Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 41 (12.10.1870)
- Date
- 1870-10-12
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432161--3112-4899394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 330 sehen, wo wir di( Reinheit der mosaischen Lehre angetastet glauben oder Gefahr für dieselbe ahnen, da schweigen wir nicht, sei der Angreifer Jude oder Christ, freund oder Feind. Diese Zeitschrift ist Zeuge solcher Kämpfe mannigfacher Art gewesen. Schmerzlich« Zorn erfüllt unser Herz, wenn solche Blasphemien, angeblich zur Ehre Gottes, von sich selbst fromm nennenden Jsrae. auSgehen. Und da nicht geleugnet «erden kr - daß in Predigten und Ansprachen diese» Thema in den mannigfachsten Variationen horvortrat und wahrhaft auSgebeutet wurde, so durften wir mst Reckt einen Rückschluß denkender Nicht-- JSraeliten alif dir Religiosität der Israeliten und die Religion Israels selbst fürchten. Die Mahnung, das Unglück als «ine Strafefür den Abfall von Gott, d. h. von der G e s e tz e s t r e u e, zu betrachten, und „zur strengen Formübunq" zurückzukehren, muß naturgemäß zu Folgerungen Veranlassung bieten, die vielleicht nicht im Sinne und Willen aller Mahnenden lagen, zu den lozischenFolgerunzen: die Religion Israels bestebt nur aus einer Maste von äußerlich vollziebbaren Gesetzen und Gebräuchen; da aber ein großer Theil der jetztlebenden Israeliten diese Gesetze nicht beobachtet, da im Punkte der .Gesetzestreue die Abstufungen mannigfachster Art stattnnden, so-sind die nicht streng gesetzestreuen — religionslos. Ist Religion zugleich di; Quelle der Sittlickkest, Moralität und Humanität, so nnd die Religionslosen auch sittenlos. unmoralisch und inhuman. Finden wir nun JSraeliten, welchen diese allgemeinen religiösen Pflichten trotz ihrer geringeren GesetzeStreue oder ihrer faktischen Gesetzesuntreue doch heilig sind, so stehen wir gleichsam vor der Alternative, anzuerkennen entweder, daß eS eine Religiosität ohne strenge Gesetzestreue gibt, oder daß die Religion Israels jene allgemeinen religiösen Principirn nicht kennt, daß man sittlich, moralisch und human sein kann, ohne religiös zu sein, oder daß man religiös sein kann, ohne jenes zu sein. Beides wäre aber eine traurige Anschauung von dem Wesen unserer Religion, nach unserer Austastung ein obm Diese Alternative darf nicht aufkommen; eS ist zur Ehre des Judenthums nötbig, daß ne bekämpft werde. Freilich, was gilt den sogenannten Frommen die Ehre, das'Heil, die Zukunft des Judenthums? In ihrem! geistlichen Hochmuth., in ihrem grenzenlosen Dünkel i — „wir Fromm en"! — haben sie für solche Sub- : tilitäten keinen Sinn. Sie vergesten dabei, daß sie; das orthvdore Judenthum am meisten mit ihren ' Aeußerungen beschimpfen, weil sie ebensowenig für Loi gik wie für Geschichte Sinn haben. Die meisten Juden der Gegenwart haben in ihrer Jugend eine orthodoxe (Erziehung genessen, jedenfalls sind sie im; zweiten oder dritten Glied von ftommen und orthodoxen Juden abstammend Wenn nun, wie insbesondere in sogenannten orthodoxen Novellen und belletristischen Machwerken geschieht, die Neologen al« wahre Scheusale auch in sittlicher und moralischer Beziehung dargestellt und geschildert werden, trifft nicht dieser Makel die orthodoxe Erziehung, trifft er nicht die ganze erziehliche Wirksamkeit des jüdisch-religiösen Lebens mit? Kann eine Erziehung gut genannt werden, die solche Früchte bringt? Kann die Religion eine menschenbildende Kraft haben, die solche Scheusale hervorarinzt? Diese Alternative — wir stellen sie nicht; aber sie nötbizt sich uns auf. weil wir das Heiligthu n unseres Herzens nicht von unbeiligen Händen verunreinigt seben möchten, weil wir unS treu bleiben wollen als Jude und als Mensch. In jüngster Zeit ist in Folge wohl der Debatte über diese Fragen eine andere aufgestellt worden, die eigentlich d:e Veranlassung zu dieser unserer, unserem Berufe und unserer Geistesrichtung nicht gerade adäquaten, Auseinandersetzung bildet. Wir beschäftigen unS wohl mit religiösen Fragen, welche daS innerst; Wesen deS Menschen bilden und mit ErziebungS- und Schulfragen, welche die Menschenbildung zum Gegenstände haben und sich auf Psychologie und Logik stützen und aufbauen. Es liegt uns aber ferne, theologische und philosophische Gegenstände zum Gegenstände unserer Besprechung zu machen, die dem Kreist unserer Leser und uns selbst ferne liegen. Aber die oben angedeutete Frage, die man jüngst ausgestellt hat, berührt uns so nahe, daß wir ihr nicht auS dem Wege gehen wollen. Die Frage nämlich: „ob das Judenthum, um seiner Mission treu zu bleiben, sich fester an seine Ceremonien an schließen oder die „Formen und Aeußerlichkeiten* ablegen und nur die Humanität als seinen Inhalt und seine Aufgabe sesthalten muß? Wir versuchen eine Beantwortung dieser Frage von unserem „populär schulmeisterlichen" Standpunkte aus, neck ehe wir von der Beantwortuig durch oen Fragefnller selbst, die bis jetzt noch nicht erfolgt ist, Kenntniß haben. (Fortsetzung folgt.) Das 2?rincip der Sparsamkeit in der Dolksjchuk.*) (Fortsetzung.) Das Princip der Sparsamkeit erstreckt sich aber nicht blosauidie Zahl der aufzunehmenden Unterrichtsfächer, wie eben erläutert worden ist, sondern *) Der Artikel in auS der „Sächsischen Schulzeitunq", also aus chrinl. Feder, was wir zu begchleu bitten. R ed