Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 51 (21.12.1870)
- Date
- 1870-12-21
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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412 zeichnende Schattenriß spiegelt das folgende (die „Austreibung der Deutschen aus Frankreichs schildernde) Genrebild (von O. M.) sowohl die gegenwärttgen Leiden der Juden in Rumänien als auch überhaupt die Jahrhunderte hindurch zu größtem Verderb der Dränger selbst gegen das israelitische Geschlecht gehaltene Hetzjagd: „Die Rohheit und RuchlosigkeitdeS französischen Volkes hat sich im gegenwärtigen Kriege hauptsächlich dadurch kundgethan, daß diese korrupte Nation, nicht zufrieden mit dem, was der Krieg an sich schon Schauerliches und Schreckliches hat, die feindseligste Erbitterung und Verfolgung auch auf diejenigen Angehörigen unserer Ration ausdehnte, welche in friedlicher und fruchtbringender Beschäftigung in den verschiedenen Erwerbszweigen bisher unter ihnen lebten.' Wie unendlich viel von ihrem industriellen Wohlstand und Ansehen verdankten die Franzosen seither dem.geduldigen Fleiß und der Geschicklichkeit der deutschen Arbeiter, die in jeder Beziehung zuverläßiger, ausdauernder und emsiger waren als ihre eignen, und diese meist auch ihrem Bildungsgrade nach überragten! Alle diese Deutschen, größtentheils schon seit vielen Jahren in Frankreich lebend, waren dem ausgebrochenen Kriege fremd und begehrten nichts Anderes, als während des Krieges ihren friedlichen Beschäftigungen nachzugehrn, insoweit diese durch den Krieg selber keine Störung erlitten." Nachdem hierauf auseinandergesetztwie Regierung und Volk, Gesetzgeber, Presse und Wissenschaft, Hohe und Niedrige allesammt, mit geringen Ausnahmen, einmüthig die Malttaitirung und Exilirung der unschuldigen und nützlichen Fremden - predigt^ ,'und übten, heißt es divinatorisch treffend am Schluffe:" „Frankreich wird aber auch die materiellen Folgen dieser Schändlichkeiten in Zukunft schwer. empfinden. Wie seiner Zeit die Zurücknahme.des Edicts von Nantes dem französischen Gewerbfleiß die schwersten Wunde schlug, indem sie eine Menge fleißiger, geschickter Arbeiter in'S Ausland jagte, um dort ihre Erwerbszweige zu lehren und zu betrechen, so wird die specisisch fransische Industrie in, den Luxusgewerben durch die jetzige Vertreibung der deutschen Arbeiter eine Schädigung erhalten, welche sich auf Jahrhundertefühlbar machen wird. Waren denn nicht besonders in allen größeren Werkstätten und Flecken Frankreichs' deutsche Arbeiter die begehrteren, die mit den ersten und feinsten Arbeiten betrauten, die Vormänner, und EcntremaltreS? War es nicht neben der aufgehehten politischen Leidenschaft auch vorzugsweise der Brodneid des gemeinen französischen Arbeiters und des grundliederlichen Porlerariats, welche die Exceffe gegen die sparsameren, fleißigeren, solideren und zuverläffigeren Deutschen hervorries?" — „WaS du nicht willst, daß man dir's lhu', das füg' auch nicht dem Nächsten zu," diese vom alten Hillel, dem Sanftmüthigen, für Jedermann faßlich gegebene negative Paraphrase des großen Princip» „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" (weil die p ositive Bethätigung. doch nur von den Auserwählten der Menschheit und auch da nur aanährungSweise in vollem Umfange zu bewerkstelligen), sie sollte doch die undurchdringliche Schranke für allen Verkehr der Menschen im Großen und Ganzen sein, wenn auch nie zu verhindern sein möchte, daß im Einzelnen vielfach dagegen gesündigt werde. Und wäre diese Mindestforderung, die man an jede cioilisirte Gemeinschaft zu stellen berechtigt ist, darum noch zu hoch gegriffen, weil die große Menge vom Egoismus noch zu sehr beherrscht wird, um ohne Hoffnung auf zeitlichen Gewinn, nur um seiner selbst willen, das Rechte nnd Löbliche zu vollbringen, das Gegentheil aber zu unterlassen, d. h. den Lehrsatz des noch älteren Antigonus (Ipr. d. V. I., 3: Seiet nicht wie Lnechte, die dem Herrn um Lohn dienen) zu befolgen, fö— foütc doch eine doppelte alltägliche Wahrnehmung vor solch' eben so unklugem als unmoralischem Verfahren hüten; die Erfahrung nämlich, daß einerseits Eigennutz "nd BoShett, indem sie in ihrem niedrigen Sinne den Nebenmenschen unterdrücken und übervortheilen, sich nur selbst die Grube graben, und eö andererseits bei solcher nur Barbaren würdigen Geldendmachung des Rechtes des Stärkeren immer beißt:Heut der morgen mir — wenn Hier der Christ den Moslem, dort dieser jenen seine Obmacht fühlen, wenn hier der Katholik den Protestanten dort dieser jenen seine Obmacht fühlen läßt, — das allgemeine Wohlsein der Menschen daher, auch vom Standpunkt der Utitität allein angesehen, nicht anders als durch gegenseitige Duldung und Förderung, von jeder Engherzigkeit freies Wohlwollen und Wohlthun erzielt werden kann. Trifft nun dieses Nützlichkeitsprincip auch bei uns Israeliten ebenso zuwie bei den Deutschen in Frankreich nach obiger Exposition, so hieß es von jeher und hißt es auck heut nicht anders als „ gegen sein eigen Fleisch wüthen," wenn noch immer nicht unsere gleiche Berechtigung al« unbedingte, aller O'ten gütige Consequenz unserer gleichen Verpflichtung und Pflichterfüllung angesehen und dadurch in allen materiellen wie besonders intellectuellen Branchen menschlicher Thätigkeit mehr und weniger treffliche, bisweilen ganz vorzügliche Kräfte dem Dienst der Gesammtheit entzogen wurden. Ja, wenn doch die Menschen, selbstdie als die Weiftn und Bevorzugten an der Spitze der Gesammtheit stehen, nur so viel Einsicht besäßen und in die Praxis übersetzten, um die Folgen ihrer Maßnahmen über die nächste Gegenwart hinaus zu bedenken! Wollte nicht hierdurch allein vielleicht schon die Hälfte alles Erdenweh'S in der Menschenwelt beseitigt werden? Wohl.