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Der israelitische Lehrer · 1870-12-21 · 51 (21.12.1870) · p. Seite 414

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
51 (21.12.1870)
Date
1870-12-21
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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414 — Wien, 11. Der. Auch hier ist ein konfessionsloser Friedhof eingerichtet worden, auf welchem Juden, Katholiken und Protestanten ihre Todteri neben einander begraben. Jüdischer Seite wurde nun in der Berathung dex Stadtverordnetm von ftm. Pollak eingewandt, daß die Ausgrabung der Leichen, wie sie von den Christen nicht gescheut wird, von den Juden perhorreScirt werde, und in Rücksicht hierauf diese in der Benutzung des konfessionslosen Friedhofs ein Hinderniß finden würden. Tie Richtung unserer Zeit dringt aber darauf, alle Einrichtungen, welche nicht kirchlich sind, konfessionslos zu machen, und so bestand man denn auf Einrichtung eines konfessionslosen Friedhofs unter dem Rufe: Wenn daS Concordat unter den Lebenden nicht mehr besteht, soll es auch unter den Tobten nicht aufrecht erhalten werben. Für die Leser Ihres geschätzten Blalttes wird diese Nachricht um sv mehr Interesse haben, als dieses bei Behandlung der Alzeyer -Begräbnißfrage den ersten Anstoß zur Einrichtung konfessionsloser Friedhöfe gab. Dr. Rothschild erörterte in seinem damaligen Gutachten die Frage mit - erschöpfender Sachkenntniß und ebenso scharfsinnigem als gemessenem Uriheil. Das eben erwähnte Hinderniß wegen Ausgrabung der Leichen wurde indeß auch von ihm geltend gemocht und aufreä t erhalten. Jedenfalls steht diese städtische Einrichtung aber dem von. Staarswegen m;b auf Staatskosten zu errichtenden Staatöseminar würdig zur Seite. In gleicher Weise ist die Ernennung des auch auswärts bekannten Dr Maximilian Engel zum Mitglied des Provinzial-Schul- und Unterrichtsraths' zu erwähnen. — Gustav von Heine, Bruder des Dich-' ters Heinrich-Heine, als Herausgeber des Frcmdenblatts b«könnt, ist durch dieses eine Blatt reicher geworden , als sein Bruder durch Herausgabe vieler Blätter geworden war. Sein jüdisches Herz hat er aber bewahrt und dies durch Ueberfveifung von 25000 Gulden an die Stadt Wien bewiesen, unter denen eine konfessionslose Stiftung von 8000 Gulden für Wittwen und Waisen fignrirt. Eine andere Stiftung für weibliche Wai'en, welche in jüngster Zeit hur errichtet worden, zeichnet 'sich dgburch aus, daß außer der Erziehung auch durch Vorsehung einer Mitgist für die zu^erheirathendcn Waisen gesorgt ist. Wien, 12. Drr. In den jüngsten Tagen sollte eine Trauung Statt finden, für welche nicht blcs die Hochzeitsleute, sondern auch" der Prediger bereit stand, als die Handlung abgemeldet wurde, weil der Bräutigam fehlte und nirgends zu finden war, auch bis heute noch nicht aufgefunden worden ist. - Ein anderes Paar wollte sich konfessionslos trauen lasien, weil der Bräutigam Jude, die Braut aber Katholikin war, aber jetzt nicht'mehr ist, weil sie Jüdin geworden ist. Die katholischen Eltern, welche ihrer Tochter die ConfessionSlostgkeit nicht verzeihen wollten und deßhalb der Heirath nicht günstig waren, haben sich mit ihrer jüdischen Tochter auSgesöhnt und der durch den jüdischen Prediger vollzogenen Trauung assistirt. ES ist dies auch ein Zeichen der Zeit, welches den konfessionslosen Bestrebungen der Gegenwart gegenüber wohl zu bedenken gibt. Man erkennt, daß daS Volk weniger konfessionell gesonnen ist und weniger auf konfessionelle Scheidung hindrängt, als von mancker Seite gewünscht und erstrebt wird. Coi.fessionslcs will das Volk schon sein, aber relgionSloS will es .sich nicht machen lasien. Man sieht, das Volk hat einen bessern Begriff von Religion, als manche ron deren Trägern und Lehrern. In der jüdischen Gemeinde wird auch die Orgelfrage debattirt, da der Vorstand beabsichtigt, eine Orgel kauen zu lassen und Einer in der Gemeinde die Kosten bestreiten will. Die Orthodoxie opponirt sehr stark. Der Verein zur Unterstützung mittelloser jüdischer Siudenten hat seine Jahressitzung gehalten. Da viele vom Vereine unterstützte Männer bereits Stellung im Leben gewonnen haben, als Rabbiner, Aerzte, Anwälte: so hat der Verein viele Freunde und Gönner. Scllst der verstorbene Rabbiner Hurwitz gehörte zu diesen, und seiner wurde deßhalb auch vom Berichterstatter wohlwollend gedacht, wohl in der Absicht auch, die. Orthodoxie dafür zu gewinnen. Mit Recht wurde von anderer Seite hervcrgehobcn, daß ohne solche Nebenrücksichten der Verein sich durch sich selbst empfehle, da er helfe, Bildung und Wissenschaft fördern und verbreiten. H. v. KönigSwarter glaubte, dem Vereine eine finanzielle Förderung dadurch geben zu sollen, daß man den mittellosen Studenten zum Ettheilcn von Lektionen verhelfen. Man lehnte dies ab, weil man in diesim Falle auch Kenntniß von den pädagogischen Fähigkeiten der Studenten haben und sie zu diesim Behufe einer Prüiung unterwerfen müsse. Niemanden fiel es ein, wie wenig eS sich fürWisienschaft uud Slud um empfehle, Zeit und Geisteskraft auf die Ertbeilung von ermüdenden und abspannenden Lektionen zu verwenden. Dem Finanzmanne verzeihen wir dies, aber von den Fachmännern der Wissenschaft und Pädagogik, welche zugegen waren, wäre mehr Pr nc p und Erfahrung in diesem Punkte zu erwarten gewesen. Lerobrrg,!0. Dec. Die Josephinische Judenordnung von 1789 ist aufgehoben. Hiernach hatte in der Gemeinde nur der Hausbesitzer das aktive Wahlrecht, das passive war außerdem von der Kenntniß der deutschen Sprache abhängig. Jetzt soll jeder Contribuent wählen und gewählt werden dürfen. Man sieht

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