Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-11-23 · 47 (23.11.1870) · p. Seite 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
47 (23.11.1870)
Date
1870-11-23
Page
Seite 380 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432173--3168-4899444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 360 — gesunde Soldaten, die selbst sich danach umrhun und im Nothfall entbehren könnten — und welchen ja der fromme Rabbiner von Würzburg vor ihrem AuSzuge die Uebertretung der mso' erlaubt? O, mein Gott! ES kommen in heutiger Zejt so viele Ungeheuerlichkeiten und Widerwärtigkeiten in und außerhalb des Judenthums vor, die als große weltbeglückende Thaten hinausposaunt werden in die aushvrchende Welt, daß dem ehrlichen Menschen, der doch nicht sagen dari, was er sagen möchte, oft das Herz vor Schmerz erzittert. Kommen wir auf die neuerdings auch von der anderen Seite besprochene - jüdische Feldgeistlichengeschichte zurück. Da wird von einem Manne, der Logik versteht, die „Bedürfnißfrage" von „theoretischer" Seite einfach dahin beantwortet, daß die Inden Feldgeistlichen brauchen, weil die Christen haben. Wenn das kein Unsinn ist, so misten wir mit mehr, was in diese Kategorie gehört. Gibt es eine christliche Kirche einen christlichen Gottesdienst ohne Geistlichen? Und wird man denjenigen jüdischen Gotteshäusern, in welche nie ein Rabbiner kommt, eine geringere Bedeutung geben, als der ^Heydereulher Synagoge in Berlin, in welcher abwechselnd drei Rabbiner predigen, aber aus dem Gottesdienst selbst keinen En.fluß haben? Rein! Die Bedeutung des Rabbinerthums fall von uns durchaus nicht unterschätzt werden, aber im Felde nützen sie nichts. Sie mögen zu Hause, in großen Gemeinden, in ruhigen Verhältnissen an der Entwicklung des Judenthums durch Wort, That und Sckrisl arbeiten, der jüdische Gottesdienst ist eben doch kein „Meßopfer," und wenn wir auch wünschen, daß er nirgends ohne Predigt vorübergehe: ordinirte Geistliche in Talar und Bästchen, die allein die Träger des Gottesdienstes wären, haben wir nicht, brauchen wir nicht und wollen wir nicht; .darin liegt der ganze bedeutsame Unterschied der Sachlage zwischen jüd. und. christlichen Feldgeistlicben. Es ist eine der bezeichnendsten Eigentdümlichkeiten des Judenthums überhaupt , daü misten wir Alle. Wo immer zehn sich zusammensiud'eii, da sind sie eine Gemeinde, der nichts an Weihe fehlt, wenn sie in dem Herzen wohnt, und nach allen jüdischen Anschauungen,' orthodoxen und reformistischen, ist dieser Gottesdienst dem vorzuziehen, der in großer Gemeinde, in einer Gemeinde von lauter Rabbinen mit allem Pompe celebrirt würde. Das Judentbum, die Religion, soll dem Kriege möglichst fern bleiben, denn sie kommt sonst in Mißlichkeiten hinein, die wir hier nicht andeuten wollen. Darum sind auch für alle anderen Dinge, die der Feldgeistliche, soll, jeder andere gebildete,- praktische Jsraelite vorzuziehen. — gesprochenwerden. Zuerst — gesckäb es ja in der vom „Israltt" als uliraneolog verschrieenen Ulmer Gemeinde. Also?.... Der Gottesdienst von Jom Kippur — er mag als Ausnahme gelten und es hat nichts zu bedeuten, wenn er von einem Rabbiner geleitet wird. Aber gerade, daß Hr. Dr. Blumenstein von dm 15000 bis 20000 Juden mit großer Roth im Heere an 40— 50 um sich versammeln konnte, beweist, was mit 2 oder — 10 jüdischen Feldgeistlichen gewonnen ist. Geht in die Lazarethe, Ihr jüdischen Seelsorger, Ihr Frommen und Heiligen. wo Ihr hierzu Gelegenbeit findet. Da ist Euer Platz! Sorget, daß in allen größeren Lazarethen mindestens ein Jude unter den Wörtern sich befindet, der geeignet ist, mit den jüdischen Kranken zu verkehren - dann habt Jbr etwas Gutes, Eure Schuldigkeit getban. Das aber ist Pflicht der Gemeinde, in welcher das Lazareth ist oder des Gemeinde-Rabbiners, Lehrers rc rc. Für Alles Andere — laßt uns mit Eure Großsprechereien in Ruhe. — Frankfurt, 15. Rov. Einen Weltsspektakel macht eine Affaire in der Heydereuther (nickt Oranienburger) Synagoge in Berlin. Die „Frankfurter Heitung" läßt sich darüber von Berlin schreiben: „Berlin, 5. Rov. Man schreibt der „Presse" von hier: „Heute, als am heiligen Sabbat, wurde der Morgengottesdienst in der prächtigen Oranienburger Synagoge durch ein sebr aufregendes Intermezzo unterbrocken, daS sein Nackspiel im GerichtSsaale erhalten dürste. Als nämlick der greise Rabbiner ^er Gemeinde, der als hebräischer Theologe und tbeosopbischer Schriftsteller in weitesten Kreisen bekannte Dr. Abraham Geiger die Kanzel betrat und sich eben anschickte, seine Predigt zu beginnen, ertönte plötzlich aus der Mitte der Andächtigen eine sonore Mannesstimme in nachdrucksvollem Fortissimo: „Laßt ihn an dieser heiligen Stätte nickt reden, er beachtet die Gebote der Tbora nickt, die uns die Beschneidung aller männlichen Neugebornen.vorsckreibt. — Dieser Mann ist nickt würdig, das Wort Gottes zu verkünden!" — Unbeschreiblicke Verwirrung. Der Prediger .erblaßt und hält betroffen inne; - ein Schrei der Entrüstung aus tausend Kehlen; — man will sich auf den Andachtsstörer stürzen; — er findet Bertheidiger. — Die beiden Vorsteher der Gemeinde legen in eigener Person Hand an den Frevler und führen ihn nicht ohne dessen Widerstreben aus dem Gottesbause. Nur allmählig tritt wieder Ruhe ein, gewinnt der Rabbiner wieder seine Fassung, kann die. Predigt fortgesetzt werden. Der Störer aber — ein junger israelitischer Patrizier, Namens Lachmann, Sohn des kürzlich verstorbenen Armeelieferanten dieses Namens — hatte so nicht etwa in einem Anfalle von Geisteskrankj heit, sondern mit vollster Vorbedachtheit und GeisteSi gegenwart gehandelt uud seine wohlmeinend« Absicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.