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Der israelitische Lehrer · 1870-11-16 · 46 (16.11.1870) · p. Seite 374

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
46 (16.11.1870)
Date
1870-11-16
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
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— 374 — und mehr bedürfe es nicht. Ich betheure Ihnen, daß daS ganze Raironnement falsch ist. Der gesckilderte Gottesdienst ist im Felde wie zu Haufe doch nur ein formeller, wie auch das Bedürfniß dazu, ick sage zu diesem'Gottesdienste, nur ein formelles g>- wesen ist. Man wollte der Form genügen und fühlte daS Bedürfniß dazu im Felde um so eher, als man dort seinem Gotte näher steht,-als sonst. Die Inbrunst und Andacht, welche fick gezeigt hat, widerspricht dieser Behauptung nicht. Sie ist in den Gottesdienst mitgebrackt worden, war vor ihm schon vorhanden, ist aber durck ihn nickt erzeugt worden. Dazu bat er im Felde ebensowenig d e Fähigkeit, wie zu Hause. Auck hier wird inbrünstig gefleht und andächtig geweint, ohne daß man die Gebete versteht. wenn daS Herz seines Gottes und der Andackt ohnedies voll ist. Wie kann man sick nun über die Andacht und Thränen im Feldgcttcsdienste wundern? Außerdem ist eS falick, daß nicht in ähnlicher Weise auck ein RrsormgclteSdienst hätte bewerkstelligt werden können, — obne ordinirle Prediger und Vorbeter —: durck den Vortrag irgend welcher gedruckten Gebete und Predigtenwofür noch eher Befähigte hätten berauSgefunden werden könnett, als für den Dorttag hcbräisckcr Gebete Selbstredend ist es - unsere Ansickt nicht, die Hcbräisckekr Gebete zu beteiligen, aber die Opfer unseres Krieges dürfen doch auck nicht, gebrach» worden sein, um dem Rückschritte zu dienen, weder dem religiösen, noch pcli ttschen. Tie Welt soll wissen, daß dessen fick auck die Soldaten bewußt sind. Cincinnati. Wiederum bat bier ein Rabbiner (Dr. Wise) zur Vertretung eines erkrankten Geistlicken die ckristliche Kanzel, bestiegen und über Humanität als Religion gepredigt, nachwtffend daß diejenigen Grundsätze allgemeiner GottSerkevntniß und Nächstenliebe, welcke vorgeblich' das Christenlhum als sein ausschließliches Ergenthum gepredigt, von Anfang an vcm Judenthum, seinen. Stiftern und Propheten, gepredigt worden ist. —. Ich glaube indeß nicht, daß wir mit solchen Gemeinpläc-en weiter kommen. Freilich werden durch solche Vorgänge die Gegensätze abgeschliffen, aber wohl nur die politischen und socialen, nickt tie religiösen. Dmn außer diesen Humanitären Grundsätzen bleibt nock genug Gegensätzliches im Christenthum, welches dem Judenthum und Juden gegenüber, selbst der gebildete und religiös indifferente Christ nickt aufgegeben und ängetästet haben will. Sein Christenthum ist ihm Nichts, aber es wird ihm Etwas, wenn der Jude behauptet, daß sein Judenlhum höher stehe. So frei ist man aber selbst wohl hier in Amerika nicht, um in christlichen Kirchen einen Rabbiner frei über daL Chrinenthumsprechen zu lassen. Feuilleton. Hp de Iuden-Börs'*) Wien hat seinen Tandlmarkt Leipzig seine Messe. Hamburg seine — Juden-Börse. Ein.igenthümlicher Namcl Leine Verspottung ch-istlichcr Scits lü gt darin; die Kinder Israels haben wirklich emm Ort für sich reservirt, an dem sie Handel treiben, an dem die Armen ihre Einkäufe machen. Er liegt mtt:en im jüdischen Viertel und bildet zwei bis drei Straßen der häßlichsten Gattung. Letztere haben kein Trottoir, wenig Gassenttinigung, ihre Häuser sind alte Lehmbuden mit spitzen Giebeln, aus dem vorigen Jahrhundert hcrstammend; der Fortschritt dcr neuen Zeit hat sie wenig berührt und welchen Nutzen hätte dies auch für die schachernden Abrahamiten, die diese Häuser für sich in Beschlag genommen? Sie geben auf daS Aeußerliche nichts; ihr Dichten und Denken .st nur daraus gerichtet, diese äußern vier Wände inw-ndig recht voll ru propfen mit Handelswaaren und in der Tbat, der Leser kann sich kaum einen bunteren Wirrwarr von alle-lei Gegenständen verstellen, als er hier zu finden ist. Tagtäglich ist der Markt, von Sonntag - Morgen an bit Freitag-Abend ist hier eine Welt Ausstellung eigenster Art zu besichtigen, ohire Entree, ohne Catalogorientirung, ohne störende Fürstenbesuche. Wir können uns ungehindert die tausenderlei Sachen bettachten, welche ihre Verkäufer aus'S bloße Steinpflaster zur Ansicht auSgcbreitet; ipalicrsörmig ziehen sich die Verkaufsstellen längs den Straßen hin, rechts und links erheben sich mehrere Fuß hohe Thürme von alten Spitzen und Bändern, dazwischen stehen die Sckiebkarren mit Uhrkcltcn, „e,o>dnen" Ringen, kleinen 'Nippes und anderen billigen Luxusgege-..ständen. Dichtan kommen hölzerne Gestelle in Galg-nsorm, darauf .hängen alte Rocke, Hosen, Westen, kurzum Bedccker der Nolhdurst des Leibes sie kommeln so friedl ck, vom Wnde leicht bewegt, in das kauflustge Menschengewühl hinein, hundert ,stände befühlen sie, hundert Augen betrachten sie und daneben stehen ihre Beschützer, die sie gebürstet, die sie gereinigt, ehe sie ihr AeußereS öffemlich zur Sckau ttogen durften. Mit einer Art Feierlichkeit streicht der Handels- — ich wollte sagen -Jude, aber es widerstrebt meinem Gefühl, ewig einem Volke seine Abkunft an den Kopf zu werfen, ohne Berech- *.) Wir entnehmen die folgende Skizze dem neuesten Werk’Ctto S viel berg's: .Hamburg. Tag- und Rachtbitdcr," und rügen bei. daß das Bild vollkommen zutreffend, die Schilderung eben >o schön als wahr ist. Redaction.

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