Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 31 (3.8.1870)
- Date
- 1870-08-03
- Page
- Seite 253 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 253 Töte», 27. Juli. Sie haben noch keine Mittheilung gebracht über eine sehr segensreiche Anstalt, welche Herr l)r. Ludwig August Frankl, der edle Dichter, in Angriff genommen, und welche einen überraschend herrlichen Erfolg hat. Derselbe projektirte nämlich eine „Jüdische Blindenanstalt" und es ist der seltenen Hingebung de« edlen Mannes gelungen; eine GründungSsumme von mehr als 100,000 Gulden — wobei auch sehr namhafte Beiträge von Christen — nahezu 3000 fl. Jahresbeiträge und ein vollkommm eingerichtetes Haus für 50 blinde Kinder stehen der WohlthätigkeitS anstatt bereits zu Gebot. So wird Wien bald um eine herrliche Stiftung reicher sein und zwar eine solche, die als jüdische in ihrer Art einzig ist. — Herr Ritter von Wertheim hat ganz allein auf seine Kosten die Errinnung einer Kleinkinderbewahranstalt im Stadttheile vor der Favoritelinie versprochen Die Bezirksvertretung hat ihm dezi Dank des Bezirks ausgesprochen. — Gelegentlich der allgemeinen deutsche Lehrerversammlung fand auch eine Versammlung der anwesenden jüdischen Lehrer statt, die aber kein erhebliches Resultat hatte. Es wurde vielseitig erwartet, daß die Lehrer hier, unbeeinflußt vom Hochdrucke der Gemeinde, ihr Votum darüber abgeben würden, ob der Unterricht im Hebräischen nothwendig zum Unterrichte in der Religion gehöre oder nicht? DaS geschah aber fachmännisch nicht. Erlauben Sie mir zur Erklärung der Verhältnisse Folgendes : Hier in Wien bestehen alle religiösen Parteien mit allen ihren Schattirungen unvermittelt neben einander. Da haben sie die starrste Ültraorthodoxie neben dem extremsten NihittSmuS. den bewußten ConservatiSmus und den gemäßigten FortschrittSmann. JedeÄiichtung will Berücksichtigung — mit Ausnahme des richtungSlosen JndifferentismuS. Diesem letzteren soll der Religionsunterricht entgegenwirken. Die neuen Schulgesetze räumen der Gemeinde dag Recht ein, über denselben zu wachen. Scküler der Mittel- und Volksschulen erhalten ohne Religionsclasse kein Zeugniß. Der Vorstand hat nun für Wien ein Programm auSgearbeitet, worin das Hebräische als obligatorisch ausgenommen. DaS Ausmaß desselben ist jedoch den Conservativen zu wenig, den dem Fortschritt zugeneigten, wegen deS Jwanges, der darin liegt, ein Gräuel. So ist keine Richtung befriedigt und das pädagogische Moment geschädigt. Mit Wiederwillen, ohne tieferen Einblick in den Geist, in die Erhabenheit der hebräischen Sprache und Literatur bereite sich ein großer Theil der Schüler zum Examen vor. Die sehr tüchtigen Lehrer der Religionsschule müssen mit halben Leistungen zuftieden sein, da sie die Schüler nicht durchfallen lasten wollen. Ist ein solcher Vorgang ersprießlich? Stößt er nicht vielmehr von der väterlichen Religion ab? Wäre eS nicht wohlgethan, zu erklären: Hebräisch werde gelehrt; eS ist eine Ehrensache und Existenzftage de» Judrnthum», die heilige Sprache seiner Väter und seines religiösen SchriftthumS zu pflegen. Doch gmügt zur Erlangung einer Religionsklaffe (eines Zeugnisses?) die Kennt - niß der Religion. — In dieser Frage erwarteten wir eine fachmännische Aeußerung der jüdischen Lehrversammlung. Sie hat sie nicht gegeben. Literarisches. Ober-Ingelheim, den 24. Juli 1870. (Fortsetzung.) Für den ersten Leseunterricht liegt die unsere« geehrten Lesern al« sehr brauchbar bekannte Schreib¬ und Lesefibel von G. Gurke mit Bildern von Otto Sp eckter (Hamburg Otto Meißner) in 16. Auflage vor, der „Einige Worte über den ersten Leseunterricht, von demselben, 3. Auflage, beizufüge« sind. Wir schließen diesem an: Die Poesie in der Volksschule. Vierzig vaterländische Dichtungen, ausgewihlt und erläutert von W. Dietlein, Rektor der Volksschulen in Nordhausen. (Witttenberg, Verlag v. R. Herrosö, 2*/, Sgr.) dem eine Ausgabe für Lehrer (24 Sgr.) beigegeben ist. Die Gedichte sind gut gewählt und vorzüglich erläutert. Es wird bei diesen Erläuterungen auf das Leben der Dichter, auf Sprache, Inhalt und einzelne Ausdrücke Bedacht genommen. Eine tüchtige, dankenSwerthe Schrift des bekannten, strebsamen Schulmannes! — Noch erwähnen wir einen interessanten Bortrag, der im MuseumS- Saale des Nassauischen AlterthumsvereinS in Wiesbaden am 7. Januar 1870 von August Bolz ge-- halten und im Verlag von Rudolph Gärtner in Berlin erschienen ist: da» Fremdwort in seiner kulturhistorischen Entstehung und Brdrut u n g. Der eingehende Vortrag kommt zu richtigem Schluffe in dieser vielventilirten Frage: Er billigt passenden Gebrauch der Fremdworte und verurtheilt den Mißbrauch. — Zu unserm Bedauern konnten wir von dem fünf und zwanzigjährigen Schriftsteller-Jubiläum eines um die Jugend und das Volk hochverdienten Manne» mcht rechtzeitig Kunde bringen; wir thun e» nachträglich, indem wir unsere ganze Sympathie für ein Streben aussprechen, das. richtig gewürdigt, nur segensreich wirken kann. Am 1. April d. I. waren eS 25 Jahre, seit Ferdinand Schmidt als Jugend- und Volksschriftsteller seine Laufbahn begonnen. Obwohl eine sehr große Anzahl der vorzüglichsten Schriften für die Jugend von ihm erschienen sind, wirkt er heute noch in ungeschwächter Kraft, sowohl als Volks-