Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 50 (14.12.1870)
- Date
- 1870-12-14
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Are frauMjchen Zudem So ist der - Titel eines interessanten Artikels in der „Neuen freien Presse", aus dem wir «m so lieber einige Ansage bringen, als derselbe mit den Erfahrungen und. Anschauungen übereinstimmt, die wir aus anderen mündlichen Quellen haben. Ein sehr verständiger und ruhiger, denkender Handelsmann, der erst gestern ron seiner Geschäftsreise im Elsaß und Lothringen zurückgekowmen, versichert, daß die «ahrbast fanatische Wuth vieler Elsasier Juden unauSl-schlich sei, und daß nur die im Elsaß Zurückbleiben, welche müsien. ES hätten auS jüdischen Familien Väter mit 2—3 erwachsenen Söhnen zu den Franktireurs sick durchgeschlagen, Leute aus d?n geachtetsten Familien und Stellungen. Niemand hält es —für möglich, daß Elsaß „ preußisch “ werde und die Aufregung gegen die Süddeutschen hat nachgelassen, weil man diese auch für von Preußen unterdrückt hält Zeder ist Verräxhrr, wer von Nachgeben spricht; und Revolutionen und Empörungen sind unausbleiblich, wenn die Annexion vollendete Thatsache ist. Eine meinem Correspondent als sehr ruhig und ernst bekannte, in Deutschland gekorne jüdische Dame, kam im Eifer des Gesprächs in einen solchen Paroxismus, daß sie ihr Gatte beruhigen mußte, der da später erzählte, sie habe einen Tag nach der «Kapitulation von Metz das Fenster ausgerisfen und mit einem Revolver mit den Worten „Mort aux pruesiens et aux traitres“ zum Fenster hinauSschießen wollen, glücklicherweise ohne von außen bemerkt zu werden. Noch ein anderer Umstand ist uns aufgefallen. Wir hatten selbst Gelegenheit mit einigen jungen, dentschm Männern, welche aus Frankreich vertrieben wurden, zu sprechen. Sie alle sprechen mit glühender Begeisterung für Frankreich und erhoffen nichts als das Ende des Krieges, um alsbald wieder dahin zurückkehrm; sie glauben überzeugt zu sein, daß, der französischen Natur entsprechend, der Haß gegen die Deutschen nicht andauernd sei, vielmehr bei der ersten günstigen Veranlaffung wieder alles vergeffen sei, was der Krieg verschuldete. Freilich, die Exmission der Deutschen und ihrer selbst wiffen sie eben so wenig zu erklären als zu entschuldigen, aber „die sociale Gleichheit ist für uvS eine LebenSbedinguug geworden, wir können uns in Eure Welt von Vorrechten und Vorurtbeilen nicht mehr hineindenkm." DaS ist und bleibt ihr Urtheil und ihr Refrain. Dies vorausgeschickt, kommen wir zum Artikel der N. fr. Pr. „Dem sehr ausführlichen Briefe eines gebildeten Deutschen, der sich seit vielen Wochen in den von dm Deutschen occupirtm östlichen Provinzen Frankreichs als Beobachter und als Geschäftsmann aufhält und I über dir verschiedenartigsten Zustände berichtet, entnehmen wir einige sonderbare Einzelheiten, die gewiß weitere Kreise iuteresstren dürften. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß Elsaß und Lothringen sehr stark von Judm bevölkert sind', daß sich daselbst in großm wie in kleinen Städten sehr zahlreiche jüdische Gemeinden vorfindrn, während im übrigen Frankreich, mit Ausnahme von Paris und den sogenannten fünf spanischen Gemeinden im Süden, die Bekenner des mosaischen Glaubens im Ganzen nur sporadisch zerstreut Vorkommen, obwohl sich neuerer Zeit auch hie und da im mittleren Frankreich größere Gemeinden gebildet haben oder in der Bildung begriffen sind. „Seit Anfang des Krieges" — so schreibt unser Gewährsmann — „der mit dem Anfang der französichen Niederlagen zusammenfällt, bieten die Judm deS Elsaß und Lothringens eine eigenthümliche Erscheinung dar. Man spricht in Deutschland viel mit Recht vom französisch - patriotischen Fanatismus der "germanischen Einwohner dieser Provinzen, von ihrer Feindseligkeit gegen die Sieger, von ihrer tiefen Trauer über die erlittenen Niederlagen. Nun wohl: mir scheint, und ich täusche mich gewiß nicht, daß diese Germanen, diese neuen Ubier, in all diesen Gefühlen von den unter 'ihnen wohnenden semitischen Franzosen weit übertroffen werden. Und zwar suchen sich diese Gefühle, so viel als unter den obwaltenden Umständen möglich, durch die That zu bewäbren. Dieses handeltreibende Volk, das man immer für so friedfertig hält und das alle Ursache hat, es zu sein, ist für den Widerstand aufs Aeußerste und bereit, zu diesem Zwecke jedes Opfer an Geld und Lebm zu bringen. Auf allen diesen ausdrucksvollen Gesichelrn, von Thionville bis Basel, ist neben tief Verbiffmheit ebenso tiefe Niedergeschlagenheit zu lesen. ES ist gewiß, daß, wir in Metz der Bürger überhaupt von der Capitulation schmerzlicher berührt war als der Soldat, so auch der jüdische Bürger das Unglück tiefer empfunden als der christliche. Es ist wahr, daß sich aus dem Ober-Elsaß viele Juden nach der Schweiz gepflüchtet haben, aber es sind das meist Weiber, Kinder und Greise: Jünglinge und Männer von Rüstigkeit blieben daheim, um daS ZHre zu thun. Leute, die vor heute drei Monaten nur an ihren Vieh und Hopfmhandel, an die kleinen Märkte im südlichen Deutschland dachten und eS sich nie einfallm ließen, daß sie je zum Waffenhandwerk berufen sein könnten, stehen heute als Mobilqarden oder sind als Franktireurs über das nordwestliche Frankreich zerstrmt. Bei ihrer Anstelligkeit und ihrem Gelde wußten sie sich früher als die meisten ihrer Landsleute mit Waffen und anderweitiger Ausrüstung zu versorgen, und die Freischützen der Vogesen, an deren Exercitim sie