Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 342 — Literarisches. Ob«r-J«g-lheim, den 6. Oct. 1870. Wir werfen beute unseren Blick auf einige Schriften allgemein pädagogischen Inhalts, die noch von Zeit datircn, wo noch nicht die KriegSfakel Europa aus seinem Geistesleben aufgeschreckt. Da fällt unS zuerst ein Name inS Auge, der nimmermehr aufhören wird, seine Anziehungskraft auf uns zu äußern. In deroh. Ehr. Hermann'scken Buchhandlung zu Frankfurt ist erschienen: AuS DisterwegS Tagebuche von 1818 bis 4 822. Frankfurt, Elberseid, Mors. Unter Zustimmung der Familie herausgegeben von. E. Langenberg mit dem Motto: „Im Frühlinge des JahreS und des Lebens erfreut ja auch die kleinste Blüthe. (Diesterweg.) AuS dem Leben de» großen Mannes ist alles bedeutungsvoll; am bedeutungsvollsten aber sind die Gedanken, Empfindungen und Aussprüche, welche absicytSloS niedergeschrieben wurden und daS geheime, nicht für die Oeffentlichkeit bestimmte Leben deS Geistes und Gemüthes kennzeichnen. Diester weg war ein großer Mann. Er ist und bleibt daS Ideal eines für seinen Beruf begeisterten Lehrers. In ihm ist die ganze Idealität, die Erhabenheit des Erzieherberufs verkörpert. Die Frage, wer größer war vor den beiden Heroen der Pädagogik: Diester weg oder Pestalozzi, ist Une müssige. Aber gewiß ist, daß unS erst Diesterweg Pestalozzis Bedeutung näher gebracht, daß wir erst durch ihn erfahren haben, was wir an Pestalozzi hatten- Was uns Beide so hoch stellt, daß wir mit Bewunderung zu ihnen aufschauen, ist die Kraft der Liebe, ist die Ueberzeugung, daß sie im vollsten Sinne des Wortes Märtyrer ihre» Berufes wurden. Die erhabene Bedeutung Diesterwrgs kommt uns jeden Tag mehr zum Bewußtsein. Er hatte Feinde — es waren die Unken und Nachteuleir seiner Zeit, die Feinde des Lichte«, Menschen, deren Character nnd Denkungsart wir.nicht näher zu schildern haben. Mußte er ja den Schmerz erleben, daß einzelne seiner liebsten Schüler, ja daß sein eigener begabter Schwiegersohn (Thilo, Direktor des Stadrsckullehrerseminars zu Berlin, also sein Amtsnachfolger) der von oben befohlenen Richtling folgten und seine Feinde wurden. Aber olle die dem Fortschritte huldigenden Lehrer wußten während seines Lebens, zu wem sie aufblicken mußten,- sie erkannten nur ihn als Lehrer, Führer, Meister.. Seitdem er gestorben — ist keiner gekommen , dereine so allgemeine Achtung genosien hätte und wir sehen mit Bedauerns, wie sehr uns ein Alle einigender Führer, ein voranschrritender Geist, rin „Meister Vorwärts" fehlt. Es ist nicht zu lcuguen — und wer die pädagogischen Zeitschriften mit Aufmerksamkeit liest, wird es mit Bedauern erfahren —die deutschen Lehrer, auch die fortschrittlich gesinnten, sind uneinS und schaden durch ihre Reibereien durch ihre Anfeindungen der großen Sache, der wir Alle gleichmäßig zugethan sind. Aehnliches, glauben wir, hätte während seines Lebens nicht Vorkommen können. Damals gab eö nur eine Richtung, der alle einmüthig gegenüber standen; heute ist der Streit — zur Freude der gemeinsamen Gegner — ins eigene Lager hineingetragen worden. Man lese Sack Wegweiser und — die allgemeine deutsche Lehrerzritung. Daö kann nur Unheil bringen. Langenberg, der die Biographie Diesterwegs mit io vieler Liebe schrieb, bringt uns hier gleichsam als Nachtrag und Ergänzung zu jenem Lebensbilde die eigenen Worte des großen Mannes aus der Periode, in der er noch weniger bekannt war. Es ist selbstverständlich: alle diese Worte sind bedeutend und machen unS das Bild des Meisters immer theurer. Manche natürlich sind mehr als die anderen zuweilen prophetischen Ge.stes: Glauben wir nicht gleichsam unseren jüdischen Weisen aus Aboth (1, 3) zu vernehmen, wenn er in Bezug auf das Certiren Seite 3 sagt: man muß nicht nur das Rechte thun, sondern auch in der rechten Absicht, um des Rechten willen; man muß lernen, um deö Lernens und um der Selbstbildung willen, nickt deswegen, um höher zu stehen, als der Rebenmensck. Seite 4. Wer das Heil der Welt von einer Methode erwartet, der geht in der Irre. Treffende Ausdrücke überLehrer und Schule. 1) Anfachen und anregcn ist Sache deS Lehrers im ersten Unterricht; denn ein Sprüchwort sagt schon: Lehre ist nur BlaSbalg, der die Funken der Natur brennen macht. 2) Der Lehrer kann nickt geben, was nicht da ist, nicht den denken lehren, der die Anlage zum Denken nicht hat; nickt dickten lehren den, dem daS dichtende Talent fehlt. Er kann nur Hebamme sein. 3) Der Lehrer muß wie ein Fixstern, immer an demselben Orte, immer hellglänzend. 4) Sehen, selbst angreifen, in die Natnr gehen und beobachten, nicht alles in der Sckule. Da lernt man viel. Chemie in den Laboratorien, Technologie in den Werkstätten, den gestirnten Himmel im Freien rc. rc. Sprichwort: Mqn lernt eher eine Sprachje in der Kücke, als in der Schule. 5) Jeder Lehrer hat nur in so fern und in dem Grade Bedeutung, als er sich den Interessen deö Ganzen anschließt, in so fern er durch sein Wirken die lebendige Einheit (des Staates) zu erreichen hilft. Sonst ist sein Wirken in Beziehung auf den Staatszweck ein einzelnes, vereinzeltes, nickt selten in Zwiespalt mir dem Hauptzweck. Dasselbe Verhältnis; hat daö Leben und Wirken jedes einzelnen Menschen im Staate. 6) Auch von manchem trägen, sich schonenden Lehrer gilt es!: