Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 40 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und mehr die Gemeinde zu demselben herangezogen, der Chorzesang zum Gemeindegesang werde. Wir stehen nickst an, zu behaupten, dag aus der Mißachtung dieses Grundsatzes zum großen Theil der oft beklagte Zerfall deS zeitgemäßen Gottesdienstes in großen Gemeinden herrührt. Bei der Einweihung einer neuen-Synagoge oder irgend welcher anderen Gelegenheit wird mit großen Opfern, unter der lebhaftesten Betheiligung und Begeisterung, ein gutgeschulter vierstimmiger Chor eingeführt. Nach und nach — oft gar zu bald — verliert sich der Reiz der Neuheit für die Zuhörer wie für die Sänger, die Begeisterung erkaltet, die früheren besten Sänger werden durch die Verhältnisse genöthizt, sich von dem Chore zurück^zziehest; die Kräfte nehmen ab oder wechseln — und der Zerfall beginnt. Ganz anders, wenn die Gemeinde, nachdem in der Schule ein einstimmiger Gesang eingeübt worden, nach und nach im Stande wird, denselben unisono mitzusingen: Lp.212 ■^o min. Die Synagoge ist kein Concertfaal; alle die Unzukömmlichkeiten, von welchen wir hier nicht reden wollen, fallen weg, wenn nicht, wie es leider vielfach geschieht, Einzelne aus persönlicher Eitelkeit sich hervordrängen) sondern in Wirklichkeit das Gemüth Aller sich an dem Gesänge erhebt und erbaut. Gegen OrdnungSwidrizkeiten und Disharmonien schützt eine tüchtige Einschulung — und die Orgel.*) Gerade wenn der Gesang ein allgemeiner ist, hat einmal eine kleine Disharmonie, ein Fehler, nichts zu, bedeuten, während er oft im mehrstimmigen Chore zu eclatanten Störungen Veranlassungen bietet. 5. Eine Anzahl deutscher Gebete muß das wechselnde Moment beim Gottesdienste bieten, und darf daher nicht fehlen. ES gibt solche Gebetsammlungen; gut ist's, wenn'der geeignete Lehrer sie nach seinem eigenen Bedürfnisse umarbejtet. Wir haben es tausendmal gefunden, wie nach einem weihevollen deut' scheu Gebete die Gemeinde frisch angeregt wird, und wie daun diese Stimmung auch auf den hebräischen Theil des Gottesdienstes wirkt und bier die Andacht erhöht. Diese Gebete werden vom Borbeter vorgetragen, mit dem Angesichte zur Gemeinde gewendet, und brauchen nichtin den Händen der Gemeinde zu sein. Wir halten Letzteres sogar in mancher Beziehung für besser, obwohl wir in dieser Hinsicht kein entscheidendes Urtheil aussprechen wollen. 6. Selbstverständlich ist der belehrende Theil des Gottesdienstes das bedeutsamste Förderung-mittel eines weihevollen, in allen seinen Theilen abgerundeten Gottesdienstes. Wir können diese Verpflichtung dem *) Wir haken hier ein Harmonium mit 10 Registern, für 200 fl., welches die für etwa 150 Sitze eingerichtete, sehr bobe Svnazoge vollständig auSfüllt. Lehrer nicht abnehmen und haben uns in diesem Sinne schon öfters ausgesprochen. ES gibt jetzt eine so reiche Auswahl von Musterpredigten, und eine einfache Erklärung eines Abschnittes aus der Tbora oder der Haphtora muß auch dem einfachsten Lehrer möglich sein. Bor jedem belehrenden gottesdienstlichen Vortrage und nach demselben wird ein deutsches Lied gesungen. DaS etwa sind die Grundsätze, die uns bei der Einrichtung unseres Gottesdienstes,dahier geleitet haben, und wir können sagen, daß derselbe in allen seinen Theilen weihevoll, stets Herz und Gemüth erhebend wirkt, und die ganze Gemeinde zu wahrer Andacht, zu inniger und freudiger Thnlnahme am Gottesdienste gebracht hat. Wir erlauben uns zur Ergänzung einige Andeutungen über die Form des SabbatgotteSdiensteS. Am Freitag Abend wird mit Mincha, das gewöhnlich ein HilfSvorbeter spricht, begonnen. Es wird hierauf von n:ju o? abwechselnd ein Psalm recitirt, und dann ein kurzes deutsches, feststehendes Gebet aus Stein'S Gebetbuch (Seite 14) vorgetragen. Bor 'in D33 wird das Refrain und dann nur iid» gesungen; das andere bis miynn, ohne Wiederholung des Refrain vom Vorbeter gesprochen; dann ebenso bis DOea wo; hierauf röarn mo -pw hotd einfach deklamatorisch vorgetragen. Kaddisch der Waisen, Maariv mit einfachem Chor. Zwischen dem leisen Gebete bei Schema und Sckemone eSre spielt die Orgel leise, waS stets einen erhebenden Eindruck hervorruft. Nach H3'i,, daS ganz bis nach «"ip laut vorgetragen wird, kommt alsbald Kiddusch, *) Olenu, Kaddisch d er Waisen, deutsches Schlußgebet und Gesang. Am Sabbatmorgen betet der HilfSvorbeter vor der festgesetzten Stunde bis 013, das der Vorbeter pünktlich als Beginn deS feierlichen Gottesdienstes auSruft und worauf der Chor antwortet. Es folgt dann die Recitation von i»in t>3.i zwischen Dorbtter und Gemeinde, u. s. f. wie herkömmlich; pov wird vom Vorbeter und Chor gesungen; hieraus Orgelspiel und stilles Gebet; von nor« an wird Alles laut vorgetragen, bis zu mpy micip, das alsbald laut gebetet wird bis zum Kedduscha Gesang, dann stilles Gebet und Orgelspiel bis nsn, und lautes Gebet bis zum Kaddisch; AuSheben der Thora mit Chorgesang; vor Gadlu ein deutsches Gebet; Thoravorlesung nach dreijährigem Cyclus, mit deklamatorischem Vortrage und selbstverständlich ohne Mischeberach, und entsprechende Wahl der HaphtoraS,**) die deutsch vorgettagen und *) Bame Madlickiu fällt weg, was also die einzige Auslassung am Freitag Abend. **) Hier ist noch ein schwieriges Stück Arbeit. Eme Auswahl von HaphtoraS nach der Reihenfolge der gefchlcht-