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Der israelitische Lehrer · 1870-11-16 · 46 (16.11.1870) · p. Seite 375

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
46 (16.11.1870)
Date
1870-11-16
Page
Seite 375 (sequence 7)
Language
German
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375 i tigung, ohne Motiv, nur <zuS bloßer Nachsprecherei, von den Alten beliebt, — mit einer Art ernster Weise, sage ich, streicht der Handelsmann seine Wichsborsten über den schäbigen abgetragenen Reck. Er hat ihn an der HauSthür hängen und früh Morgens, wenn der 1 Tag graut, sehen wir ibn energisch dis irdische Kleiderhülle bearbeiten, dabei stellt er Forschungen an, naturhistorische und goldsucherische, er befühlt die Näbte» durchsucht die Taschen in ihrem tiefsten Grunde, und : wenn er nichts gefunden, streicht er wieder von Neuem über den hoffnungsvollen Habit, eS ist eine Art Selbstvergnügen, das ihn dabei beseelt. ES leuchtet sein Ge-! sicht und in den kühnsten Schwenkungen ergeht sich der > bürstende Arm wenn der Gegenstand des st-llen Ver-; gnügenS von der Gattung ist, bei der der Mann deS j Trödels ein gutes Geschäft zu machen glaubt. Der arme Bündeljudc ist der selbstvergnügteste Mensch, den ich jemals auf Gottes Erdboden gesehen — er macht sich eine kleine Welt in seiner bescheidenen Handelssphäre zurecht, ist hierin der Herrscher, Erzvater und Gesetzgeber. Sein Ehrgeiz beschränkt sich auf einen fröhlichen Schabb-S, auf eine gute Schalendsuppe und hat er diese sammt dem BarcheS im Magen, dankt er seinem Gott, daß er es ihm wohlfchmecken ließ. Er ist neben dem Muselmann noch der einzige Gläubige, der mit Inbrunst zu seinem Schöpfer betet. Ein Synagogenbesuch hat für mich immer etwa» Ergreifendes, Rührendes. Wenn ich sie erklingen höre, diese hebräischen Gesänge, wird mir so weh nm's Herz, es ist, als tauchte daö untergegangene Volk aus seinen GrLbern auf, eS ist, als sehe ich Jerusalem erstehen, als hörte ich die Pauken und Trompeten deS jüngsten Gerichts ertönen, mr ist, als stürzen die Mauern ZionS zusammen, als thäte sich der Himmel auf und die Hand des rächenden Jehova'S streckte sich heraus, und schlüge mir eine Ohrfeige, mir Christenjungen, der ich so neugierig war, in diesen wundersamen althebräischen Geistergesang meinen Kopf hineinzustecken. Ja — und daS gestehe ich offen - der altjüdische Glaube, wie er noch im Hamburger Juden-Viertel und speciell in den Straßen der Juden-Börse beibehalten, birgt rine Romantik in seinen herkömmlichen Gebräuchen, die uns die Pietät und Hingebung bezreistich machen, mit welcher der jüngere Nachwuchs deS alten Geschlechts, immer noch an den väterlichen Sitten hängt. DaS llmhänzcn der Leichengewänder in der „langen Nacht", die vielen Hunderte von Geistergestalten mit bedeckten Häuptern vor ihren Betstühlen in sich versunken stehen zu sehen, daS geräuschlose Auftreten der Ankommenden in ihren Tuchschuben — all' dieses erweckt sammt den murmelnden Frauengesichtern hoch oben hinter abgeschloffrnem Eisengitter in einem poeti'ch gestimmten Gemüth seltsame Gefühle, eS erweckt Gedanken an e n nbe-renztes, unbestimmtes EtwaS; versunken ist uns die Wells eS überwältigt uns eine Todesluft, wir empfinden einen Ekel vor allem Nichtigen — in den düstersten Klängen geht unsere Seele aus, Sehnsucht nach einem neuen Auszuge aus Egypten erfaßt uns, nach all' den wildromantischen Gefahren und Abenteuern, die MoleS Kinder e nstens durchgemacht. Wi' sehen die Judith mit dem blutenden Haupte de» Holest ne« vor uns stehen, wir versenken ünS im Geiste in die Heldenkämpfe der Makkabäer, wir sind nicht mehr unser Selbst, wir sind ein Glieds jener großen Bölkerrace, die ihrem Gotte trotz Schweinefleisch und Hepphepv treu geblieben — ack ja. ein Stück jener Jehovafurcht, jenes Glaubens'chauderS vor den Strastn bis in's dritte und vierte Glied schleicht sich in unsere Seele, wir sind froh, wenn die „lange Nacht" zu Ende und wir wieder frische, von Christen und Juden zugleich in Anspruch genommene Luft schöpfen können. Für die weniger streng gläubigen Juden hat die .lange Nacht" einen mehr förmlichen Charakter, sie beten mechanisch und wünsche» im Stillen die EssenSstunde herbei. Ich habe gesehen, daß ältere Juden von Fasten und Beten während .der ganzen Nacht hindurch so kraftlos waren, daß sie sich von der Synagoge in Droschken nach Hause fahren ließen und an der bereit gehaltenen Spcisetafel wie hungrige Löwen darüber herficlen. Aber sie wollen ihre Gebote halten und kommen der Erfüllungbuchstäblich nach. Eine eigene Feierlichkeit lagert auf den Gesichtern der Israeliten, wenn sie ihre Festtage Haben. S'e fühlen dann erst so recht, daß sie einen andern Gott, als den der Christen haben. Im Werktagsleben fließen die Interessen von Christen und I iden so ziemlich zusammen, sie haben Ein Ledürsniß. Einen Gedanken, Ein Ziel, . daS des Gewinnens, aber der SchabbbS trennt sic auf j 24 Stunden streng von einander und der dümmste j Judcnbenzel umgiebt sich an seinem solchen Tage mit! einem NiiibuS von Synagogenweisheit, daß wir laut l ausiachen möchten über den Ernst und die feierliche I Miene, mit der er d rs hebräische Gebetbuch aufschlägt, j in den Gesan z der Uebrigen mit einstimmt uno dabei j unverwandt auf eine und dieselbe Buchseite blickt, de-! ren Inhalt er meistens nicht lesen kann. (?) Hebräisch! verstehen die Wenigsten aber in der todten Sprache ze- : schrieben«: Bücher haben sie i Alle. Das ist einmal ' Brauch und Sitte. (Schluß folgt.)

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