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Der israelitische Lehrer · 1870-11-02 · 44 (2.11.1870) · p. Seite 354

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
44 (2.11.1870)
Date
1870-11-02
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
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354 — und die Liebe der Kinder zu den Eltern; das ist da» Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit den engeren und weiteren Kreisen, welche um jeden Menschen gezogen sind, als da sind: die Familie, die Verwandtschaft, die Gemeinde, die Religionsgesellschaft, daS Vaterland, die Menschheit. Göttliche« Gesetz ist aber auch die Verkörperung dieser Ideen an und für sich, d. h. die N o t b w e n d i g k e i t dieser Verkörperung für die Menschheit, da wir wissen, daß ein LloßeS Leben in der Idee und nach der Idee wohl für einzelne außerordentliche Menschm taugen mag, für die große Mehrheit und auf die Dauer aber unmöglich ist, weil wir eben unserer Wesenheit nach, als Geist und Leib, an Lebensnormen und -Bedingnisse gebunden sind, die für Alle«, was uns geistig näher treten soll, Formen suchen und finden müssen. So vereinigt sich uns Humanität und Religion d. i. göttliche Lehre und ^göttliches Gesetz und. finden beide ihren Ausdruck im religiösen Leben; religiöses Leben aber ist eben sowohl die Verkörperung der Bruderliebe als der Gottesdienst und die Feier des Sabbats und der Festtage. Es ist eben uns'.Alles das Eine und Einige. Wir scheiden nicht und unterscheidm nicht; wir glauben auch nicht, daß in Wahrheit und Wirklichkeit zwischen diesen verschiedenartigen Erscheinungsformen des religiösen Lebens, in so ferne sie wirklich „Geist aus Gottes Geist" sind, Eonflikte und Collisionen entstehen können. DaS Bewußtsein, das Bestreben, recht und nach dem Willen Gottes zu handeln, gleicht diese anscheinenden Eonflikte aus. Wo die Anforderungen des Lebens in Widerstreit zu kommen scheinen mit den Anforderungen der Religion, da haben wir unS -nur zu fragen, ob die betreffende Religionsübung wirklich ein göttliches Gesetz, der würdige, lebensvolle, unseren Gefühlen entsprechende Ausdruck einer göttlichen Idee ist und ob die Anforderungen, die im Gegensätze hierzu das materielle Leben an unS zu stellen scheint, solche sind, die'vor dem Forum der Sittlichkeit bestehen können? ES ist nicht unsere Sache, hier die Grenz« für dir Einzelheiten zu bestimmen; das 4, Leben selbst mag mit den Theologen — auf deren Gebiet wir hier kommen — pactiren. Wir sind jedoch überzeugt: so gewiß die Religion sittlich und die Humanität religiöses Leben ist, so gewiß wird sich der einigende Punkt für beide finden lassen. Religion, Sittlichkeit und Humanität können nicht auseinandergehen. Wir können unS kein humanes Wirken ohne pietätvolle Rücksicht auf da» religiöse Leben, aber auch keine" Religiosität ohne Humanität denkm. Wenn ein orthodoxer Jude zwischen Religion, d. h. Uebung der religiösen Gebräuche, und Humanität eine tiefe Grenzlinie zieht, so ist dies auch turn seinem eignen Standpunkte auS verwerflich unl> durchaus haltlos. „In Gott ist lauter Harmonie.". Das Judenthum mit seiner Sabbat» und Festes» frier, mit seinem Gottesdienste, mit seiner Weihe der bedeutsamsten Lebensabschnitte des Menschm, mit seinem sittigenden Einfluß auf das Haus und die Familie, auf daS Leben und die Gesellschaft, mit seiner Heiligung der Handlungen der Menschenliebe, hat die Frage über die Abwerfung der Eeremonien gegenüber den Anforderungen der Humanitätnicht aufgeworfen und nicht zu fürchten. Religion und Humanität sind Stämme aus einer Wurzel, oder mehr noch die Blüthen an einem Baume. Wie die Kräfte und Gesetze der Natur aus der Blüthe die Frucht entstehen laffm, wie der Kreislauf der Natur im Baume sich alljährlich erneuert, so schafft auch der Mensch den Ideen in seinem Geiste und Herzen stet» neue Erscheinungsformen; aber eS stnd und bleiben dieselben ewigen Ideale. Ein bedmtender Gelehrter und Redner sprach einst bei einem Toraweihefeste: „ES sind die alten Worte und ist der alte Geist; wa« neu ist, daS ist nur die Form, das Pergament, die Tinte, die körperliche Erscheinung. Wie hier die Tora, so dort daS Gesetz." Ein herrliches Wort! Das göttliche Gesetz, daS Ewige im Menschrnherzen, wird nicht untergehen, eS wird zu allen Zeiten fortbestehen als. Humanität und als lebensvolle Aeußerung des Gottesgedankens und der Beziehungen des Menscken zu Gott. Und wenn auch zu einer oder der andern Zeit die Ideale zu schwinden scheinen und die Erscheinungsformm absterben, so bangm und zagm wir doch nicht für ihren ewigen Bestand. — Wie die verdorrten und abgefallenen Blätter dem Baume von der Erde aus neue Säfte zuführen, — so werden sie neu erstehen im kommenden Frühlinge mit neuen Blättern, neuen Blüthen zu neuer Frucht. i Wochenbericht. i _ I Berlin, 26 Ott. Die biedere „Kreuzzeitung" > ist von Schmerz außer sich. Der Jude LaSker hat ' am christlichen Grabe, aus dem christlichen Friedhofe! gesprochen. „Polttische Grabreden von JSraej Uten an christlichen Gräbern scheinen zur Signatur! des religiösen Fortschritts unserer Zeit zu gehören.! vr. Löwe (Calbe) am Grabe des katholischen Waldeck, i Herr LaSker am Grabe Twestens — eS sind dies in } der That Illustrationen der bezeichnendsten Art für I die Unbefangenheit unserer Zustände" Das muß ein

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