Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 33 (17.8.1870)
- Date
- 1870-08-17
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 267 ~ veranlaßt. Die formale Bildung des Geistes sichert u«S überhaupt nicht die Humanität und Sittlichkeit des DeukeuS und Handelns. Der Mord kommt auch in den sogenannten gebildeten Ständen vor; Selbstmord zumal und Duell mit der ausgesprochenen Absicht, Einen zu Falle zu bringen, ist sogar diesen vorzüglich, theils ausschließlich eigen, und der Krieg mit dem potenzirten Streben nach Mass en-Tödtung ist sogar nur den Kulturvölkern eigen. Die Besserung der socialen Zustände neben der Hebung des sittlichen Bewußtseins und des religiösen GotteSglaubens und- Vertrauens wird jegliche Art des Mordend immer seltener und unS der faktischen wie gesetzlichen Aushebung der Todesstrafe immer näher bringen. Denn principiell ist sie auch in der Bibel aufgehoben und nur faktisch noch für zulässig erklärt. DaS Richtschwert der weltlichen Obrigkeit beruht also nicht auf göttlicher Offenbarung. Alzey. I vr. R. Wochenbericht. Ober-Ingelheim (Westrusstsche Juden, Fortsetzung.) In Folge des Aufrufs deö Hauptcomitös der „All. JSr. Univ." haben bis heute wohl mehr als' hundert westrusstsche Waisen in den verschiedensten Gemeinden Europa'ö Aufnahme gefunden, und wir dürfen mit Sicherheit erwarten, daß gerade auf diesem Gebiete die Bewegung, wenn die schlimme Gegenwart vorüber ist, gesegneten Fortgang nehmen wird. Wenn die Adoption der Waisen Hand in Hand geht mit der Unterbringung von Lehrlingen, so wird für Polen bald ein neues Geschlecht erwachsen, ein andeteö Geschlecht, daS den Anforderungen der Cullur genügt, und bei echterReligiosität, im Stande ist, sich selbstständig zu ernähren. Werfen wir dieser Thätigkeit gegenüber einen Blick auf die Kassenverbältniffe des GrenzcomitvS. Die Einnahmen betrugen 23986 Thlr. 17 Sgr. 4 Pf. Der Kassenbestand zur Zeit des Abschlusses 8184 Thlr. 29 Sgr. 10 Pf. Die Ausgaben also 15801 Thlr. 17 Sgr. 6 Pf. Es läßt sich daran ungefähr ermeffen, was noch zu leisten ist, bis die Aufgabe erfüllt ist. Dabei hat das Localcomit« in Berlin auf seine eigene Rechnung die Summe von 4549 Thlr. 19 Sgr. 6 Pf. verausgabt. Das Grenzcomitö sagt zum Schluffe: Wir sind unter allen Umständen verpflichtet, wenigstens diejenigen Erwartungen zu erfüllen, die wir nun einmal in dem Herzen so vieler Unglücklichen rege gemacht haben; eine Nichtersülluug derselben müßte eine Verzweiflung und ein Elend herbeiführen, gegen daS die Notd der vergangenen Jahre eine verschwindende sein würde. Man bedenke, daß schon auf die Nachricht hin von der Berliner Oktober Versammlung und der beabsichtigten Einsetzung eines ComiteS zur Auswanderung Hunderte von Familien ihre geringen Habseligkeiten veräußert und sich zur demnächstigen Reise gerüstet haben. Unsererseits ist nichts unterlassen worden, um jene Armen vor diesem unüberlegten, verderblichen Vorgehen zu schützen und den Sachverhalt klar darzulegen; wir haben namenrlich durch direkte, an die Gemeinden und Rabbinen, zu wiederholten Malen gerichtete Rundschreiben unermüdlich auf das Mißverhältniß der uns zu Gebote stehenden Mittel und der an unS gemachten Ansprüche, so wie aus die Unmöglichkeit hingcwiesen, selbst bei ausreichenden Mitteln Alle ohne Weiteres iu einem Jahre zu befördern. Wir-haben hierdurch allerdings gar Viele in der Heimath zurückgehalten oder zur Rückkehr in dieselbe, selbst auf unsere Kosten, bewogen und thun dies noch täglich, aber ein großer Theil derselben ist nach Lösung aller früheren Verhältnisse nicht, im Stande oder auch nicht zu bewegen, in der schon aufgegebenen Heimath nun wiederum, die zu allen Zeiten schwierige Begründung einer Existenz von Neuem' zu versuchen, während fMNdert Andere auü nicht mitthcilbarc» Glünvrit chlechterdivgs nicht in der Lage sind, in die Heimath wieder zurückzukehren, und hier oder in der nächsten Umgegend' in beispiellosem, von uns nicht zu linderndem Elende, leben; sie Alle aber harren der Beförderung nach den Vereinigten Staaten Amerikas wie einer endlichen Erlösung. Wohl würden wir, wenn nicht bald von dort aus die Nachricht eines gegründeten Comitöü eintrifft, *) unter allen Umständen gezwungen sein, die letztgenannten Armen durch Ermöglichung der Auswanderung ihrem unerträglichem Elende zu entreißen, aber selbst hierzu reichen die vorhandenen Mittel nickt aus, und wir richten deshalb nochmals an alle ComiteS und Gemeindevorstände, Beamte und Private, insbesondere an die Local - ComiteS der All. Jsr., so wie an die durch den Gemeindetag hervorgerufenen Sub-Comitöö, vor Allem aber an die Redaktionen der jüdischen Zeitschriften in Europa und Amerika die dringende Bitte, unverzüglich eine nachhaltige Agitation ins Werk zu setzen, nicht nur für Beschaffung einmaliger, wie regelmäßiger Jahresbeiträge, sondern auch um die Erreichung der andern, unS gleichfalls obliegenden Aufgabe, lhatkräftig zu fördern. Die Sache, um die es sich handelt, beschäftigt seit mehr als zwei Jahren die Oeffentlichkeit, Jedermann weiß, was vir wollen und.was wir sollen. *) Die inzwischen eingetroffen. Redaclion-