Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 4 (25.1.1871)
- Date
- 1871-01-25
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einer eigentlich verschwindenden Minorität bestehend, welche ihren Kandidaten auS der Schule Bamberger'S oder Hildesheimers ein blutjunges Bachurchen, das über seine Leistungsfähigkeit und Charakter durchaus keinen -Beweis liefern kann - bereits in der Tasche hat. Nun wird, gewühlt und iw Geheimen agitirt; in anderen Fällen auch gegen den Vorstand conspirirt. ES wird, wie Thatsachen erweisen, keine Maßregel gescheut, um den von oben desiguirteu Kandidaten durchzusetzen Man zeigt allen Stimmberechtigten, Einflußreichen, im Hintergründe gewiste Dortheile. Der Kandidat ist reich, er braucht daher ein geringes Gehalt (vom geringen Gehalt desselben schweigt man wohlweislich). Er istHeirathskandidat: für manchen Vater eine sehr gewichtige Eigenschaft. Er gibt der Gemeinde ein koscheres Air und dem Koscherwein einen größeren Absatz. Man pactirt mit den Indifferenten und diese sagen sich: w i r sind aufgeklärt; wir brauchen gar keinen Rabbinen; laßt doch den armen Unaufgeklärten das Vergnügen, eipen Rabbiner ihrer Farbe zu bekommen. Man droht den Schüchternen und Abhängigen, den Armen und Hülflosen, den Färb- und Charakterlosen. Sind die Wühler, die „Faiseurs", wirkliche, überzeugungstreue, fromme Zuden im alten Sinne, Orthodoxe von echtem Schrot und Korn? O Gott bewahre! Deren gibt es in unserer Zeit nur äußerst Wenige. Einzelne mögen unter ihnen sein, die eS ehrlich meinen, die in ihrem Schwärmereifer wirklich daran, wie anflchftlbst glauben; die in ihrem eingebildeten Fanatismus wähnen, dem Rade der Zeit einen Hemmschuh anlegen 'zu können. Die Anderen, die Mehrzahl, nun, die flnd Wohldiener; der Troß, der nur Unfrieden machen,' ein Gemeindeämtchen erhaschen will. DaS sind Männer, die nichts weniger als orthodox sind. Sie scheuen sich durchaus nicht, bei ihren Geschäftsreisen im Jntereffe des orthodoxen Rabbinen ein Gläschen Nesech zu trinken; sind in der Hauptsache, in der Sabbatfeier, durchaus nicht so rigorös, sie verstehen eben überhaupt nur ihren Vortheil; aber sie wollen durchaus eine Rolle spielen, und sie spielen — mit dem Gerissen, mit dem Heile -und der Zukunft ihrer Religionsgemeinde. Wir erzählen nicht, aber wir erfinden auch nicht. Es ist Alles schon da gewesen, wie selbst jener Neuorthodoxe in Wien oder Berlin beweist, der sich für den ftrengorthodoxen Rabbiner verwandte, und als man ihm von der Anforderung dieser Richtung sprach, sich nicht mit. dem Scheermeffer den Bart abnehmen zu lasten, das sichtbarste Zeichen eines wahren Orthodoxen, erwiderte: »Nun, ich werde mich, unserem frommen Rabbiner zu Liebe, ferner amSonnabend nicht mehr rasiren lasten." Er glaubte, das Gesetz des ScheermesterS sei ein Sabbatgesrtz. ES kommen die Probepredigten, eine nach der anderen; die „neuen" zuerst, und nach dem bekannten Grundsätze: „das Beste zuletzt," schließt der ftomme Kandidat die Reihe der Probepredigttn. Man sucht e« mindestens so zu ordnen, daß höchstens noch ein nichtssagender Kandidat nachfolgt. Der junge Mann ist äußerlich wohl gebildet, hat ein^gelehrteS Ansehen, ein frommes und bescheidenes Auftreten, glatt wie ein Aal — waS zwar bekanntlich ein unkoscherer Fisch ist —, trägt sein Morenukäppchen und Mantel mit einer ganz außerordentlichen Koketterie, hüllt sich in sein TaliS wie ein Schauspieler in seinen spanischen Mantel, — Scheinheiligkeit ist selbst Koketterie und wohnt mit dieser sehr oft zusammen; die Haarscheitel tragenden Frauen haben den theuersten und kokettesten Kopfputz, — wirst in seiner wohleinstudierten Predigt mit volltönenden Phrasen um sich, die eben so liberal als orthodox, eben so zeitgemäß und dem Zeitgeiste huldigend, als reaettonär gedeutet werden können; die Alles und Nichts sind; ißt bei einem frommen VorstandSmitgsiede mit bedecktem Haupte und unter strengster Einhaltung aller Observanzen, verschmäht eS jedoch auch nicht bei den fortgeschrittenen Mitgliedern vorzusprechen und dort anders zu sprechen und zu thun, seine liberalen Anschauungen der Ueberzeugung Anderer gegenüber auSzukramen; nimmt sogar unter strengster Diskretion — der Gegner willen! — ein GlaS unkoscheren Weines und ein nicht ganz correct koscheres Abendeste» mit unbedecktem Haupte. Der Zweck heiligt ja eben die Mittel! (Wer lagt das?) Man verschmäht unter Umständen auch nicht, bei einflußreichen Mitgliedern mit heirathsfähigen Töchtern vorzusprechen und Absichten durchblicken zu lasten, Alles sä majoram Dei gloriam! So werden Rabbiner gemacht — gewählt. So entscheiden die Gemeinden über ihr geistige« und religiöses Wohl für eine lange Zeit, und da diese Zeit eine Uebergangsperiode ist — vielleicht für immer. So kommt es, daß in der Gegenwart, mit wenigen Ausnahmen, in den allergrößten Gemeinden, zumeist nur junge, ver orthodoxen Schule angehörige, noch nicht praktisch geprüfte Rabbinen angestellt werden, während ältere und verdiente Männer auf ihren, obskuren Stellen sitzen bleiben. Der Ton, in dem wir dies schreiben, mag Manchem allzu bitter dünken. Für unS gilt jedoch nur die Wahrheit. Und so fraz-n wir: Entspricht unsere Darstellung der Wahrheit? Wir könnten Punkt für Punkt mit Thatsachen belegen. Wir wollen diese Thatsachen nun einer weiteren Betrachtung unterziehen. (Fortsetzung folgt.)