Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 38 (21.9.1870)
- Date
- 1870-09-21
- Page
- Seite 310 (sequence 6)
- Language
- German
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310 — glauben, daß' solchem Thun gegenüber jedes ruhmredige Pochen auf ausschließlich christliche Liebe endlick verstummen müßte, und dennoch hat es noch nickt aufgebört, stck bemerkbar zu macken. Pie aber selbst sich so ruhmredig erheben und die Werklhatigkeit ihrer 'Lieb? ausschließlich eine christliche nennen, wie die Kreuzritter und Johanniter, haben allen Berichten zufolge, sowohl in Bezug auf Geldwie persönliche'Opfer, stck am wenigsten gut bewährt, keinesfalls aber es jener jüdischen Dame gleich gethan. Wir knüpfen hieran die allenthalben geltende Bemerkung, daß die «erkihätige Liebe, welche Kranken, Sterbenden und Trauernden gegenüber sich nicht blos durch Geldopfer, sondern auch durch persönlichen Beistand, durch handgreifliche. Hülfeleistung bewährt, 'unter Israel gar sebr in Abnahme befunden wird. Tie dafür eingerichteten Brüder- und Schwestervereine (pnan) bestehen wohl noch, aber man zahlt nur seine Beiträge für jede Woche und Conventionalstrafen für jede Versäumniß. Schlimm genug, daß solche Strafen nicht blos festgesetzt werden müsien, sondern sogar zur Regel werden; die Dienstleistungen der Vereine werden aber meistens durch Ersatzmänner und Miethsinge verrichtet. Nicht daß unö die Christen hierin voraus wären; dies ist Täuschung, denn die barmherzigen Brüder und Schwestern sind christliche Ordensvereine. Das Judenthum fordert allgemeine und freiwillige, nicht abgeschlossene und beiohlene LiebeStbätigkeit, wahrhafte D’icn nrcj. Aber leugnen läßt sich nicht, daß die Scheinbildung unserer Tage auch von diesen Beweisen wahrer Herzensfrömmigkeit, aufopfernder Freundschaft und Bruderliebe viel vernicklet hat. Wir sehen an dieser Dame, wozu das fühlende Herz fähig ist. Möchten sich die zarten Hände und empfindsamen Herzen nicht nur in den aufregenden Zeiten des Krieges, sondern auch den ruhigen des Friedens zu so mildthätiger Hilfe und persönlich mitwirkendem Beistände opferfähig und bereitwillig finden lasten. F e « i l l e ton. Lazarus Keiger. Nekrolog. Es ist noch kein Jahr verflossen, seitdem wir in einer glänzenden Bespreckung des „Ursprungs der Sprache von L. Geiger" FolgenoeS gelesen haben ^eiloge zur „Allgemeinen Zeitung" Nr. 329 und 31, 1869 ): „Um den gewaltigen Gcdankengang des Verfassers dem weitern Kreise, zu dem wir sprechen, klar verfliegen, müßten wir neue Spalten füllen. Indem, wir seine langgezogenen Serpentinen auf kürzestem Richtweg durchsckneiden, gelangen wir zu dem Satze: L?er.n-und indem die Wurzeln sich lautlich spalteten, so geschah dies nicht in der Weise, daß der Laut zum Zwecke der BezrifiSunterscheidung variirt worden wäre. Ter Laut variirt vielmehr auS Gründen, die mit dem Begriste nichts zu thun haben, sondern erst an und mit diesen lautlichen Spaltungen entwickelten und entwickle» sich Begriffe. Und so ist denn überall die Sprache das Primäre, der Begriff, entsteht durch das Wort; die Vernunft ist durch die Sprache erschaffen worden, vor der Spräche war der Mensch vernunftlos." „In dem Augenblick, wo wir die Feder niederlegen", so fährt der geistvolle Recensent in seiner Besprechung fort, die überall den Gelehrten und Denker verrätb, „kommt uns das neueste Heft der „Zeitschrift, für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" zu. und in ihm eine Besprechung von Geiger'S vorjährigem Hauptwerk. ES ist kein geringerer als vr. H. Steinthal selbst, der, gegen Einzelnes mannichfach polemisirend, Folgendes ausspricht: „Der Derfaster besitzt eine so umfassende und dabei gründliche Sprachkenntniß, wie nur wenige Sprachforscher; Hbertreffen wird ihn in dieser Beziehung wohl niemand. Ja ich bin geneigt, ihn den gelehrteßen Sprackfcrscher unserer Zeit zu nennen. Und eine Dialektik begegnet uns in ihm von einer Gewalt und Selbständigkeit, wie wir sie seit Wilhelm v. Humboldt ni'gends getroffen haben. Von der Naturwiffenschaft zeigt er so viel Kenntniß, wie vielleicht der Hochgebildete haben muß, wie aber thatsächlich nur wenige, die nicht Naturforscher sind, sich erworben haben, vielleicht reicht sein Misten auch hier sogar noch weiter an das des Fachmannes heran." „In vielen einzelnen Theilen," so ^schließt der Referent, „rollt die Sprache des VerfasterS in ergreifender Kraft und Schönheit ihre gedankenschweren Wogen. Möge Herr Geiger nicht allzulang uns die Fortsetzung seines Werks vorenthalten, die Muse wartet' auf ihn." Es war nicht die Muse, die auf ihn wartete, sondern das ungeheure Schicksal des Todes, das den großen Forscher nach kaum vollendetem 41. Jahre von seinen weltumfassenden Arbeiten mit furchtbarer Scknelligkeit hinwegriß. L. Geiger ist am 29. August gestorben*). Folgende Werke sind von ihm veröffentlicht nnd stehen als Monumente an seiner Gruft. „Ueber Umfang und Quelle der erfahrungsfreien Erkenntnis. Frankfurt a. M. Auffahrt 1865." „Ueber den Farbensinn in der Urzeit in der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte aus dem Jahre 1867." „Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft." Stuttgart, Cotta 1868, 1. Band. „Ursprung der Sprache." Stuttgart, Cotta 1869. Der zweite Band deö Geiger'schen Hauptwerks ist druckfertig, ebenso mehrere Vorträge, die unö eine **) Er war den 21. Mai 1820 in Frankksurt |a. M. geboren, Sobn des Rabbi Salomon Geiger von da. Red.