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Der israelitische Lehrer · 1870-11-09 · 45 (9.11.1870) · p. Seite 364

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
45 (9.11.1870)
Date
1870-11-09
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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— 364 so kann es nur dadurch geschehen, daß man seine Schulen in wirkliche Bildungs-Anstalten verwandelt, in denen die sittlichen, geistigen und physischen Kräfte, die Gott in die Mrnschennatur gelegt, entwickelt werden, uud so der Mensch mit einer beftiedigenden, genugthuepden, menschenwürdigen Existenz befähigt wird. 'So und nur so lernt der Mensch, dem aus Gottes weiter Erve Niemand hilft und Niemand helfen kann, sich selbst helfen." Er sah den Polksunterricht als einen unermeßlichen Sumpf vor seinen Augen, und so schrieb er den»: „Meine Erfahrungen habev mich dahin gebracht, daß ich bis jetzt zur veberzeugung einsehc: der öffentliche und allgemeine europäische Schulwagen müsse nicht bloß bester angezogen, er müsse vielmehr umgekehrt und auf eine ganz neue Straße gebracht werden." Und er selber wollte „den Perhack anzünden, der Europa's niedere Bürger iw Rücksicht auf Selbstkraft. . . . weit hinter die Barbaren von Süden und Norden zurückge>eyt.„Jetzt weiß ich wobl" — bemerkte schließlich der tapfere Mann, — „daß ich bloß eine schwache Kohle in feuchtes nasses Stroh lege — aber ich sehe einen Wind, er ist nicht mehr ferne, er wird die Kohle antlasen, das nasse Stroh um mich her wird sich allmählich - trocknen, dann warm werden, dann sich entzünden, dann brennen. Ja, Geßner, sc naß es jetzt um mich her ist, es wird brennen, es wird brennen!" Und wie redlich hat er Wort gehalten! 1781 legte er „Lienhard und 'Gertrud," 1801 „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt," in „das nasse Strob," und nickt nur der Wind kam, es 'kam der Sturm und hock ausiederten die Flammen in das Jahrhundert, das sich öffnete „mit' Mord." Die tiefsinnige, aus der reinsten Menschenliebe erspryssene Pädagogik für die Armen und Elenden, für die Rechtlosen und Enterbten wurde daS Ideal der erleuchtetsten Geister, der bei'.en Menschen. Dagegen verlor jene Pädagogik, we'che vorzugsweise" die Kinder der Pornebmen und Reichen nebenbei auch noch „zu "einem gemeinnützigen, patriotischen'und glückseligen Leben vorzubereiten" hatte, fortwährend aU 'Boden. Basedow starb am 25. Juni 1790 — ein - trotz aller Jrrthümer mit Recht gefeierter Meister der deutschen Sckule; — Pestalozzi wurde 1793 von I.- G. Fichte, welcher in kühner Sprache schon die „Denkfreiheit von den Fürsten Europa's, die sie bisber unterdrückten," zurückgefordert hatte und später die „Reden an die deutsche Nation" dielt, aufgeiuchl, 1795 von dem 25jährigen H. Zschokke.und 1797 von Ich. Fr. Herbart. „So" — sprach damals der „Geist" — „ . . Lckaff' ich am'saufenden Wcbstubl der.steil, Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid." In dieser großen, in allen ihren Höhen und Tiefen bewegten Zeit wurde Adolf Diesterweg geboren. In ihrem Wogen und Streben entwickelte er sich und bis zum letzten Tage seinereichen Lebens ist er der aus ihr gewachsenen Pädagogik Pestalozzi'« treu geblieben — ein echter Sohn jener ruhmvollen Epoche." (Schluß folgt.) Feuilleton. Hin jüdischer Ieldgottesdienst Nachstehende Schriftstücke sind uns zur Veröffentlichung übergeben worden und dürften auch jetzt noch von Interesse für unsere Leser sein. I. Mannheim, 19. Oktober 1870. Grcßh. hochwürdiges Stadtrabbinat Mannheim. Aus dem Lager vor Metz zurückgekehrt, beehre ich mick über den Erfolg des mir ertheilten ehrenvollen Auftrages ergebenst Bericht zu erstatten. Durch die Legitimation, welche mir auf Hoch-' desselben Ansuchen von dem Bürgermeisteramte und Etappencommando in Mannheim ertheilt worden, erhielt ich als „israelitischer Feldgeistlicher freie Fahrt (II. Classe) in das Hauptquartier des I. Armeecorps, wohin ich mich gemäß der von Seiner Excellenz dem General von Manteuffel an Großh. Stadtrabbinat ergangenen telegraphischen Miltheilung d. D. St. Barbe v. 25. v. M. zunächst zu begeben hatte. Wie Hockdemselben bekannt ist, reiste ich Donnerstag den 29. September von Mannheim ab, gelangte aber an diesem Tage nicht weiter als bis nach Saarbrücken; hier wurde mir vom Etappenconimando Quartier für tue Nacht im Hause des Herrn Banquier Michel -Limon angewiesen, woselbst ich freundliche Aufnahme fand. Herr Simon, der verdienstliche, G.meinvevorsteher, und mehrere andere Gemeindemitglieder zeigten ein lebhaftes Interesse für meine Sendung. Ich kam am folgenden Tage gegen Mittag nach CourcelleS, der letzten Eisenbahnstation vor Metz, und erreichte vermittelst eines von dem Johanniter Baron v. Gramm aus Hannover mir freundlichst zur Verfügung gestellten Wagens um 2 Uhr meinen Bestimmungsort. Ich begab mich sofort zu Sr. Excellenz dem kvmmandi» renden General Herrn von Manteuffel, der aber eben im Begriffe war, sich mit dem Generalstabe zur Tafel zu begeben. Exc. empfing mich sehr freundlich, lud mich zur Tafel ein und bemerkte, daß er geschäftlich mich erst gegen 3 Uhr zu sprechen wünsche. Dankend

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