Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 40 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 325 — zweige und alle Behandlungsweise einzelner Unterrichtsfächer unerbittlich von sich, die der Volksschule ihren Eharacter rauben und sie zur Fachschule emporheben — oder soll ich sagen Herabdrücken — würden. ('t beherzigt das Dort Schleiermachers: „Alle Kenntnisse, die wir mittheilen, alle Fertigkeiten, die wir üben können, sind nur etwas Wirkliches geworden, wenn sie im gemeinsamen Leben etwas Wirksames bleiben. Was aber am Endpunkte der Erzie-- hung aufhörl, Einfluß zu üben und nur in der Periode der Erziehung seine Geltung hat, das ist nicht ein wirklich Erreichtes, es ist dann in -Bezug auf's ganze Leben nur Schein. Hiernach beurthcile man, was zur Volksbildung gehört!" -— Freilich gilt die Mahnung zur Sparsamkeit in dieser Beziehung vor allen denen, die die Leitung und Drganisirnng der Volksschule in den Händen haben: aber jeder Lehrer kann und soll durch Wort und Schrift mit dahin wirken, daß die gerechtfertigten Bestrebungen unterstützt und die unberechtigten in ihrer .Haltlosigkeir erkannt werden. — llnb welche von den obengenannten Eindringlingen würden denn die Prüfung einer gesunden Pädagogik aushalten? Es wird sich die Volksschule nicht entbrechen können, die Naturkunde in größerem Maße als bisher zu berücksichtigen: die 'Natur ist ja unser aller Hciinath, und es ist — wie der treffliche Roßmäß- I e r richtig sagt — eine Schande, in ihr unbekannt zu sein; "Naturversländniß ist ja eine unerschöpfliche Quelle der reinsten, den Geist bildenden, das Herz veredelnden und das Gemülh erhebenden Genüsse und Freuden; die Kenntniß der Natur ist ja von so ungeheurer praktischer Bedeutung, insofern alle Lebcnsverhällnisse, alle gewerblichen Tätigkeiten der Jetztzeit von der Nalurivissenschaft durchdrungen und gedeihlich weiter entwickelt werden. — Es wird sicb die Volksschule nicht entbrechen können, Geographie und Geschichte in etwas weiterer Ausdehnung als bisher zur Darstellung zu bringen: sind doch geographisches und geschichtliches Verständniß die Grundlagen .einer gesunden Entwicklung des politischen Lebens, und ist es doch unsere Leit, die sich so viel mit politischer Konsolidirung beschäftigt, und insonderheit für uns Deutsche, die wir mitten in diesen Einheitsbestrebungen stehen, Bedürfnis, unabweislichcs Bedürfniß, daß ein stärkeres Stammesbewußtfein sich erzeuge, daß Verständniß und Anerkennung der fremden Volks- und Stammesindividualität gewonnen und Eharaktersestigkeit und Eharaktereinheit erzielt ivcrde, um die politischen Bewegungen zu einem erquicklichen Ende zu führen. Und was sollte wohl einer solchen indirekten Vorbildung des jungen Geschlechts für seine spätere politische Aufgabe günstiger sein als Einführung in die nationale und allgemeine Geschickte und Geographie! — Es wird sich die Volksschule nicht entbrechen können, die nationale Literatur in etwas zu berücksichtigen, wäre es auch nur durch gelegentliche Verwendung poetisch«: Erzeugnisse im Anschluß an andere Disciplinen (Religion, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Deutsch), wäre es auch nur durch die allerelemenkarste Einführung in das Wesen der Dichtung: ist doch dadurch, daß in der Gegenwart der deutsche Büchermarkt durch billige und billigste Klassikerausgaben wahrhaft überfluthet wird, dem deutschen Volke ein Schätz in die .Hände gelegt, über dessen unerschöpflichen Bildnngsgehalt nur Wenige im I weiset, über dessen segensreiche Ausnutzung und praktische Verwerthung sehr Biele im llnklaren sind. — Es wird sich die Volksschule nicht enibrecken können, dcni Ilnterrickt im Leichiren einigen Platz zu gönnen: das allgemein., bildende ästhetische Moment desselben, sowie die bedeutende prakliscke Verwerthung, bereu derselbe fähig ist, lassen diesen Wunsch als gerccklfertigk erscheinen. — Es wird sich die Volksschule endlich nicht entbrechen können, das Turnen viel bedeutender und vielleicht auck in zweckmäßigerer Weise zu kultivirc», als bis - jetzt geschehen ist, weil durch dasselbe - wie schon angedeulel worden in — die einseitige Geincskultur zur harmonischen Menichenbildung ergänzt wird. — .Hat die Volksschule insoweit den Forderungen der Neuzeit Rechnung getragen, so hat sie genug gckban, und eS ivird nicht Geiz, sondern weise Sparsamkeit sein, wenn sie die übrigen Anspnicke mir Entschiedenheit zurückiveist. « Schluß folgt.) Wochenbericht. Oberingelheim» W. Sept. Wir haben vom ersten Semester dcS laufenden Jahres kein Bulletin der Alliance israelite universelle erhalten. Wir batten bereits, wie früher, den Auftrag, die Uebersetzung des Berichts und den Druck vorzuberciten, als der Krieg aiisbrach und die Verbindung störte. Wir hossen, die schlimme Gegenwart ivird einer besseren Zukunft Raum machen und die Beziehungen zur Alliance iverden sich wieder da anknüpfen lassen, wo sie gelöst wurden. „Der Krieg soll nicht in das Herz der Menschen dringen; cs ist schliinm genug, wenn er draußen vor allen Thvren und in allen Seehäfen donnert." Die allgemein menschlichen Bestrebungen, die Interessen der Kultur und Wissenschaften werden die Menschheit wieder eiiligen und die abgebrochenen Verbindungen werden wieder in ihr Recht kommen. Und so zweifeln wir denn nickt, daß auch die Alliance ihre Freunde wieder um sick sammeln wird und sckeuen