Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 34 (24.8.1870)
- Date
- 1870-08-24
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 275 — per Moitrag des Pr. Pittes auf der allgemeinen deutschen Lehrerverjammlung in Wien. Bei der durchschlagende Begeisterung, die der obige Vertrag, über das Verhältnis; des Religionsunterrichts zur Volksschule, hervorgerusen, ziemt eS sich wohl, daß wir demselben auch unsererseits eine besondere Beachtung schenken. Wir find hierzu noch durch den Umstand aufgeford.rt, daß gerade in dieser Rede, wie allgemein angenommen wird, der. herrschende Zwiespalt zwischen Kirche und Schule am schärfsten ausgesprochen wird und durch den Umstand ferner, daß zwei jüd. Reallehrer, Triescher aus Trebitzsch in Mähren und Direktor Götzl aus Wien fick nicht nur an der Debatte betheiligten, sondern Ersterer sogar eigentlich der Antragsteller und Referent über „Religion und Wissenschaft" war. Die Ansichten über diese Beiheiligung war je nach der Parteistellung der verschiedenen Organe verschieden. Wir unsererseits müssen nach Ansicht der ausführlichen Protokolle zugestehen, daß auch wir gewünscht hätten, die Herren hätten sich an di es er Debatte in dieser Weile nicht ketheiligt. Was Herr Triescher in Bezug ans den Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft sagt, ist dem Judenrbum gegenüber einfach unwahr, dokumentirt eine so sebr oberflächliche Anschauung vom Judenthum — sei sie nun Unkenntnis; oder Licbäugelei mit herrschende» Ideen, — daß wir schon um deswillen uns entschieden gegen solche Verunstaltungen unseres Bekenntnisses und unserer Zeitfrage auSsprechen müssen. Es gibt einen falschen Liberalismus bei einzelnen Juden, der einem Verrath am Judenthume so ähnlich siebt, 'wie ein hsi dem andern u .d ans dem Bestreben hervorgebt, gegen daS Christenthum nicbts voraushaben zu wollen, um auch unsererseits recht weidlich auf „die Pfaffen und die Kirche" losschimpsen zu können, obwohl in dieser Richtung hierzu nicht die mindeste Veranlassung vorliegt. Was die jüd. Parteien von einander trennt, ist nicht der Glaube, sondern die Verpflichtung zu einem Tbeile deö Religionsgesetzes; und die f. g. Orthodoxie bat sich darum wohlweislich mehr die „ge setz eS treue" als „glaubens eifrige" genannt. Haben wir, als jüdische Lehrer, unS gegen die Ausschreitungen einzelner Rabbinen und'„jüdischen Geistlichen" zu beklagen, so sind daS reine Personenfragen und eü aibt, — bei »ns in Deutschland mindestens — Pfaffen und Lehrerfeinde ebensowohl .unter dev Reformern — waö die vorjährige Synode dokumentirte — als unter den frommen. Kommen wir zu dem Vertrag des Herrn Triescher, so begreifen wir ihn nicht, wenn tüitr wissen, daß dieser Herr ein Jude ist, sein Vekenntniß im Auge bat oder auch nur einige Pietät für dasselbe besitzt. Herr Triescher sagt wörtlich: „Ein flüchtiger Blick in die Geschichte der unö zmäckst liegenden monotheistischen Religionen lehrt uns-, daß dieselben durchweg Freiheit, Menschenerlösung bezwecken, mit dieser Tendenz eng verwachsen, von derselben nahezu unzertrennlich sind. Die jüdische Religion führt uns die Befreiung seines Volkes aus Frohnen und Knechtschaft vor. .Sie lehrt einen geknechteten Hirtenstand den Zwang des ägyptischen Kastenwesens sprengen. Das Christenthum befreit vom CultuS des todten Buchstabens — der Buchstabe ist todt, i der Geist ist es, der lebendig macht — und von der Werkheiligkeit; es stellt ein unerreichbares Ideal menschcnerlöjcnder Liebe auf. So befreite auch die Reformation von dem hierarchischen Absolutismus. Der , Geist des Protestes feierte in ihr seine kettensprengende f Mission." j So spricht ein Jude, ein jüdischer Lehrer, in einer Versammlung von nahezu 5000 Lehrern, wobei wohl 200 Israeliten. E ne oberflächlichere Sprache haben wir wohl von! einem Juden nie vernommen. Wir batten in diesen i Worten eher einen „rationalen Mucker" vermuthet.! Wollte er diesen gegenüber „schön" rede», das Judentbum beschimpfen, das Christenthum verherrlichen? Wie, ist es wirklich die Befreiung ans Egypten allein, oder ist eö diese überhaupt, — die dock nur ein äußerliches Moment der jüdischen Geschichte ist und für daS Wesen der jüdischen Religion nicht daS geringste beweist, — in welcher sich die befreiende Kraft, die Mission; des Judenihums manifestirt? Hat wirklich derKatholicismus — und mit Bezug auf den Nachsatz kann nur i dieser gemeint sein — vom Kultus des todten Buchstabens! und von der Werkheiligkeit befreit, was einen Nückschlnß auf daS Judenthnm nicht allein zuläßt, sonder» : sogar gebietet: das; disteS nämlick einen KnltnS des todten Buchstabens batte und in der Werkheiligkeit befangen war — und als Judenthum, ohne Aufaehen in die welterlösende Kraft des Christenlhutns heute noch ist. Und nun gar : „das unerreichbare Ideal der menschenerlösenden Liebe," daS ist also wirklich ganz und gar daS Symbclum des ChristenthumS, im Gegensatz zum Jndenihum! Bis zur Erscheinung deS Christenthnma ist in den heiligen Schriften keine Spur von dieser menscbenerlösenden Liebe; seitdem dies aber erschienen und sich ausgebreitet hat, herrscht diese als Ideal — was nützt doch die Menschheit ein u n e r r e i ch b a r e ö Ideal? — Friede, Liebe, Freiheit, Mensckenverbrüvernng verbin det die Bekenner der christlichen Religion unter sich und mit der gesammten Menschheit. Sie kennen keinen Haß, — der hat seit 1800 Jahren aufgehört — keinen Fanatismus, keinen Krieg mehr, keine Verfolgung um des Glaubens willen. Die Sätze: „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst; Du