Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 51 (21.12.1870)
- Date
- 1870-12-21
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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— 415 — den eigenthümlichen Hausbesitz als nebensächlich und die Acnntniß der deutschenSprache zur Zeit als selbstverständlich an. Die Regierung behält sich nur das OberaufstchtSrccht vor. Sie hebt außerdem das Institut der Kreisrabbiner auf und schreibt dafür die Einsetzung von Landrabbinern vor. Wir können die Weisheit der Regierung nur loben. D'e Orthodoxie aber opponirt wieder und widersetzt stch jeder Neuerung, aiicb die Jvsephinische beschränkende Judenordnung wie ein vom Sinai offenbartes GotteSzebot vertheidigend. rf c n i I 1.1 t © tt. Are französischen Inden. (Schluß. Mit einem Worte: die Juden von Elsaß und Lothringen'sehen der Annexion mit größer Besorgniß, mit Zittern und Beben entgegen. Ich weiß eS gewiß, daß bereits aus verschiedenen Gemeinden und von vielen Privaten an Vorsteher, Rabbiner und andere Notable in Deutschland Klagen und besorgt; Anfragen ergangen sind, was man vnn der Zukunft zu erwarten, und welche Maßregeln zu ergreifen seien, um so viel als möglich den drohenden Uebeln vorzubeugen? Es steht auch fest, daß im Falle einer defiiil^ tiven Annexion von Elsaß und Lothringen ein starker Exodus der Juden aus diesen Provinzen in das innere Frankreich stattfinden, und daß diese an Geld und gewerblicher Thätigkrit viel verlieren werden, Letzteres umsomehr, als gewiß auch viele Christen und merkwürdigerweise meist auS dem oberen Elsaß, aus Mühlhausen und Umgegend, auSwandern werden — wie große Verluste auch mit dem Verlassen und Aufgeben großer industrieller Anlagen verbunden sein mögen. Auch dieses ist — nebenbei gesagt — eine auffallende Erscheinung, daß trotz aller Aufreizung der Katholiken durch die Geistlichkeit gegen die Ketzer die Protestanten deS Elsaß, die doch mit Deutschland durch so viele Bande Zusammenhängen, fanatischer gegen unö gestimmt sind, als die Katholiken. *) Ein gebildeter Jude aus Straßburgr der Deutschland ganz gut kennt und in Preußen Anverwandten hat, antwortete mir, als ich seine Besorgniffe zerstreuen 5 Das kommt eben daher, daß trotzdem die Gleichheit ilte in staatlcher und socialer Beziehung eine so tiefeingelebte Thatsache ist, daß auch der fanatischste katholische Pfaffe nicht daran dachte, daß dieselbe anzutastcn möglich sei! Red. d. I. L. wollte, und ihm versicherte, das es bei uns auch nicht so arg sei: daß die Juden, die eS in Deutschland i» öffentlichen Leben zu etwas gebracht, doch fast durchgängig getaufte Juden seien; Von diesem vewerflichen Mittel, eS zu etwas zu bringen, walle man in Frankreich nichts wiffen; die Taufe aus Eigennutz oder Ehrgeiz,- überhaupt die Taufe, komme im Elsaß selten vor, und das sei ein Hauptbeweis, daß man in Frankreich freier fei. Stünden, meinte er, die Elsaß-Lothringer Juden auf dem hohen Standpunkte der Bildung deutscher Juden, die ganze Welt stünde ihnen offen ohne die Taufe. Trotzdem sie an Bildung wie an Zahl;tief hinter den deutschen Juden zurückstehen, so haben eS doch eine verhältnißmäßig weit größere Anzahl ungetaufter Juden in Frankreich zu hohen und -geachteten Stellungen, zu bedeutenden Namen gebracht, wie die Herren Goudchax, Cremieux, Frank, Cerf-Beer, Javal, Leon Gozlan, Halövy rc. beweisen; ja selbst deutsche Juden, wie z. B. Herr Munck, hätten sich in Frankreich, obwohl Fremde, Stellungen errungen, zu denen sie ^n ihrer Heimath nie gekommen wären. DaS seinerzeit vielbesprochene Treiben deS Herrn Abbe Ratisbonne, das mit so großer Geschicklichkeit in Scene gesetzt worden, sei trotz aller Vortheile, die ein Anschluß an sie und ihre Secte gebracht hätte, im Elsaß spurlos vorübergegangen, und die Abbes Bauer und Hermann/ die ihre Lorbeeren nicht schlafen ließen, seien deutsche Jaden; Beweis genug. daß die franzöfischen Juden, obwohl weniger gebildet alL-die deutschen, mehr Raum zu einer würdigen ExWjz; besäßen und solcher verwerflicher Mittel, um sich eine Stellung zu machen und Einfluß zu gewinnen, nicht bedürfen. Der Grund davon liege in den freiheitlichen Traditionen und dem Gleichheitsgefühl, auf welche beide man leider unter deutscher Herrschaft nicht hoffen könne. Der Patriotismus der Juden und ihre Theilnahme am Kriege, die sie selbst vielleicht am meiste,» überrascht, haben übrigens schon ihre sazenbildende Kraft bewährt. Man .erzählt mir viele sonderbare Geschichten von jüdischm Mobilen' und Freischützen, die ich übergehe, obwohl sie manches Charakteristische enthalten mögen, um nur die curiose Geschichte von Feiwisch Lion kurz zu erwähnen. Gleich bei der Schlacht bei Wörth holte Feiwisch (d. i. PhöbuS) Lion) seine alte LieutenautS-Uniform hervor, um sich wieder zum Soldaten zu machen. Er hatte in Afrika gedient und es von der Pik« auf zum Lieutenant gebracht. Krankheit und Sehnsucht nach der Heimath bewogen ihn, zu quittiren, und da er für den Hnndel. verdorben war und in seiner Jugend als Bachur und Rabbinats-Candidat etwas gelernt hatte, ließ er sich in einer kleinen Gemeinde bei Hagenau als Lehrer einer hebräischen Knabenschule und als eine Art klei-