Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 37 (14.9.1870)
- Date
- 1870-09-14
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
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— 300 — Nun denn, ich frage den wohlweisen Herrn Trieicher, in welcher Weife diese Sätze unS betreffen? Man-wird »o(I jugeften, dgß unsre Anschauungen selbst von der Offenbarung und von den Wundern sehr verschieden fhrf von den christlichen, da der Glaube an diese in einer bestimmtvn Form — als Dogma — nirgends als Grundsatz veS Judenthums geboten; daß die verschiedenen Commentatoren,Religionsphilosophen und andere religiösen Schriften d>e verschiedenartigsten Erklärungen bieten, ohne daß deren Rechtglänbigkeit irgendwie bezweifelt worden kann, daß z. B. Aben Esra und Ralchi. himmelweit verschieden sind, daß Midrasch und Talmud selbst auch verschiedene Deutungen zulasten, und daß solcherweise diese Lehren in der jüdischen Religionsgesellschaft durchaus nicht die Bedeutung haben, wie in der 'christlichen, wo eine öffentliche, staatlich anerkannte und beschützte -Religionsbehörde befiehlt: Dies ist der Sinn dieses Glaubenssatzes, so muß er aufg-faßf,, erklärt und gelehrt werden, bei Strafe der Ausschließung aus der Kirche, vom Lehramte Kommen wir zur Methode. Herr vr. Dittes sagt: Wo man sich auf den theologischen Standpunkt stellt, nach welchem das menschliche Herz von Jugend auf v:rdorben und unfähig ist. sich selbst emporzuarbriten, nach welchem' alles Heil von der Kirche ausgeht;c. Wem in aller Welt ist eS noch eingefallen, ins Judenthum den Satz, daß der Mensch böse von Natur sei, einschmuzgcsn zu wollen? Und daS ist ein sehr bedeutungsvoller, schwerwiegender Glaubenssatz und er begründet die ganze Divergenz zwischen den Bestrebungen der Schule und den Anforoerungen der christl. Kirche- Aber im Iudenthum ist während des ganzen Laufes der geschichtlichen Entwickelung Niemand eingefallen, zu behaupten, daß der Mensch von Natur böse sei,' und daß das Fleisch ertödtet werden muffe. Wie wäre dies auch möglich bei dem Umstande, daß die Rkligion Jöraels immer wieder auf die Erkenntniß im Geiste und auf die Gesinnung — das Her; — zurücksübrt rrcrrp L"N n>rr; c”ra rrmi dort die Quelle der Religion und des Lebens setzt, und die eigne.Wahl zwischen gut und böse dem Menschen empfiehlt, wenn dies Herz und dieser Geist von Geburt, von Natur aus böse und mit der Erbsünde behaftet. Darum trifft uns auch der Satz nicht, daß das methodische Princip der theologischen Satzung wiederspreche. „DaS allgemeinste methodische Princip ist die induktive Entwicklung des kindlichen Geistes, das Ansgehen von der Anschauung, die schrittmäßige Writerleitung, die Selbstthätigkeit der Schüler, die Harmonie int Können und Wissen und Denken des Kindes. Das alles ist nun nach theologischen Grundsätzen nicht möglich; denn die theologischen Satzungen können nicht begriffen werden. Wo nicht das Gebot des Glauben» in strikter Weise die Grundlage deS'ReliglonSgebSude« ist, da kann diese Colliston nicht statthaben. Also — auch das trifft im Judenthum nicht. Wenn nun die Methode der Theologie als die dev Autorität, des OctoyirenS, des AufnöthigenS, des Gebens, de» Auswendiglernens geschildert wird, so dürfen wir hinzusetzen, daß ein solcher Kampf über die Methode im Jtldenthum durchaus undenkbar ist, und Zweifels» ohne auch der allerfirengste Orthodoxe nicht daran denken wird, irgend welche Methode als der Religion oder „dem Glauben" wiederstreitend oder gar von demselben ablenkend anzuklagen. Wenn Herr Vr. DitteS endlich von den Priestern aller Zeiten spricht und dabei neben den jüdischen Priestern auch die Schristgelehrten erwähnt, so ist dies eben ein leicht erklärliches Mißverständnis. Die christlichen Gelehrten wiffen es eben nicht und wollen es auch nicht wiffen, daß die jüdischen Schriftgelehrten aus der Opposition gegen die israelitischen Priester hervorgegangen; daß da« Priesterthum mit der Erscheinung der Schriftgelehrten eigentlich zu Grabe getragen wurde, gerade weil jene sich zu einer vom Volke getrennten Priesterkaste herausbildeten; daß die Schristgelehrten Männer des Volks waren, daß sie die religiöse Uebung aus dem Inneren deS Heiligthums binauS ins Volk, in die Familie, in Tausenden von Gotteshäusern verpflanzten, haß sie das Studium des Gesetzes Allen zur'religiösen Pflicht machten; daß viele, viele Jahrhuuderte lang die Thora gelehrt und gelernt wurde von Jedermann aus dem Volke und nur selten Einzelne ein Amt — und zwar fast nie ein bezahltes Amt erhielten, und daß das RabbinatSwesen der Neuzeit eine eigene Erscheinung ist, auS dem Bedürfnisse der Gegenwart biryorgegangen! Wer die Geschichte der religiösen Entwicklung deS JudenthumS verfolgt, mutz anerkennen, daß es auS der Theokratie des JSra elitenthums — waS mit J'gdeirthum durchaus nicht identisch ist — in d»S Königthum hineinversiel, daß mit diesem bald daS Priesterlbum — der stete Begleiter deS Absolutismus und DesfpotiSmuS — sich ausbildete; daß, als es mit dem Königthum zu Ende ging — gerade zu der Zeit, wo eS dem Anscheine nach' in seinev höchsten Macht und Blütbe stand und mst dem Priesterthuw in eine Person oder einer Familie zutaiiimen fiel, — auch sein Untergang nabe war, und auS ihm heraus, der längst vorbereitete, volksthümliche, demokratische. Aufschwung deS religiösen und öffentlichen Volkslebens, ausgesprochen durch ein eminentes freies VolkSschulwesen. wo jeder Lehrer und jeder Schüler werden konnte, seinen behren Entwicklungsgang antrat. Wir baden ans dem Verfolg dieser Geschichte deS JudenthumS stets mit inniger Freude