Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 36 (7.9.1870)
- Date
- 1870-09-07
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 290 — Wir wollen nun dem Vorwurf begegnen, als wollten wir den Gesichtskreis des Lehrers beschränken, indem wir ihm genau denjenigen Unterrichtsstoff zuweisen, den er in der Schule zu verwenden hat. Nichts liegt uns ferner als djes. Seiffarth sagt in seiner Schrift „die Seminarieu fürDolkSschullehrer:" „Was den Unterrichtsstoff betrifft, so kommt eS im Seminar nicht darauf an, das Quantum desselben noch zu vergrößern, sondern denselben dem höheren Zwecke der Erziehung unterzuordnen. Zu einer fruchtbaren Verwerlhüng desselben ist aber unumgänglich nöthig, daß der Lehrer über dem Stoff stehe, daß er eine Uebersicht über das Ganze bekomme, daß er das Einzelne als einen organischen Theil eines organischen Ganzen kennen lerne, daß er eine deutliche Erkennt - niß von dem Zusammenhangs dessen unter sich erlangt habe, woraus die dem, Schüler mitzutheilendcn Kenntniffe entnommen sind re. :c. Ston sagt in Beziehung zu derselben Frage in seiner bedeutenden Schrift: Organisation des Lehrerseminars (Leivsig 186!).) „Es handelt sich nicht darum, den'Zöglingen des Seminars ein buntes, unbestimmbares Vielerlei von Kenntnissen als eine Auswahl des Wissenewürdigsten rarzubieten: ES sollen vielmehr die beidexi Hauptzweige eines jeden erziehenden und veredelnden Unterrichts, Geschichte, Religion und Literatur einerseits, Naturwissenschaft mit Mathematik andererseits in einem solchen Umfange und bis zu einer solchen Tiefe gelehrt werben, daß der Seminarist nach seiner-Entlassung aus dem Seminar zur Fortsetzung dieser Studien Antrieb ulid Fähigkeit besitzt." Werden die Herren jüdischen Seminardirektoren sich bereit finden, sicb auch in den jüdischen Fächern den Forderungen der Pädagogik umerzuordnen? Wir hoffen doch wohl. Nun, so nehme man doch gefälligst nochmals den obigen-Plan zur Hand und vergleiche: Neun Gegenstände des Religion«- und hebräischen Unterrichts! Neun heterogene, selbst in der Sprache verschiedene Gegenstände sür den einen Zweck, die Seminaristen als LehramtSSzöglinge bekannt zu machen mit Lehre, Gebot und Geschichte des JudenthumS. Wenn die Seminaristen so gesührt werden sollen, wie sie sollten, so bedürfen ne für jeden dieser Unterrichtsgegenstände mindestens eine doppelte Zahl UebungSstunden! Wirkt das erlösend — oder niederdrückend auf die Zöglinge, auf den jugendlichen Geist und daS Gemürb derselben — denn Seminaristen sind doch auch immerhin noch Jünglinge. Lernen sie so ihre Rel-gion kennen — und lieben? Muß diese Masse nicht erdrücken, vcrwiren?- Wenn die Thora und die übrigen Bücher der heiligen Schrift mit- Commentar einzig und allein den religiösea Unterrichtsstoff bilden, so ,läßt sich aus ihnen Lchr», Gebot und Geschichte de« J^enthums (bis in die Epoche des zweiten Tempels) entwickeln, das Vorlesen der Tbora, Grammatik rc. schließt sich naturgemäß an und die Zöglinge erhalten ebensowohl eine gründliche Kenntniß der hebr. Sprache als ein weites und erhebendes Gesichtsfeld, eine Anschauung und ein Bewußtsein ihrer jüdischen Aufgabe, die freilich anderer Art ist, als wenn sie das Judenthum aus yuv, D’ai’s und {oaj erlernen müßten Sie er- > halten dann aber auch denjenigen Stoff, von dem sie - einen gewissen Theil in der Schule praktisch zu ver- | werthen haben, an dem sich die liturgischen Uebungen,; d'e Geschichte des JudenthumS naturgemäß anschließen und — was die Hauptsache ist — sie lernen einen Gegenstand, der lange nicht so viel' Zeit znr Hebung in Anspruch nimmt, sie lernen studieren, sich in j den Gegenstand vertiefen, er wird ihnen lieb wie Alles, was zur Erhöhung der Geisteskraft, zur Festigung des Charakters, zur wahren Religiosität beiträgt. . W'r glauben jetzt diesen Gegenstand verlassen zu sollen, sind aber recht gerne bereit, jederzeit Rede zu stehen, wenn man unsere Ansichten und Erörterungen in dieser Richtung etwa zu besprechen undzu bestreiten Veranlassung finden sollte. , ' UnS leitet der Gedanke, ebeniowol das Beste der jüdischen Schule als auch das Heil der Lehrer zu fördern. Und wir glauben, das Eine wie daS Andere so, nach unseren Vorschlägen besser gefördert, als wenn man aus den Lehrern anscheinende 12 -2 mache, ohne daß sie ein Gebiet ganz und tüchtig verarbeitet batten. Sie müffen Lehrer sein oder Rabbiner! In Einem oder im Andern müffen sie durchgreifend ausgebildet werden, damit nicht zum Weiterstreben die materielle Grundlage, die Hoffnung, auch in Bezug ans oie äußere Stellung wie auf die geistige bcrufsgcmäße Ausbildung das böchste Ziel zu erreichen, gebemmt werde. Und da sie Lehrer sein sollen, nun denn, so seien sie dies ganz und nur dies! ES ist immer schädlich, wenn man der Ansicht buldigt, daß gelehrtes Wissen zum Lehrer befähige. Man kann in dieser Richtung nickt vorsichtig genug sein, und wir können, — waS wir zum tausendsten Mal wohl auS den Schriften der tüchtigsten und edelsten deutschen Pädagogen erwiesen haben, auch in dieser Richtung, —und vielleicht in dieser mehr als in einer andern, denn man wird - uns selbst davon nimmermehr überzeugen, - daß der gelehrteste Israelit darum auch , der beste und frömmste Jude, geschweige; denn der beste Lehrer sei — wir können, sagen! wir, nicht genug vor unfruchtbarem Wiffensschwall und gelehrtem Allerlei im Seminare warnen, damit nicht der schädliche Jrrthum Platz greife^ der Ge-