Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 47 (23.11.1870)
- Date
- 1870-11-23
- Page
- Seite 378 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432173--3166-4899442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 378 — Pflänzlein „ Humanität" dock nickt ganz mit den | Wurzeln ausgerottet - werde.' Religion nnd Bildung mögen den Krieg menschlicher machen und das patriotische Gewissen, so viel als möglich, mit seinen humanitären Anschauungen und seinem Gotte auSsöhnen. Aber den Krieg zu einem Faktor in der Entwicklung von Religion und Bildung machen — daS scheint! uns unnatürlich, das widerstrebt uns; und — ich sehe eS darum am liebsten, wenn Schule und GolteShaus so ferne als möglich vom Lrieae bleiben. Sind wir bis zu diesem Punkte gekommen, haben wir die Ueberzeugung, daß die Erfüllung deSjeni- ' gen, was wir für dtze Schule hofften und wünschten, durch die gegenwärtige, mehr nationale als liberale Zeitströmung durchaus nicht gefördert, vielmehr, ghemmt und vielleicht auf Diele Jahre hinaus unterdrückt wird, so scheint es mir angemessen oder gar eine Pflicht, gerade in diesem Momente di; Gedanken der Gegenwart, die Anschauungen des gebildeten Theils deS .Volkes über Unterricht und Schule mit um so größerer Energie und Zähigkeit mindestens äuSzusprecken, die Ansichten zur Klärung zu bringen und überhaupt das zu tbuu, was unsererseits nur geschehen kann. Wenn auck wir mit dem. Strome schwimmen, .wenn wir aus falschverftandenem Patriotismus überall und. in Allem — „Fa und Amen" sagen, dann ist die Sache des Polles, vor Allem aber die Säcke der Volksbildung und Volks. -Schule auf Jahrzehnte zurückgedrängt und — wir sehen einer trüben. Zukunft entgegen. Die Volksschule der Zukunft ist die freie confesnonslose Cemmunalschu'e; daS ist so ausgemacht, ist eine so entschiedene Forderung aller liberalen Parteien, daß es hieße: „Eulen nack Athen tragen," wollte ick. ihnen die Gründe für diesen ersten Sah der neuen Pädagogik vordemonstriren. Die Jugend deS Volkes soll in. gemeinsamen Anstalten gebildet und die Einheit und die Einigkeit desselben, die man jetzt leider oft zu sehr bsoö nach Außen hi» anstrebt, soll hier innerlich' geschaffen und dargestellt werden. So lange es coniesstcnell-gelrennte Schulen gibt, wird die Geistlichkeit die unumschränkte Gebieterin derselben bleib.n und der Same der Zwietracht wird gesäet werden. in die Herzen der Kinder. Die Religion ist Cache der Religionsgesellschaft und der Familie und es bleibe diesen überlassen, da'ür zu sorgen, daß das Heranwachsende Kind in dem Glauben seiner Väter, erzogen werde und die religiösen Institutionen mit Liebe umfasse. Der Staat aber und die politische Gemeinte hat nnx dafür zu sorgen, daß Reckt und Billigkeit herrschen im Lande und die Menschen so mit einander verkehren, wie daS Gesetz feS verlangt. Ich verstehe unter „confessionslos" im gewissen Sinne „religionslos;" denn ich glaube nicht, daß ein sogenannter „allgemeiner Religionsunterricht, "/wie er zuweilen angestrebt wird, einen praktischen Erfolg bat. Aber ich bin doch der Ansicht, daß den Schülern der verschiedenen Religionsgesellschaften in der Schule selbst in besonderen Stunden Religionsunterricht er- - theilt werden kann, ohne dem Princip der Schule zu nahe zu treten. Doch das und Details, die der Zukunft Vorbehalten bleiben. Was ich vor Allem verlange, ist die Fernehaltung der Geistlichkeit vonder Schule, ist die Beaufsichtigung der Schule durch fachgebildete Männer, ist die Trennung der Schule von der Kirche und dem Kirchlichen, damit die Jugend wisse, daß die allgemeine Bildung das heiligste Gut der gesammten Menschheit — auch Religion ist und wir miteinander leben und streben können zum Heile des Ganzen, auch wenn wir zu unserem Gotte beten in verschiedener Form und in allerhand Gotteshäusern. Ich werde noch später auf die ungeheure praktische Bedeutung der Eommunalschule insbesondere v für unsere hiesige und ähnliche Mittelgemeinden zurückkommen. Ich erlaube mir nur einem Vorwurf jetzt schon entgegenzutreten, den Sie mir hier machen werden und der Ihnen allerdings vielleicht schwer zu beantworten dünkt. Sie sagen zu mir: „wenn Sie so für Communalschulen sprechen, so verstehe ich nicht, wieso Sie nicht allein eine Stellung an einer ConfessionSschnle angenommen, sondern sogar die hiesige israelitische GemeindezurTrennungvonder „protestantischen"Schule und zur Bildung einer jüd. Schule veranlaßt haben?" Dieser Einwurf ist leicht zu entkräften; eine „protestantische" Schule ist keine Eommunalschule; sie hat offenbar vor Allem die Tendenz, die ihr überwiesenen Schüler zu guten Protestanten zu erziehen. Dadurch aber fühlen stch die jüd. Kinder allzuoft znrückgesetzt und als Geduldete behändst, abgesehen von den anderen Gefahren und Unannehmlichkeiten, die eine streng confessionell geleitete Schule für die Schüler einer ande- - ren Conf ssion in sich birgt. Dann aber ist die Einrichtung der protestantischen Schulen, in der bcispielweise im ganzen Sommertag j|ör bis Morgens 9 oder 10 Uhr unterrichtet wird,^unS nicht entsprechend und der Unterricht in Katechismus und biblische Geschichte — mindestens störend. Ich könnte Ihnen noch sagen, daß das Judenthum, weit im Glauben freier, gewissen Ausflüssen der protestantischen Methodik, die die Baus der Regulative bilden, nicht zustimmt, diese vielmehr perhcrrescirt, und daß jedenfalls die Schulbucker hier oft sehr stark protestantisch gefärbt sind. Aber — die Frage hat noch eine andere, ich möchte fast sagen, persönliche Seite. An den öffentlichen nicht-! jüdischen Volkschulen können bislang Juden keine Anstellung finden, selbst wenn diese — angebliche —■ Communalschulen sind. Was soll nun aus den jüdischen Lehrern werden? Ist es recht, diese auf die ärmlich