Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-09-21 · 38 (21.9.1870) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
38 (21.9.1870)
Date
1870-09-21
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432155--3090-4899375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 311 weite Fernsicht in die Urgeschichte der Menschheit eröffnen. Der Dahingeschiedene hat Großes geleistet; aber, wir sagen eS mit dem größten Schmerze, das, was er geleistet hat, daS was ihm die Bewunderung der berühmten Richter gewonnen hat, wäre vielleicht von den späteren Leistnngen dieses seltenen Geistes übertroffen worden, wenn ihm da« Schicksal ein längeres Leben vergönnt hätte. Er hat die ihm vergönnte Zeit wie nur Wenige benutzt, aber diese Zeit war eine allzukurze. 41 Jahre — was sind sie für einen Denker, der die Welt nicht aus einer vorgefaßten Idee, sondern an der Hand der Thotsachen zu erklären suchte I Mit der aufopferndsten Selbstlosigkeit, mit der reinsten Begeisternng für die Wahrheit, die der Leitstern seines Lebens war, machte Geiger die umfassendsten, gründlichsten Studien. Vorübergehende sahen wohl oftmals in dem Hause, das der stille Gelehrte bewohnt hat, bis in die Morgenstunde den Schein eines einsamen Lichtes, das wie eine ewige Lampe von seinem Zimmer herabschimmerte. Es leuchtete der mühevollen Arbeit des Philosophen, die einem hohen Ziele galt: der Erkenntniß der Wahrheit, für die er Alles opferte. Die Idee der Entwicklung, die er in tieferer Weise als Darwin lange Zeit vor dem Auftreten des Engländers erfaßt hatte, die er auf geistigem Gebiete mit dem Aufwand der erstaunlichsten Gelehrsamkeit in seinem Hauptwerke unwiderleglich durchgeführt hat, dieser große, weittragende Gedanke konnte ihn doch noch nicht veranlassen, an das Licht zu treten, ehe er sich völlig für seine Sendung gerüstet glaubte. Neunzehn Jahre wandte er auf die AuSsührung seiner Ideen über den Ursprung der Vernunft und Sprache. Mit unglaublicher Selbstverleugnung wartete er, um alsdann ein Werk erscheinen zu lassen, von dem ein großer Sprachforscher sagen durste: „Geiger tritt zum ersten Male auf, aber eS ist kein Erstlingswerk, eS scheint daS Werk eines ganzen Lebens.^ Der zweite Band jenes erstaunlichett Buches ist allerdings druckbereit, aber dieser Tyeil würde noch unendlich gewonnen haben, wenn es diesem rastlosen, durchdringenden, nie selbstzufriedenen Geiste, wenn auch nur kurze Zeit, vergönnt gewesen wäre, nach seiner Art daran nachzuarbeiten, Anmerkungen hinzuzufüzen und ihn weiter auszufeilen. Die Welt wird dieses Buch studiren, von dem er weggerufen wurde, ehe er die letzte Hand daran legen konnte, und die Spuren der UnvollcnduNg werben sie rüdren, ohne sie daran zu hindern, die tiefen Gedanken des Philosophen zu erfassen. Aber die Ethik, die ReligionSgeschichte, die astronomischen Ideen, die er der Welt mitzutheile,^ gedachte, sie sind unwiederbringlich verloren. Wir wisten, daß Geiger auf diesem Gebiete die wichtigsten Entdeckungen gemacht hat; aber das Auge, das in unendlil e Fernen blicken konnte, ist gebrechen. Der große Geist war bei Geiger mit dem edelsten Herzen vereinigt, hober sittlicher Ernst war sein Erbtheil, — wie hätte er auch sonst jene tiefoerborgenen Schätze der Wahrheit heben können? Aber bei ihm zeigte eS sich, daß die Heiterkeit die Schwester de» wahren.Ernstes ist: er suchte die Freuden' und daS Volk, bei dem man sie am ungefälschtesten findet, gern mischte er sich in Volksfeste und einfache Leute kannten und liebten den bescheidenen Gelehrten, deb so freundlich mit ihnen verkehrte. Er liebte die Jugend, welche er bildete, die in dem,freundlichen, hingebenden Wesen dieses Mannes eine außergewöhnliche Erscheinung ahnte und mit unendlicher Liebe an ihm hing.*) Bedeutendere Naturen wurden seine Freunde, wenn sie die Schule verlieizen, an der er wirkte. Besaß er doch wie SocrateS die Fähigkeit, jede Seele zu erregen und Lasten in ihr anzuschlagen, die sonst nie getönt haben würden. Er war treu, freundlich und milde, aber er gerieth in den heftigsten Zorn, wenn ihm daS Niedrige, besonders das Unwahre, entgegentrat. Sein sonst so mildes, klares, oft sinnendes Auge jprühte dann Flammen; er war unversöhnlich oder wendete sich mit Verachtung weg. Noch fehlte eins zu seiner Verklärung. Als der Schmerz an ihn herantrat, vor dem dir MaSke fällt, und der das wahre Gesicht enthüllt, wie sanft, ruhig und ergeben erschien er Denjenigen, die noch um ihn bleiben dursten. Er zeigte, daß die Weisheit keiner anderen Stütze bedarf. Für seine Freunde geht mit ihm das Schönste des Lebenunwiederbringlich verloren. Der Dahingeschiedene hat das ferne Ziel, dasich sein Genius gesteckt hatte, der Welt nur angedeutet. Aber auch so steheu seine Werke als Marksteine der Sprachkundx, welche die von.ihm eröffnete Bahn v.rfolgen wird. Er hat der deutschen Wissenschaft weite Gebiete erobert, die unserem Volke sowie der ganzen Menschheit zu Gute.kommen. Auch Geiger ist als Kämpfer gefallen, legen wir den Lorbeer, .an dem nur Thränen der Liebe schimmern, auf seine Gruft, die Deutschland heilig sein wird. L. (DioaSkalia.) Hin Oeöet zum Yeujahrs-Aöend. Den geschätzten Lesern unserer Zeitschrift wird eS gewiß sehr angenehm sein, zum feierlichen Gottesdienste am Rojchhaschonoabende beifolgendes Gebet zur Einleitung des neuen JabreS benützen zu können. Wir baden diesem AbendgotteSd ensl stets eine erhöhte Feierlichkeit zu geben versucht und hierzu eignet sich wohl nichts besser als ein so herzinniges Gebet, wie das vorliegende von I)r. Leop.old Stein, das wir besten Gebetbuch entnehmen. Wir geben dadurch^vielleicht Veranlassung, dessen deutsche Gebete und Gesänge Er war Lehrer an der israel. Real- und Volksschule zu sirgnkfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.