Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 38 (21.9.1870)
- Date
- 1870-09-21
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
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Mir iueiü'etr Gefühlen sprechen wir heule diese j Worte aus! Als mir alst vergangenen Neujahre zum Herrn über üebeit ■ mtb Tod um Frieden stehlen aus tiefster 3ccle, iver hätte da ahnen können, daß der Streit so nahe wäre? Wer hülle das für möglich ■ gehalten in diesem Jahre, was heute unser Her; schmerstich bewegt? Große und blühende Städte erfreuten sich da noch eines gesicherten, friedlichen Geincindewcscns, und die Bande der Webe und der Zu sammengehörigkeit einiglen die Burger in allen Slaalen, hunderte von.Gotteshäusern waren geöffnet, darin Alle beten sollten zum Pater der Menschheit für das Heil aller seiner Kinder; heute sind von diesen Städten viele verödet und verwüstet, teer an Bewohnern,;u Stätten des Schreckens, des Hungers und des Elends geworden, die hineingetragen wurden von furchtbaren Zcrstörungswcrkzcugen,• und bereitet und zugcrichtet von Mciischenhänden; und hier und dort ist das inbrünstigste Gebet, das ans dem Munde der Brüder in Gott zum Barer im Himmel emporsteigt — ein (Vlucb dem Feinde! — Und die Tausende von Söhnen, Brüdern, Gatten, Väter und geliebten Menschen, die vor einem Jahre noch begrüßt wurden von liebenden Händen und Herzen, für die die Angehörigen in heißem ziehen zu Gon beteten, die sich ihres Lebens freuten und' mir frohem Blicke.in die ferne Zukunft schauten . kräftigen Körpers und hellen Geistes, — heute sind sie gebettet in kalter, fremder Erde oder verkrüppelt in Lazarckhen! _ Wir wollen unseren Blick abwenden von diesen Bildern des Jammers und des^grausenhaften Elendes, die so deniülhigend für unsere gerühmten Eullurzustände sind. Wir wollen uns auch heute, so schwer das erscheint, dem inneren Leben in den jüdischen tstenieindkn, in den Schulen zuwenden, wie es uns gerade jetzt als Pflicht erscheint. Im .Kriege an den Frieden denken, war eine Regel der Alten, freilich in einer Zeit, wo Krieg fast die Regel, Frieden nur gleichsam vorübergehende Ausnahme war, wo man den Krieg noch als so'unbedingte Nolhwendigkeik für die Menschheit wähnte, wie jetzt den Frieden. Wir sind nicht der Ansicht, daß auch für diejenigen Zeitschriften, die, wie die unsrige, den höheren Lebensfragen der Gesammrhcit, dienen, der Krieg alles Andere in den Hintergrund drängen müßte. Im Gegenlheile, wir sind der Ansicht, daß wir wohl die Lehren, die er uns gibt, beachten, aber dennoch die Werke des Friedens im «''eiste forliühren müssen, damit wir gerüstet sind, wenn wir auch thatkräflig wieder eingreifen können in das.wolle, frische, friedliche Leben! Leben! Um Leben bittet die Jugend wie das Alter, der weranreifendc Knabe wie der altersschwache «'"reis. Ami« wir beten um Leben, um Leben in« e i st e | „Leben ist Streben und das echte jSrreben ist erst das wahre Leben." So haben wir die Aufgabe der Religionsgemeindc, so der ihnen zu Führern gegebenen Rabbinen und Lehrern stets verstanden. Wir i können nicht sagen, daß unsere Hoffnungen sich beivährten im vergangenen Jahre. -- Im Gegentheit: Es ist unleugbar eine Zeit des Stillstands und Rückgangs gekommen über das dcitlsche Judenchmn, über söine Gemeinden und Lehrer, eine Zeit, die tief betrauert wird von den warmfüblcndcn und begeisterten Anhängern der Religion und des Fortschritts! Halbheit, Unentschiedenheit, Lauheit, Jndifferenlismus, mit einem Worte — Charakterlosigkeit sind die falschen Götter, denen Israel jetzt folgt. Tas ist trauriger, als wir sagen können. Wir wollen nicht mit Bnveisen kommen, die nahe liegen. 'Wir «vollen nur im Allgemeinen ein Bild der jüdischen Genieinden und deren Führer entiverfen, in «velchem sie sich bespiegeln können uud dann fragen, ob das, ivas «vir behaupten, wahr ist? Was ist es denn, was der Partei des Rückschritts, des Faualisinus anscheinend inehr nnd mehr Terrain gewinnen läßt? Nehmen die Frommen in ihrem Sinne, nehmen die Gesetzeslrcucn wirklich zu in den Gemeinden — in den Städten uicd auf dem Lande? Werden wirklich Sabbalh ui«d Festlage jetzt mehr und strenger gefeiert, als vor 10 oder "20 Jahren? Cbcr werden die Speisegesetze und anderes mehr und strenger gehalten als fn'lher? Mit Richten! Es ist eitel Täuschung, wenn eine solche Ansicht ausgesprochen «vird. Nein - die Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse, gegen die Interessen und Ideen des Judenthuins ist in erschreckender Weise gestiegen in den Gemeinden u««d es sind eben nnr noch «venige, die die Fahne des lichtvollen Judenthuins in Wahrheit hoch ballen. Jndifferentismus ist die Parole des Tages und Jndisserentisnius heißt Stillstand, Rückgang. 'Man will Ruhe haben vor dem Anstürmen neuer Ideen! Tarum hemmt inan in den Gemeinden etwaige Bestrebungcil, die diese Ruhe stören könnten! Uild die Rabbinen und die Lehrer? diejenigen, die erfüllt ivaren mit dem heiligen Geiste einer kräftigen, aufstrebenden Zeit find alt und mürbe gcivorde», und die Jungen - nun die Jungen suchen Brod, gute Stelle»; die Ideen sind ja von den Alten bereits durchgekäinpft, die allgenieine Perivirklichung aber dieser Ideen, die unsere, der Jüngeren Aufgabe wäre — sie fehlt und läßt auf sich warten. Warum? Tie Thalsache» liegen so greifbar nahe, daß wir die Gründe darum hier nicht vorzuführen bralichen. Ist das der «'«eist, in ivelchem eine Zukunft neu begrr'uidel wird? wenn man gleichgültig, ja entgegen ist den Gestaltungen des religiösen Lebens, die die dlirchgekäinpften Principien zum Ausdruck bringen? Tarum fragen die Gemeinden, auch die söge-