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Der israelitische Lehrer · 1870-11-02 · 44 (2.11.1870) · p. Seite 356

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
44 (2.11.1870)
Date
1870-11-02
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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— 356 — Empfangen Ew.-Majestät tie beißen Wünsche, die wir für Sie , für Ihr erhabenes Haus uno für unser italienisches Vaterland hegen. Rom, 23. September 1870. Di «Israeliten von R o m." Tours. Die provisorische Regierung von Frankreich hat den algierischen Juden das französische Bürgerrecht verliehen. LluS dein ElsaH Vor einigen Monaten ging ich mit noch anderen Geschäftsleuten nach dem Elsaß. Wir waren für die dortigen Israeliten kein Hindere niß, unsere Beschäftigung war vielmehr eine solche, wie sie mit der der dortigen Js.raeliten nicht concurrirte. Wir brachten Lebensmittel und kauften Verschiedene» ein, was für das Militär unbrauchbar war. Ich bin, wie Sie wissen, im. Trauerjahre für meine selige Mutier, und suchte daher überall, wo es nur anging, dem Gottesdienste beizuwobnen. Auf meiner ersten Reise ging dies auch ganz gut. In Pont-ü-Mousson war ick ayi ersten Tage nitt'dv. Dort wuroe sogar der ftrengreligiöse und als gelehrter Juce bekannte B. aus B., der auch ist und als Lieferant unserer hessischen Division reist, zum Vorbeterdienste zugelassen. Doch kann ich nickt umhin, Ihnen aus anderen, insbesondere, kleinen Gemeinden, über eine unbegreisiiche Leidenschaftlichkeit gegen uns deutsche Juden, die wir doch als Handelsleute sehr unschuldig sind an dem, was jetzt im Elsaß vorgeht, einige Mit-. theilungen zu machen. Sie wissen z. B., daß ich nicht gewöhnt bin, nickt koschere Speisen zu genießen. Ich hatte m drei Tagen nichts Ordentliches gegessen und war froh, eines Tages in einer Stadtzu hören, daß kort ein anständiges jüdische» Hotel sich besinde. Man batte mir auch gesagt, daß der Wirtb hinlänglichen Speisevorrath habe, und öfters preußische und hessische Offiziere daselbst zu Tiscke gingen. Als ich die Thüre kaum öffnete, sagte schon der jüdische Kellner: „Nichtsda!" Ich bat um ein Essen, zuletzt bloß um einen Teller Suppe, den ich doppelt bezahlen wollte. Ich bekam einige Schmähworle zn hören, die ich nicht verstand, und eine sehr bezeichnende Geberde, die ich wohl verstand: und da ick kein Freund von Aufregungen bin, ging ick hungrig und betrübt wieder weg. Ich war kaum vor der Thüre, als einige hessische Offiziere eintraten; — sie. erhielten, was sie verlangten. Ich bemerkte dies und ging ebenfalls zurück, da mir einer der Offiziere bekannt schien. Ich kam glücklich zu diesem braven Herrn, klagte ihm meine Nolh, und dieser befahl Essen für mich, das ich nun erhielt. Am Schemini-Azereih kam ick in B. zum Gottesdienste. Ick wollte Kaddisch sagen; — man hat eS mir nicht erlaubt. Ueberbaupt betrachtete mau mick da mit so haßerfüllten Blicken, daß ich froh war/ wieder mit heiler Haut aus der -Synagoge gekommen zu sein, die ich am Simchath-Thora nicht wieder b«. suchte. Ick mache keine Reflexionen, ich bin ein einfacher Geschäftsmann, aber ich weiß doch nicht, wie ich ein solches Benehmen mir erklären soll. Ich habe gehört, daß unsere Soldaten selbst an den heiligsten Festen, wenn sie irgendwo den Gottesdienst besuchen wollten, nickt allein kein Entgegenkommen, sondern sogar Feindseligkeiten fanden^ Eine solche Leidenschaftlichkeit ist mir unbegreiflich. Ich achte das Gefühl der Anhänglichkeit der Elsässer Juden an ihr Vaterland, obwohl die Juden in Elsaß deutsch sprechen und alle Ausruftmgen in den Synagogen in Deutsch geschehen. (Mitzwoth werden an vielen Orten noch verkauft — auf deutsch). Ich kann mir sogar bei den Gebildeten eine ^gewisse Voreingenommenheit gegen Deutschland erklären, da das Prinzip der Gleichheit, bei aller sonstigen Verkommenheit des französischen Staatswriens, sich doch so durchgreifend eingelebt hatte, daß man sich in einzelne Thaisachen, die selbst unter den deut- . Icken Soldaten dort vorgekemmen sind, nicht hineindenken kann. Aber andererseits ist der Elsässer Jude so ungebildet, daß nur die Wenigsten diese Güter zu schätzen und zu beyrtheilen wissen; Viele wissen von solchen Sachen nichts und bekümmern sich nicht darum In allen Zeiten aber war das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit im jüdischen Stamme so lebhaft, daß man doch mindestens jenes rein menschliche, von dem Kriege unabhängige Mitgefühl zu finden sicher sein durfte. Ueber alles Andere hinweg müßte jedoch die Religion sänfligend wirken, und der elsässer Jude dürfte den deutschen Juden nicht stören, wenn er den Anforderungen der R ligion Nachkommen will. Wir sind doch wahrlich nicht die Veranlasser deö Krieges. Sie kennen mich: ich sehe durchaus nicht so martialisch aus und habe durchaus nickt im Sinne, unfern eljasser Glaubensbrüdern ein Arges zn thun. Nicht verhehlen mag ich Ihnen jedoch, daß auch ein guter Theil Fanatismus mit unterläuft. Die elsässer Juden sind zumeist orthodox und halten alle deutschen Juden für halbe Gottesleugner. Hoffen wir, daß dem Blutvergießen bald eia Ende gemacht werde! Wenn man die furchtbaren Verheerungen, das ungeheure Elend sieht, das dieser Krieg im Gefolge hat, ein. Elend, das für Tausende von Familien noch in einem Vierteljahrhund^rt vielleicht nicht gänzlich gehoben fein dürfte, so blutet daS Herz und man fragt sich vergeblich: wie war daS möglich in unserer Zeit?

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