorlesen. wenn sie sie je besSstei» «haben. Eitze «rStstl^Routine oder Tournure, höchstens ein klein wenig Takt beim Vorbeten, das gibt den Ausschlag. - Die Sache hat ja weiter keine Bedeutung. Gefällt uns der Lehrer nach einer kürzeren oder längeren Frist nicht, so — „sind wir ja nicht mit ihm copulirt." Gesetzt aber auch, er gefiele längere Zeit; er wäre der rechte Mann. Kann er darum auf ein dauerndes Verbleiben rechnen? Wir wissen, welche Verhältnisse in dieser Beziehung obtvalten. Rach immer sind die meisten Lehrer — Wanderlehrer; nur in den seltenstm Fällen suchen die Gemeindm ihre Lehrer dauernd an sich zu fesseln. So ist also die Wahl, die Aufnahme ein Ding des Zufalls, über das sich Wmige Rechenschaft geben. Der Lehrer kommt — der Lehrer geht. O, eS ist traurig, eS ist schrecklich, daß es so ist und sein kann «nd vqrf, und. daß nichts geschieht, um in dieser Richtung eine bleibende Umgestaltung herbeizuführen. Ist eS nicht Pflicht des Vorstandes, bei der Wahl eine» Lehrer» mit all der Behutsamkeit zu Werke zu gehen, welche die Aufnahme eine» Gemeindebeamtm von so immmsem Einfluß auf die Gestaltung und Fortentwicklung deS religiösen Gemeindelebens erfordert? Ist eS nicht Pflicht, sich zu vergewisiern, daß der Aufzunehmende seiner Stellung dnrch Wissen und Befähigung gewachsen, durch gediegenen Charakter würdig ist? Ist e» dann nicht aber auch Pflicht, diesem Manne eine seinem Amte und seiner persönlichen Würde entsprechende feste Stellung in der Gemeinde zu geben? Soll der Lehrer nie und nimmermehr festwachsrn in dem Boden, den ihm di« Vorsehung zur Cultur übergeben? Soll er nimmermehr sich erfreuen an den Früchten, die er gesäet? Soll er nicht sein Gemüth aufrichten an der Dankbarkeit des Mannes und der Frau, zu deren inneren Entwicklung er die ersten'Keime in Herz und Geist gelegt? Soll er selbst nicht eine Heimath, eine stetig bleibende Stätte habm, für sich, für sein Weib und sein« Kinder? DaS sind herzzerreißende Zustände, die wir so oft schon geschlldert haben, daß wir glauben dürften, eS sollte endlich bester werden! Wann? Wann? Wohl, wir leugnen selbst nicht, daß ein großer Theil unserer College» ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist. Wir gestehen die» mit dem tiefsten Schmerze zu obwohl wir d e m Manne, der den Lehrern soebm diesen Vorwurf in der bekannten wegwerfenden Manier, auf einer durchaus ungeeigneten Stelle als Schmach in» Angesicht schleuderte, das Recht, es zu sagen, durchaus versagen müsten. Nein, dort war nicht der Platz und Er hat da» Recht nicht, Er weni-