Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 35 (31.8.1870)
- Date
- 1870-08-31
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 284 — vorübergehende Noch der Zeit an, der man sich fügen muß, behalten sich aber vor und müssen von chrem Standpunkte sich Vorbehalten, wieder in den Vollbesitz ihrer früheren Gewalt einzutreten. Es hängt damit draußen in Deutschland, und speciell in Preußen die Maxime zusammen, es gibt zwar kein Landesgesetz dafür, aber die Herren in Preußen regieren auch ohne Gesetz — nur Theologen zu Seminardirektoren zu machen, und daraus folgt nun ein großes Theil des Kreuzes, das über di preußische Schule verbreitet ist. Das ist eine weitere Konsequez. Und Sie sehen ja aus den preußischen Regulativen, daß thatsächlich der ganze Unterricht von dem Geiste durchsäuert.ist, den die hochwürdigen Herren das Wort Gottes zu nennen belieben. Sehen wir uns auch weiter die übrigen Seiten des Schullebens an. Wir haben auch Disciplin, wir haben auch Methode in der Schule. Auch diese gestalten sich wesentlich anders vom pädagogischen Standpunkte aus. Ich will nicht auf Nebendinge eingehen, obwohl ich hierüber gar interesiante Belege geben könnte; denn eö ist in einer großen deutschen Stadt beispielsweise noch im vorigen Jahre vorgekommen, daß man den Kindern gesagt hat: Für jedes Gebet, da» ihr in den Sommerferien verrichtet, wird euch nach den Ferien, eine Schulstrafe erlassen. Diesen Fall kann ich belegen. Das ist auch DiSciplin. Es kommen ähnliche Dinge vielfach vor. Ich will aber auf die >praktschen Beispiel der Disciplin nicht eingehen, ich will nur den Grund der Sache andeuten. Wo man sich auf den theologischen Standpunkt stellt, nach welchem das menschliche Herz von Jugend auf verdorben und unfähig ist. sich selbst emporzuarbeiten, nach welchen! alles Heil nur von der Kirche abhängt, da verfährt inan einfach diktatorisch und legt auf die Erfüllug der Kirchengebräuche den Haupt werth. Dabei kann aber auch so leicht eine Verleitung zur. Heuchelei, zur Scheinheiligkeit stattfinden. Es wird die rein pädagogische Disciplin von der theologischen unbedingt durchkreuzt) werden müssen; diese beiden sind nicht mit einander vereinbar. Was endlich die Methode betrifft, so liegt die Sache folgendermaßen. Das allgemeinste methodische Princip ist die .induktive Entwickelung des kindlichen Geistes, das Ausgch-n von der Anschauung, die schrittmäßige Weiterleitung, die Selbstthärigkeit der Schüler, die Harmonie im Können und Wissen und Denken des Kindes. Das alles ist nun nach theologischen Grundsätzen nicht möglich; denn die theologischen Satzungen können erstens nicht begriffen werden. Das sagt man ja ganz ausdrücklich. 'Es wird ja immer gelehrt: Ja, begreifen, verstehen, beweisen, erklären kann man das nicht, denn das' geht ja eben über alle Vernunft hinaus. Wie kann denn da von dem Prinzip« der Anschaulichkeit, der Induktion die Rede sein, wie kann denn da die Rede sein von einer harmonischen Gestaltung des Geistes- und Seelenlebens? Man bringt da von Jugmd auf einen Riß in den Geist de« Kindes, einen Riß zwischen dem, was es täglich sieht, hört, wahrnimmt, empfindet und zwischen dem, was ihm als unumstößliche Wahrheit von vornherein diktirt wird. Mit einem Worte: die Methode der Theologie ist und muß fein die Methode der Autorität, des Oktroyiren«, des Aufnöchigens, des Gebens, des Auswendiglernens, während die Methode deS Pädagogen die der Entwickelung, des SokratisirenS, und wie man es sonst weiternennen kann, ist. Also, m. H, eine Ausgleichung ist unmöglich. Das hilft nichts. Wir dürfen unS darüber nicht täuschen, so leid uns auch dieser Zwiespalt thut. Für die Zukunft aber gebe ich di« Hoffnug nicht auf. Denn, m. H. — um hier einem Mißverständnisse vorzubeugen — ich halte allerdings den geistlichen Stand seiner Idee nach für einen höchst wichtigen in der Culturentwickelung der Menschheit, und wenn er endlich zur Besinnung kommen und seine wirkliche Aufgabe wieder aufnehmen wird, dann werde ich mit groß« Fyeude mit ihm zusammrnarbeiten. Wir werden uns dancheinigen in dem Bestreben, das Volk,in allen Schichten und in allen Lebensaltern und in allen Kreisen geistig zu heben, sittlich zu bilden und auch mit dem Gefühle frommer und aufrichtiger Gottesfurcht. und mit der Idee allgemeiner Menschenliebe zu erfüllen. Aber das kann ich nicht anders sagen: die Theologen aller Zeiten und aller Bekenntnisse haben sich sehr bald verhärtet als eine Kaste und haben sich feindselig der Entwickelung des Volke» entgegengestellt. DaS ist unbestreitbar. DaS haben die Brahminen gethan, das haben die Priester von Aegypten gethan, das haben die BaalSpfaffen gethan, das haben die jüdischen Priester und Schristgelehrten *) gethan, das haben die? katholischen Priester gethan und das haben die lutherischen auch im vollen Maaße gethan. Der Gang ist der gewesen, und immer und immer hat er sich wiederholt: Die Theologen haben sich deS religiösen Gefühls des Volkes bemächtigt, denn allerdings ist die Religion eine Gabe aller Menschen und aller Völker, und haben dann ein wenig fördernd eingewirkt auf die Cultur soweit, bis sie ihre Kirche, ihre Partei, ihre Sekte mächtig gemacht hatten; dann haben sie aufgehört und haben gesagt: Wir sind die Wissenden, ihr seid die Nichtwissenden, wir die Priester, ihr die Laien, und haben nichts mehr gethan für den Fortschritt. Wenn sie nun nicht sehen wollen, so werden sie wahrscheinlich mit der Zeit fühlen, und hoffentlich *) Die Priester wohl! Aber die Schriftgelehrten? Man sieht eben, daß die Herren von der geschichtlichen Entwickelung des Iudenthums nie einen Begriff haben. Redactton.