Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 34 (24.8.1870)
- Date
- 1870-08-24
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 277 — mich derselben ebenfalls nicht anschließen, weil ich sie auf Grund meiner Erfahrungen und auf Grund sehr nahe liegender Erwägungen für unausführbar halte. ES wird nämlich vorgeschlagen, Theologen und Lehrer sollen zusammen ein Lehrbuch für den religiösen Schulunterricht ausarbeiten. Das, m. H., geht nicht; denn die beiden Standpunkte sind wesentlich grundverschieden. Ich weiß es aus Erfahrung, daß. wo solche Versuche gemacht worden sind, man etnweder eine Verschleppung inS Unendliche herbeigeführt oder doch - zu Nebenthüren wieder Elemente hineingebracht hat, die den pädagogischen Zwecken nicht entsprechen. Hierbei habe ich zugleich daS von Herrn vr. Schulze erwähnte Gothaische Lehrbuch zu erwähnen, welches als ein Beleg für die Möglichkeit der Herstellung eines Buches, wie es der vorige Redner verlangte, hier aufgeführt worden ist. Ich habe an diesem Gothaischen Lehrbuche selbst mit gearbeitet in meiner Stellung als Schulrath, und zwar gleichzeitig mit den beiden Ministerialtheologen des Landes. Ich habe auch speciell die dazu gegebene Instruktion allein geschrieben. Nun ist es schon richtig, daß dieses Buch einen wesentlichen Fortschritt bezeichnet gegenüber der frühern Praxis, nach welcher einfach der Lnther'sche Katechismus die Grundlage des Religionsunterrichts bildete. Allein dennoch kann ich dieses Buch noch keineswegs als da« Ideal eines Lehrbuchs in der Religion für Kinder betrachten,- und zwar aus zwei Gründen. Es isi nicht wahr, daß eS von jeder konfessionellen Färbung ifrei sei. Es ist nicht nur ^biblisch, sondern es enthält speciell lutherische Glauvenselemente. Wa« aber noch viel wichtiger ist, in methodischer Beziehung, daS ist der Umstand, daß es viel zu abstrakt ist, viel zu viel Theorie und Lehrsätze enthält und zu weit vom konkreten Leben der Religion abliegt. Ich werde in dieser Beziehung dann einige Bemerkungen machen, wie ich mir ein gutes Religionsbuch für Kinder denke. (Fortsetzung folgt.) - Wochenbericht. Die „ SchleSw. - Holst. Schulztg. “ sagt über die heilsamen Folgen des Lehrermangels: „Der Lehrermangel scheint immer weiter um sich greifen zu wollen, und wenn man nicht wieder in die gute alte Zeit zurück will, wo man Leute aus allerlei Volk das Nebengeschäft d«S Schulhaltens brtreiben ließ, so muß man Erfindungen machen, durch welche man dem immer größer werdenden Mangel an Lehrkräften begegnen kann.... Daß sich aus den vermögenden Ständen Wenige für den Volksschuldienst berest finden lasten, rührt natürlich daher, daß, vdn andern Dingen Abgesehen, dieser Dienst so schlecht besoldet wird. Letztere» merken heut zu Tage aber auch schon die weniger Bemittesten und nehmen daher immer mehr Anstand, ihre Kinder für das Schulamt berzugeben. So lange man au« den sogenannte« unteren Ständen noch Lehrer bekommen konnte, wußte man sich zu helfen. Nun da» aber nicht mehr will, ist guter Rath theuer. Wenn selbst die Aussicht, drei Militärlehrjahre für sechs Wochen zu vertauschen, keine nachhaltige Wirkung mehr ausüben kann, dann hört Alles auf. Ist e» nicht traurig, daß man so tief in daS „praktische Leben" hinabsteigen und bei dem Anblicke Heller Kinderaugen immer zuerst fragen muß: „Wie viele Thaler und Silbergroschen?" Diese Frage ist die immer wiederkehrende Ironie der Weltgeschichte, womit sie die Volksschule vor ihren Richterstuhl ruft, mit welcher sie Alle, welcher ihr Leben unter den jetzigen Umständen der Kinderwelt noch opfern wollen, für Thoren erk ärt. — Wer über einen Graben springen will, muß oft eine Strecke rückwärts gehen, um einen Anlauf nehmen zu können. Es ist die» oft da« einzige Mittel hinüber zu kommen. Um die Anwendung zu machen, sagen wir: Damit es mit der Schule und ihren Angelegenheiten bester werde, mästen wir einige Schritt« rückwärts gehen, und das geschieht dadurch. daß wir den Lehrermagel nicht zu heben, sondern zu befördern suchen. In früheren Zeiten konnte der Lehrermangel noch keine Macht sein, wslche bessere Tage herbeizuschaffen vermochte; heute aber ist er eine, denn der Drang nach Bildung ist im Volke heut zu Tage so sehr erwacht, daß er sich nicht mehr abweisen läßt. Wenn man jetzt wieder allenthalben Leute inS Lehramt ziehen wollte, welche ihren Hauptverdienst. aus ihrem eigentlichen Brothandwerk ziehen könnten und müßten: — die ganze Nation wärd« proteftiren Zurück kann und darf man nicht; beim Stillstand entsteht Lehrermangel, und es ist die Aufgabe der pädagogische« Fortschrittspartei, den Lehrermangel mit allen Kräften fördern zu helfen, damit aus dem Stillstand so bald als möglich ein Fortschritt werde! Der Lehrermangel ist eine Waste, welche die Zeit uns in die Hand gibt. Werfen wir sie ja nicht'von uns, gebrauchen wir sie! Bieten wir in keiner Weise die sHand, daß dem Lehrermangel Einhalt gethan werde; bieten wir vielmehr in jeder Weise die Hand, daß er befördert werde! Zurück kann die Welt nicht mehr, vorwärts muß sie, vorwärts, wird auch die Schule gehen! Wer den Lehrermangel zu verhindern sucht, bringt die Entwickelung der Schule an seinem Tbeil mit ins Stocken; wer denselben zu vergrößern sucht, drr thut der Schule den besten Dienst, der ihr heute gethan «erden kann." (Wir sind nicht der Ansicht. Red.)