Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 341 — Altona Die Synagoge der hochdeutsch-iSr,- Gemeinde, woran seit vier Monaten gearbeitet wurde, ist gegenwärtig gänzlich umgestaltet uno neu decorirt. Dieselbe bietet namentlich Abends bei äußerst eleganter Beleuchtung einen überraschenden Anblick. Der Grundstein des Gotteshauses wurde im Jahre 1672 gelegt, die Gemeinde wird daher in 2 Jahren den Gedenktag des 200jährigen Bestehens feiern können. — Am BersöhnungStage nahmen zwei gefangene Franzosen an dem Gottesdienste Theil. — Schwerin. (Mecklenburg ) Zwischen der jüdischen und drr katholischen Gemeinde in Schwerin wären bald Competenzstreitigkeiten wegen eines todten Franzosen ausgebrcchen. Der Mann starb im Lazareth, die jüd. Gemeinde reclamirte ihn als einen Glaubensgenossen und es wurde ihr ohne Schwierigkeiten nachgegeben. Kaum war er beerdigt, so kamen die Katholiken und wiesen nach, daß der Mann die Sterbesacramente von ihrem Geistlichen erhalten habe und zu ihrer Kirche übergetreten sei. Da der Mann, es war ein französischer Gensd'arm, aber an den schwarzen Blattern gestorben war, so wurde die Sacke kur; erledigt und die Israeliten behielten ihn. Jetzt sind auch die Orthodoxen in schwerer Bei legenheit, weil ein Andersgläubiger auf ihrem Friedhof rubt, und bereuen ihren Eifer. — Lewberg, 10. Oktober. Am 26. v. M. fand in Gorlice eine Judenhetze statt; einige Bürger, verstärkt durch etliche Bauern, drangen während des Gottesdienstes in die Svnagoge uno begannen die Juden zu mißhandeln, doch ist ihnen diesmal der Spatz übel bekommen, indem die Juden, durch' ihre Ueberzahl begünstigt, die Tuniultuanten binausgeprügelt haben. Es sollen hiebei über 70 Verhaftungen vorgekommen sein. (N. fr. Pr.) Elsaß. Sie werden wohl staunen, von mir jetzt von hier ab Brief zu empfangen; beim Ausbruche des Krieges mußte ich meine Stellung in H. auigeben, und zu meinem Negimente mich stellen. WaS kann so ein Lehrer nicht Alles erleben! Sie wissen, ich bin als Kurhessen geboren; in Baden habe ich mich zum Lehramte vorgebildet, im Gr. Hessen hatte ich meine erste Anstellung als Religionslehrer gefunden; als annectirter Preuße ging ick später nach meinem kurhessischen Vaterlande zurück, und wurde - sechs Wochen zum Dienst befohlen; ich trat dann als Lehrer in eine Elsässer jüdische Gemeinde und jetzt — jetzt bin ich wieder hier bei den preußischen Fahnen. — Doch will ich Jbnen nicht« vom Kriegsschauplatz erzählen, waL ick meiner Stellung nach — ick bin in einem Bureau — auch n'ckt könnte. Aber im Hinblick auf meine Gemeinde, in der ich als Lehrer wirkte, kann ich nicht umhin, meine schweren Befürchtungen auSzusprechen. Wohl — das französische Schulwesen hält keinen Vergleich aus mit dem deutschen, Pädagogik ist hier Nonsens. Die Lehrer an den Primarschulen wisien oft nicht, waS dies Wort bedeuten soll. Ich werde Ihnen nächstens einmal eine Beschreibung der 6our» ck'snsoigllsmvnt, wie sie insbesondere in den großen Städten, in Paris vor allen, üblich sind, geben. Hiergegen ist die Gleichheit der Culte so tief gewur« zeit, daß die Elsässer Juden, die zum großen Theile der orthodoxen Richtung huldigen, wohl Recht haben, zu befürchten, es möchte in ihrem religiösen Leben eine totale Umgestaltung geben. (Die hier folgende Stelle müssen wir wohl, im Hinbl'cke auf die Verhältnisse, zur Zeit unterdrücken. Red.) DaS Elsaß hat wohl nahezu 50,000 Juden. Diese bilden die Hälfte der französiscken Juden überhaupt. ES hat etwa 40 Rabbinen alle vom Staate besoldet. Wird die französische Judenheit ferner noch eine solche Stellung einnehmen, wie bisher? Wird man die wohlerworbenen Rechte der Rabbinen und Gemeinden in Deutschland achten? DaS sind Fragen, die wir stellen, deren Beantwortung aber natürlich der Zukunft überlassen bleiben mutz. Andrerseits zweifle ich nicht, daß auch im Elsaß sich eine thatfräft'gere Betbeiligung - an den Fragen der Zeit, eine allgemeinere Bciheiligüng am jüdischen Leben herausbilden wird, wenn eine größere Selbstständigkeit sich entfallet. Nom. Die Israeliten Roms begrüßen die politische Umwälzung daselbst mit großer Freude, was ihnen wohl nicht zu verargen ist. Unsere Leser wissen, mit welcher rassinirten Grausamkeit die päpstliche Regierung den Juden ^das Leben zu verbittern wußte. Die Ärmuth und da« Elend der 400) Juden Roms läßt sich nicht beschreiben. Eingepfercht in die ungesundesten Stadttheile in den Niederungen der Tiber, konnten sie nur wenigen armseligen Beschäftigungen sich hingeben; der Verkehr mir den Christen war ihnen fast ganz untersagt oder dock sehr beschwerlich' gemacht. — Nun weroeu sie unter dem liberalen italienischen Regiment aufiebeu, und, sich der großen italienischen Familie anschließendzugleich wieder ein lebendiges Glied am Stamme Israel werden, für das Rom nach sc vielen Richtungen bin eine so erinnerungoreiche Stätte ist. Die römischen Israeliten haben dem Könige Victor Emanuel bei seinem Einzuge eine Ergebcnheitsadresse zugehen lassen. Mögen ihrr Erwartungen sich bald und allsestig ersüllen.