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Der israelitische Lehrer · 1870-09-07 · 36 (7.9.1870) · p. Seite 292

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
36 (7.9.1870)
Date
1870-09-07
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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— 292 punkte aus nicht anfechtbar ist, wenn man nicht eben speciell kirchliche Zwscks verfolgt. Nun, m. H., ich denke mir das so. Der Stoff, den wir den Kindern zu bieten haben, muß aus einer Zeit genommen fein, wo es noch fromme Gemüther, aufrichtige, fromme, reine Sittlichkeit gab, aber noch keine verschrobene Theologie. Das nun ist eben die Zeit, in welcher die biblischen Schriften entstanden sind. Mein Religionsblich, wie ich mir es denke, würde gar keinen einzigen Satz enthalten, keine Definition, keine Eintheilunz, keinen Beweis, nichts von logischen und tbeoretischen Zuthaten, wie sic aus der theologischen Wissenschaft enilehnt werden können. .Es wäre nichts weiter, als eine Sammlung chiblischer Abschnitte. Es würde ein religiöses Lesebuch sein, genau — formell genommen — in derselben Weise , .wie es auch ein naturwissenschaftliches oder ein geographisches Lesebuch geben kann. Ich würde dahinstellen eine Anzahl biblischer Geschichten des alten und neuen Testaments, einfach abgedruckl, ferner einige Psalmen, ferner einige Kapitel ans den Evangelien, besonders die Bergpredigt und Gleichnisse, und dazu noch einige didaktische Stellen, einige moralische Sprüche. Das wäre mein Religionsbuch. Gar nichts weiter dürfte darin stehen. Und ein solches Relig'ionöbuch kann in kurzer Zeit hergestellt werden^ denn der ganze Stoff ist da. Ich würde mir auch nicht den Kopf zerbrechen darüber, daß in den ausgewählten Stellen alle einzelnen theologischen Lehren vertreten wären, so daß man alle Eigenschaften und Werke Gottes an den Fingern herzählen könnte, und was die sonstigen theologischen Theorien betrifft. Vollständigkeit ist hier gar nicht nothwendig. Gott ist im Grunde ein sehr einfaches Wesen, und die Religion kann auch sehr einfach sein. Ich würde nun, waS die Methode betrifft, .mit diesem Buche gar nichts anderes anfangen^ als was. ich mit jedem andern Lesebucke auch angefangen habe. Kenau"so, wie Sie ein historisches, ein naturgeschichtlicheS, ein geographisches Lesestück mit den Kindern nach dem relativen Inhalte behandeln, lesen, erläutern, so schlecht und recht würde ich auch dieses religiöse Lesebuch behandeln, ohne alle weitere Zuthaten. Das nun, m^ H., können alle annehmen; das können die'Katholiken, das können die Lutheraner, das können die Juden aanehmen. Ich wüßte mir wenigstens keinen haltbaren Grund gegen ein solches Buch zu denken. Nun könnte man sagen: Ja, da wird das Verfahrender Lehrer ein sehr verschiedenes sein. Ich will zugeben, baß nicht gleich eine vollständige Harmonie in der methodischen Behandlung dieses Buches herbeigeführt werden könnte. Allein, m. H., wo in aller Welt gibt es denn, eine uniforme Methode und eine unsorme Behandlung des Lehrstoffs? Geben denn die Theolögen den Religionsunterrricht alle-ganz! genau in der gleichen Weife? Das ist auch nicht der! Fall. Ich kenne Theologen in allen Kirchen, die! theils sehr eifrig sind im besten Sinne des Wortes, I sehr strenggläubig; ich kenne aber auch solche, die | sehr nachlässig ihr Werk betreiben im vollsten Sinne . des Wortes, und auch im Verfahren schlagen sie einen verschiedenen Weg ein. Sie haben wohl denselbm Stoff, aber der Geist der Methode ist immerhin sehr subjectiv gefärbt; und die Verschiedenheit, die sich bei der Methode der Lehrer Herausstellen würde, würde in keinem Falle größer sein, als es jetzt der Fall ist, wo Theologen den Religionsunterricht ertheilen. Man könnte aber auch sagen: Ja, wir trauen den Lehrern nicht, und wenn man es auch nicht sagt, so glaubt man eS doch. Man denkt, die Lehrer würden dann die Kirche, die Religion unterwühlen. DaS, m. H., traue ich dem deutschen Lebrerstand nicht zu. Denn eS ist ganz gewiß ein Hauptmotiv aller jungen Leute, welche Lehrer werden, daß sie erfüllt sind mit alledem, was dem menschlichen Herzen heilig ist. Da die Lehrer aus dem Volke bervorgehen und nicht eine Partei sind, nicht dem Priesterstande angehören, so kann man von ihnen eine um so objectivere Behandlung der Religion erwarten. Ich, m. H., denke mir daS gar nicht schwer und glaube, es sei auch praktisch durchführbar. Aber, wie gesagt, die Bedingung ist die, daß der Lehrer, der Lehrerstand vollkommen unabhängig den Religionsunterricht organiiire. Eine geistliche Aufsicht, eine geistliche Mitwirkung dabei halte ich nach meiner Ueberzeugung für unbedingt nachtheilig; >'ie muß gänzlich auSgeschloffen sein. Das, m. H., wäre das Höchste, was meiner Auffassng nach erreicht werden könnie und mit der Zeit anzustreben ist. Dem ist nun noch hinzuzufügen, daß selbstverständlich kein Kind gezwungen werden müßte, an diesem Unterrichte theilzunehmen. Es müßte den Eltern unbedingt freigestellt bleiben, ihre Kinder von diesem Unterrichte zurückzuhalten, sie entweder selbst anzuleiten aber einem Geistlichen zuzuweisen; denn die vollständigste Glaubens- und GewiffenSfreiheit muß aufrecht' erhalten werden. Aber ich glagbe allerdings, daß eS die Pflicht des Lehrers und der Schule sei, auch für die Religion etwas zu thun, und zwar die Religion mit ganzem Herzen in die Kinder zu pflanzen, weil eben die harmonische, allseitize, vollständige Entwickelung der kindlichen Natur Ausgabe des Lehrers und der Schule ist. Weist man unser» Dienst zurück, nun, dann haben wir das Unsrige gethan; dann verzichten wir aber auf jede weitere Mitwirkung. Ich würde also in erster Linie Vorschlägen, wo möglich dahin zu wirken, daß der Lehrerstand den Religionsunterricht vollständig in die Hand nehme, daß aber gar kein Kind gezwungen sein dürfte, an diesem Unterrichte theilzunehmen. Wenn dieses nicht zu er- -1

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