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Der israelitische Lehrer · 1870-10-12 · 41 (12.10.1870) · p. Seite 332

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
41 (12.10.1870)
Date
1870-10-12
Page
Seite 332 (sequence 4)
Language
German
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332 Historiker bilden: Es würde also von vollständiger Verkennung ihrer Aufgabe zeugen, wollte man die allgemeine Geschichte oder die Geschichte irgend eines Staates >— und wäre eS unser vaterländischer — bis in'S Speciellste behandeln. Was nützt es z. B. dem Kinde für seine allgemeine Menschheitsbildung, wenn es alle Kaiser, die auf dem seligen deutschen Throne wachend oder schlafend gesessen haben, der Reihe nach nennen kann? Genügen nicht wenige, aber liebe- und begeislerungsvoll auSgcführle Biographien von Männern, deren Leben und Thaten Liebe und Begeisterung für alles wahrhaft Große im Kindesherzen zu wecken vermögen, die epochemachend in ihre Zeit eingegriffen haben und mitbin Repräsentanten einer bestimmten Kulturepoche sind? — Die Volksschule kann und soll keine großen Geographen bilden. Es ist kläglich wenig gewonnen, wenn der Scküler alle kleinen und kleinsten Flüßchen und Nebenstüßchen des Vaterlandes am Schnürchen aufzählen und die Orte bis aus die Dörfer bezeichnen kann, die an ihnen liegen. ES ist aber viel, unsäglich viel gewonnen, wenn er einen klaren Ein - und Ueberblick über die das eigene wie das Volksleben bedingenden Boden - und klimatischen Verhältnisse .in ihrer ursächlichen Beziehung erlangt hat. — Die Volksschule kann und soll keine Zoologen, Botaniker oder Mineralogen bilden. Wie wenig liegt daran, daß das Kind eine Maffe von Naturkörpern aufzählen kann, die es vielleicht nur zum kleinsten Theil in natura geschaut hat! Wie viel aber liegt daran, ja wie liegt Alles daran, daß es die Geschichte und' Entwickelung des Planeten versteht, den es bewohnt, daß eS einen Einblick in den inneren Bau und das innere Leben der Geschöpfe sowie in die Mannigfaltigkeit und den Reichthum der Naturschöpmng gewinnt und sich selbst in seinem verwandtschaftlicher! Verhältniß zu jenen begreift! — Nur wolle man mich'.nicht falsch verstehen. Ich fordere blos Sparsamkeit, nicht Geiz. DaS Einzelne muß ja gegeben werden und muß da fein, baut sich doch auf dem Einzelnen erst das Allgemeine auf; aber man wolle ja auch nicht in bloßem Namenthum das Heil jucken. — Und so könnte ich fortfahren, die ein- ' zelnen Unterrichtsfächer angesichts der Forderung der Sparsamkeit prüfend vorüberzieben zu lassen: ich könnte bezüglich des Leseunterrichts daran erinnern, wie eS nicht darauf. cnkommt, daß reckt viel Stücke, sondern darauf, daß das eine Stück recht vielmal und zwar bis zur größten Vollkommenheit (natürlich relativ!) gelesen wird; ich könnte bezüglich des Rechenunterrichts daran erinnern, wie der Lehrer sparsam sein müsse im Operiren mit großen, im Leben selten oder nie verkommenden Zahlen; ich könnte bezüglich des Sckreibunterickts daran erinnern, daß die Volksschule 'ick nickt, mit allerlei Zierichrfften befassen kann, sondern nur eine saubere^ gefällige Handschrift zu erzielen hat; ick könnte bezüglich des Gesangunterrichts daran erinnern, wie es nicht darauf ankommt, daß viele Choräle, viele Volkslieder — und diese vielleicht meist recht herzlich schlecht —gesungen werden, sondern daß eS hauptsächlich darauf ankommt, wenige mit der größten Strenge in Bezug auf poetischen und musikalischen Gehalt ausgewählte Lieder bis zur möglichsten Feinheit und mit dem möglichsten Verständnis «inzui_. üben und dadurch ästhetisch zu bilden — doch will F ich auch sparsam sein und mich zu etwas Anderem wenden. Das Princip der Sparsamkeit hat auch Anwendung zu erleiden auf die Unterrichtsmittel, unter denen das Wort ckeS Lehrers, die Brücke, ans welcher seine Gedanken. hinüberwandern in die Seele des Kinde» und in ihr verwandte Töne anschlagen, die erste Stelle einnimmt. Der treffliche Rückert, besten „Weisheit des Brahmanen" eine unerschöpfliche Fundgrube anregender und beherzigenSwerther Gedanken für den Erzieher ist, sagt mit Recht: Die Kürze lieb ick sehr, der Rede Bündigkeit, Wodurck ein Lehrermund zeigt seine Mündigkeit. Vielwortigkeit ist's, die den Lehrer nur verklagt. Daß er das eine Wort nicht traf, das Alles lagt! Ist schon im gewöhnlichen Leben ein Schwätzer ein unerträglicher Mensch, so ist er, mit seiner leidigen Gewohnheit, alles breit zu treten und die Zeit todtzuschlagen mit bloßem Wortgeklingel, in der Schule geradezu gefährlich. Kann den Lehrer die Rücksicht ans die eigene Brust und Lunge nicht vom Plaudern und von der Vielwortigkeit abhalten, so soll eS doch die Rücksicht auf die Schüler. Es ist ja unumstößlich wahr: redet der Lehrer viel, so reden die Kinder wenig, und das Kind soll reden, viel reden, um zur Sprachfertigkeit und Sprachgewandtheit, um zur Gedankenklarheit zu kommen. Ich fürchte nickt, falsch verstanden zu werden. Ebenso wenig gehört in die Schute ein wonfauler und wortgeiziger Lehrer, der das Götbe'fche Wort: „Zn der Beschränkung zeigt sich der Meister- bis zum Extrem ausbeulet. Die Wahrheit und das Gute liegen eben in der Mitte. (Schluß folgt.) Thesen von ß. Kehr, Seminarinspector in Kotha, über das Thema: Wie müssen die deutschen Bolksschullehrer-Bildungs- Anstalten eingerichtet sein, wenn sie den Anforderungen der Jetztzeit entsprechen sollen? 1) Das deutsche Bolksschullehrer - Seminar ist eine ,Fachschule für volkstbümlWc Pad'.gozik, a^fer-

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