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Der israelitische Lehrer · 1870-10-05 · 40 (5.10.1870) · p. Seite 324

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
40 (5.10.1870)
Date
1870-10-05
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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— 324 auch den allgemeinen Bildungsgesetzen unterworfen, von denen die Entwickelung der Natur beherrscht wird, un6 zwar sind wir dies nicht allein unserer leiblichen, sondern auch unserer geistigen Sphäre nach, sofern Natur und Geist nicht nur nicht absolute Gegensätze bilden, sondern im Gegentheil in der innigsten Wechselbeziehung stehen. Daher soll die Erziehung eine naturgemäße sein, sie soll' sich bei ihrer Thätigkeil von' denselben Principien leiten lassen, welche die Entfaltung der übrigen Natur beherrschen. Don diesem'Gesichtspunkte 'aus hat die D iesterweg'sche Forderung, daß jeder Lehrer ein Naturforscher sein solle, ihre tiefe Berechtigung; denn die Natur ist für den rechten Pädagogen nicht allein eine Fundgrube anregender Gedanken, sie wird ihm auch ein Vorbild in seiner erziehlichen Thätigkeil. Aus der Masse des hierauf bezüglichen Materials greife ich einen Gegenstand heraus. — Nach wenigen Haupttypen hat die Natur die erstaünlichste Mannichfaltigkeit hcrvorgebracht. Der Fu ß' ist das Werkzeug zur Fortbewegung auf dem festen Boden. Wo das Thier rn anderen Elementen' leben soll, werden keine neuen Bewegungsorgane geschaffen, sondern das alte wird nach gegebenen Verhältnissen umgewandelt. So gestaltet sich der Fuß beim Vogel zum Flügel, beim Fische zur Flosse. — Das /Auge ist das Werkzeug, mit dem der Strahl des Himmelslichtes ausgenommen werden soll. Sowie aber' ein Thier an Orlen lebt, wohin jener Straül nicht dringt,. wo also das Vorhandensein von Augen nutzlose Verschwendung sein würde, so fällt auch dieses VorhandenseiiHeg. — Es sei mit dieser zweifachen Andeutung genug,"um aus das Ersetz der Sparsamkei-t hinzuweiscn, das sich in der Nalurentwicklung offenbart. Für den Erzieher ist es eine MabNung, sich bei seiner erziehlichen Thätigkeil von demselben Princip leiten zu lassen. — Wie jede andere Tugend, so hält auch die Sparsamkeit die Mitte Zwischen zwei Lastern, deren Ertravaganzen sie meidet, ich meine die Verschwendung und den Geiz. Während die Verschwendung zu viel, der Gei; zu wenig ausgiebt, giebl die Sparsamkeit nach Maßgabe des weise berechneten Bedürfnisses. Unterricht und Zucht sind die beiden ungleichnamigen P o l c der Lchrerlhäligkeil, die sich gegenseitig anziehen und in einander ihre Ergänzung finden. Im Unterrichte wie in der Disciplin, als dem Zuchlorgäne,- muß sonach auch das Gesetz der Sparsamkeit seine Anwendung finden. — Ich bleibe zuvörderst beim Unterrichte stehen. Das Objekt der erziehlichen Thätigkeil ist vorzugsweise die Seele des Kindes; erst einer Zukunftsvädagogik scheinr.es Vorbehalten zu sein, das, was jetzt blos sporadisch uns rudimentär zur Erscheinung "kommt, znr vollen Darstellung zu bringen, nämlich den ganzen Menschen nach Leib und Seele, also harmonisch zu bilden. Der vernünftige und psychologisch erfahrene Erzieher wird aber schon ietzt der Thatsache sich nicht verschließen, daß Geist und Körper in innigem Wechselverkehr und Elementenaustausch stehen, daß demzufolge allzugroße und allzuanhaltende einseitig geistige Anstrengung nachtheilig auf das verwandte leibliche Organ einwirkt, und daß. namentlich bei dem Kinde mit seinen noch so flüssigen und unkonsolidirten Systemen die Gefahr um so näher liegt. Diese Thatsache wird ihm eine Mahnung sein, sparsam zu verfahren bei Bestimmung der Zahl der täglichen Unterrichtsstunden, sowie derDauer der einzelnen Lectionen. Unsere Zeit ist eine schnelllebige Zeit, auch in wissenschaftlicher Beziehung. Tic Grenzen der menschlichen Erkennlniß werden weiter und weiter hinausgerückt; jeder Tag bringt neue Ernmgenschaften, die zum größten Theile ausgegangen von der einsamen Studirstube des Gelehrten, doch nicht dort vergraben bleiben, sondern dem frisch pulsirenden Leben des Ganzen zugute kommen sollen. Daher in unserer Zeit das streben nach Verbreitung und Verallgemeinerung der gewonnenen Erkenntnißresultate; daher in unserer Zeit die oft unverstandene, oft unberechtigte, in den meisten Fällen aber unklare Forderung an die Volks- - schule, den Fortschritten der Gegenwart gerecht zu werden und das gereinigtere und umfassendere Wissen schon dem jungen Geschlecht zu übermitteln. Jene glücklichen oder unglücklichen Zeilen sind längst dahin, wo ein wenig Katechismus, Lesen, Schreiben und Rechnen für vollständig ausreichendes Bildungsmaterial des' jungen Himmels- und Erdenbüxgers angesehen wurde. Eine Menge anderer llnterrichtszweige, als Anchropologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, (Geologie, Chemie, Physik, Technologie, Landwirthschaftslehre, Gesetzeskunde, Literatur, Turnen, Stenographie rc. klopfen an die Thüre unserer Schulstuben und begehren Einlaß, jeder mit dringlichen Empfehlungsbriefen versehen und sich als erstberechligt. vordrängend. Was chun? Der pädagogische Geizhals schließt allen diesen Neulingen die Thür und stopft sich die Ohren zu, um ihr Pochen nicht zu hören; der pädagogische Verschwender ladet sie mit tiefen Bücklingen zum Eintritt ein und öffnet ihnen auch noch die Fenfler, um ja keinen der in überstürzender Hast Andrängenden zu verletzen. Der Sparsame aber sieht sich jeden der Fremdlinge zuvor genau an und prüft ihre Empfehlungsschreiben in Bezug auf ihre Aechtheit. Er trägt den Forderungen der Zeit gebührend Rechnung, indem er das, was von den Errungenschaften der Neuzeit für die allgemeine Menschenbildung unerläßlsch ist, auch in die Volksschule aufnimml; er weist aber alle Wissenschafts-

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