Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 32 (10.8.1870)
- Date
- 1870-08-10
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 260 — ' (Gen. 38). Sie findet sich auch bei anderen Völkern des Orients. Es würde sich eine derartige Einrichtung in den auf Majorat gegründeten Familien auch heute .noch schwer^ absrellen Mafien. Die Moral des mosaischen Gesetzes aber erklärt „Schwagerehe" als' Jncest (Lev. 18, 16). Es kommt noch hinzu. daß die Leviratsehe als eine erzwungene das Princip der Ehe überhaupt beleidigt. Eine solche Einrichtung erheischte Abänderung, da direkte Aushebung nicht möglich war. Moses schuf sie in der ns’Vn „AuSziehung des SchuheS", wodurch nach einem ebenfalls. überlieferten allgemeinen Rechtsgebrauche (Ruth 4, 7) der Schwager seines Anrechts sich entkleiden und einen Andern hineintreten ließ. So begreifen wir auch die scheinbar rer biblischen Einrichtung widersprechende Entscheidung der' Talmudisten für den Vorzug der ns^n (rOT.p/'n): die erkannten, daß MoseS aia' nur zeitweilig bestehen ließ und zur allmäligen Abrog'rung desselben einführte. Sie gaben rhrerseitS damit der Folgezeit den Weg auch für Abschaffung der rvi^n, ar. in Leiten, wo Qi2' keine Wurzel mehr habe in der Anschauung und Sitte des Volkes und den Verhältnissen seines -Lebens. Das Gesetz von „Auge um Auge" und die Einrichtung der Asylstädte bezweckt in'ähnlicher Weise Regelung und Beschränkung der störenden Volkssttte von eigenmächtig geübter Justiz und rächender Strafzerechtigkeit. Der Rächer demißt nicht die Tragweite seines in Leidenschaft geführten Schlags. Das Gesetz von „Äuge rc.", wie die Einrichtung der Asvlstädte wurzelt zwar in dem Gefühl und der Absicht rächender Vergeltung, setzt aber gerechte Abwägung der Schuld und des Schadens voraus. Der Talmud selbst spricht es aus, daß die buchstäbliche Ausführung des Gesetzes von „Auge um Auge" nicht immer Gerechtigkeit einschließe, denn der Verlust des AugeS habe nicht für jeden Menschen und jede Beschäftigung gleichen Werth, wie ja auch der Verlust des zweiten Auges werthvoller sei und eventuell eine härt're Bestrafung in sich schließen muß, als der Verlust des ersten. Er erklärt daraus die Noihwendigkeit eines andern Werthmessers:' die Abschätzl'Ng des Schadens nach Geld. Hierdurch ist die Möglichkeit einer Remedur, ja -der Abrogirung des Gesetzes von selbst gegeben und, wie wir sehen, von MoseS angebahnt. Man erkennt hier mit Deutlichkeit, und die Beispiele hierfür lassen sich mehren, daß auch der vielfach geschmähte Talmud nicht der Buchstabengläubigkeit deS starren und unveränderlichen Gesetzes das Wort redet, sondern den Geist und daS Princip desselben erforscht und festhält; man erkennt auch, daß es noch weniger im Geiste des Mosaismus lag, den Werth des religiösen Lebens in äußerer, formaler Gesetzlichkeit der Handlungen zu suchen, statt in dem inneren sittlichen Bewußtsein, welches sie leitet. Der ganze Prophetismus straft diese Anschauung Lüge. Der landläufige Vorwurf des ChristenthumS von der starren, formalen Gesetzlichkeit, welche den MosaismuS wie das ganze Judenthum charakterisier im Gegensatz zu der neuen Lehre, welche auf dem Principe sittlichen Bewußtseins und innerer Freiheit ruhe, wurzelt in der falschen Anschauung Paulus', der die „Zuchtmeisterei" des mosaischen Gesetzes tadelt, um auf Kosten derselben die sittliche Freiheit des christlichen Denken! un> Lebens zu erheben. Dieser Tadel ist neu, wie daS ganze Paulinische Christenthum ein neues war; Jesus und seine erste Gemeinde kannten weder jenen noch dieses. Diese lebte» dem jüdischen Gesetze gemäß. Paulus trat nicht nur nach Art aller Apostaten feindlich gegen das Judenthum auf, sondern machte auch dem Heidenthum Concesstonen, um dem Christenthum Eingang zu verschaffen. Durch diese Abänderung des ChristenthumS zu Gunsten des HeidenthumS und zu Ungunsten des Judenthumö zog sich Paulus den Streit der ersten Christengemeinoe, an deren Spitze Jacobus, der Bruder Jesu, und der Apostel Petrus standen, sowie seine Verleugnung und Ausstoßung Sei - tens dieser zu; sie bezeichneten ihn als falschen Propheten und Begünstiger der Baalspriester und nannten ihn Bileam, Jsebel und seine Anhänger Rikolaiten (die griechische Uebersetzuug von aps>a d. i. „BolkSverderber" aus vixm und Xaög nio und ay gebildet). Man vergleiche Apoc. 2, 14 ff. und 20; Renan: Paulus edit. BrockhauS S. 317, Geiger Wiff. Z. VI, 31. Aus diesem Antagonismus des Paulus gegen das jüdische Gesetz bildete sich die christliche Principienmacherei, wie sie ganz besonders hier in der Bergpredigt vorliegt. Daß sie ursprüngliche' Aussprüche Jesu enthält, ist möglich; aber in dieser Form und Ausdehnung ist sie wahrscheinlich das Machwerk Paulus. Selbst aus der Bezeichnung „Bergpredigt" (V. 1) scheint uns die absichtliche Gegensätzlichkeit hervorzuleuchten. Man wollte auch der neuen Lehre eine „Bergpredigt" verschaffen gleich der alten „Offenbarung auf dem Berge Sinai", und während inf dieser das starre, unversöhnliche Gesetz herrscht, sollte sich jene durch das nachgiebige Princip der Milde, der Versöhnlichkett und Gnade auszeichnen; hier der ,^Haß", dort die „Liebe". Wie sehr es bei dem Gesetz von „Auge um Auge" dem Gesetzgeber darum zu thun war, die faktischen Volkszustände zu mildern, wie weit er entfernt war, die Blutrache gesetzlich festzustellen und anzuerkennen, geht daraus hervor, daß trotz der Todesstrafen, welche das Gesetz verhängt, die Bibel doch daS Princip der Todesstrafe venvirft. Kain wird als der erste Brudermörder genannt. Auch von ihm wird schon erzählt, daß er die Blutrache fürchtete: freilich