Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 45 (9.11.1870)
- Date
- 1870-11-09
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rede an eine kleine Gemeinde am 29. Oktober 1870. Freunde! Zn einem Gedenktage haben mir uns versammelt. Aber keine Freude über die Gegenwart und keine trostreiche Hoffnung für di-- Zukunft Hab n wir mitzubringen vermocht. Ttübe ist unser Gemüth und bekümmert sind untere Herren. Tie Ideale, welchen wir nochstrebten, steigen nicht weiter an unserm Himmel empor; nur mit vieler Mühe und in günstiger Stunde sehe» wir sie ruhig leuchte» durch die kalte, dunkle Nacht. Und wer auf sie hinweist und im festen Glaube» auf ihre Bcstäudigkcit den sichern Weg über den auf und ab flutenden Ozean der Meinnngen und durch die psadlose Wüste der Ereignisse finden will: der wird verhöhnt und in die Einsamkeit gescheucht, gejagt und gefesselt. Was die Menschheit in unendlich schmerzvollen Kämpfen und in Jahrhunderte langer ernster Arbeit errungen zu haben glaubte: in unfern Tagen wird die Weisheit zur Thorbcit verkehrt, und lachend zertrümmert man die gerühmte» Gebilde des Fleißes und der Kunst. Wie ganz anders sah die Welt auö, als der Meister, dessen Andenken wir heute feiern, in dieselbe trat. Neun Jahre vorher (>781) war der Dichter ^deS , Nathan" gestorben; siine lebten Thaten waren die „Fragmente" und die großen Gehanken „über die Erziehung deö Menschengeschlechts." Herder beendete seine „Ideen zur Geschichte der Menschheit" und gab dann (1795 — 98) die „Briefe zur B e f ö r d e r u n g der Humanität" heraus. Kant'S Hauptwerke waren bereits erschienen. Die Philosophie des Königsberger Weltweifcn war der höchste, reinste wissenschaftliche Ausdruck der vielgeschmähten uNd vielgerühmten Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts; durch sie wurde fortan alles geistige Leben umgestaltet oder mindestens beeinflußt; sie beherrschte damals so sehr die Geister in Deutschland, daß man behauptet bat. es hätten nicht leicht zwei Männer von Bildung zusammenkommen können, ohne von Kant zu reden. Und was war denn das eigentliche Wesen dieser „Aufkläiung"? „Sie ist" — sagt Kant— „der Ausgang deö Menschen aus seiner selbstverschuldete» Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache de» selben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines Andern zu bedienen. 8apers »ucke! HabeMuth, DichDeineS eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Diese Philosophie suchte vor allen Andern Schiller zu erfassen. „Die Räuber," „Kabale und Liebe," „FieSko" waren bereis Eigenthum deö Volkes: der Dichter hatte seine- „erste Periode" abgeschlossen. 1794 arbeitete er au seinem philosophischen Hauptwerke: „die ästhetische Erziehung des Menschen." In .den daraus folgenden zehn Jabreu schuf er seine schönsten, für die geistige Entwicklung des Volkes io überaus bedeutsamen Dramen. — Goethe war aus Italien zurückgekehrt. 1786 erschien . Jphigenia," 1787 „Egmont," l 790 „Tasso," und in dem Jahre, in welchem de- FreundschastSbund mir Schiller geschlossen wurde (1794 , begann „Wilhelm Meister" seine lange und merkwürd'ge Babn. — Seit 1788 („Grönlä idiscke Prozesse"! war Jean Paul, „dieses Harzgebirge und Poto'i voll der edelstem Metalle," dieser Dichter, welcher „zählte im Volke die Menschen, in den Städten die Dächer, und iijiter jedem Dache jedes Herr," in die deutsche Welt getreten. Am Schlüsse des Jahrhunderts erschien bereits „Titan," und in den Tagen, in welchen man nack dem Bank rotl aller „StaatSweiSbeit" in Preußen von der Volksschule vornehmlich die Rettung der höchsten LebenSgütcr glaubte erbosten zu dürfen, sandte er seine „Levana" aus, auf daß sie, wie die Göttin der alten Römer, ihres Amtes warte — das Buch über Erziehung, an welchem der große Humorist 10,000 Tage gearbeitet hatte. Mit gleichem Eifer arbeiteten die.Völker, um »ach den großen Gedanken, von welchen dieses Jabrhundert getragen wurde, chaS Leben zu gestalte». In Amerika batte sich eben die Republik nach schweren Kämpfen ans Grund der ewigen Menschenrechte gebildet, um in ungeahnter Größe und Herrlichkeit zu erblühen. Am 17. April 1190 war einer ibrer großen Mitbegründer gestorben, Benj. Franklin, einer jener seltenen Menschen, welcher sich zur vollen Mündigkeit, wie sie Kant als letzten Zweck der ..Ausklärung" hingestellt, durchgearbeitet. Pen Frankreich auS erschütterte die große Revolution daS alte Europa, und die edelsten Geister auck in Deutschland folgten ihr mit inniger Tbeilnabme. Freilich hielt sie nicht, waS sie im Anfang versprach; aber sic erregte und erschütterte, erweckte und belebte, und viele Ketten sind durch sie für immer gebrochen worden. Leider nickt vorder, sondern erst in diesem Wogen und Stürmen, als die unwissenden Massen sich gegen die Freiheit auf die Schlachtfelder führen ließen, und von den Schlackten der Segen zum Fluch verk.hrt wurde, wurde die Erkenntniß allgemein, daß „Unbildung und Unwissenheit, die Folge einer verkehrten und vernachlässigten häuslichen und öffentlichen Erziehung, als die Quelle der Verwilderung und Entwürdigung des Volkes" anzusehen sei. Es war H e i n ri ch P e fl alozzi,.der unsterbliche „Wunderling" unserer Volköerziehunq und Volksbildung, der dies auösprach: „Will man dm Armen, den Niedersten im Volke, aufhelfen.