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Der israelitische Lehrer · 1870-07-13 · 28 (13.7.1870) · p. Seite 230

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
28 (13.7.1870)
Date
1870-07-13
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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auch in Deutschland; das jüdische Erbrecht Halt als ein privates und. wurde von den Gerichten anerkannt. Wir möchten fragen: Gilt auch diese Ausschließung der Töchter als ein göttlich offenbartes Recht von ewiger Gültigkeit und Dauer? DaS Organ der Mittelpartei, welches unser Blatt zu den nichtonhodoxen zählt, möge uns sagen, wie eS sich zu dieser ,präge stellt. -Wir nennen uns orthodox mit den Orthodoxesten, aber dem Geiste, nicht dem Buchstaben nach. Dem Buchstaben nach müßte jenes Gesetz von dem Erbrecht der Töchter d. h. der Ausschließung derselben von der Erbberechtigung ewige Gültigkeit haben, wie so vieles Andere, welches doch nur feine Begründung in vorübergehenden DerhLltniffen hat. Denjenigen, welche sich mit Borreckt orthodox nennen zu dürfen glauben, hat Alles in der Religion gleicke Berechtigung und ewige Gültigkeit, waS geschrieben steht. Die Ausschließung der Töchter vom Erbe steht in der Tora geschrieben. Wir fragen also wiederholt: Wie stellt sich das mit Vorrecht sick orthodox nennende Organ der Mittelparrei zu dieser Frage? R.) Ciueiunati. Der „Israelit" hält die Beschneieungsfrage für erledigt, weil 60 Aerzte vom plysischen Standpunkte sich gegen sie ausgesprochen und tieRabbiner-Conferenz in Philadelphia vom relig. Standpunkte sie nickt für nothwendig erklärt haben. Eine sonderbare Erledigung! Wir glauben, daß bei weitem mehr Aerzte und Rabbitien sich für die Beschneidung erklären. Der ärztliche Standpunkt erscheint uns hierbei nickt maßgebend; die rabbinifche» Erörterungen über diesen Gegenstand haben indeß dieseilS wie jenseits des OceanS /bisher nur den Buchstaben, nicht den Geist der religiösen Gesetzgebung in'S Auge gefaßt Niemand hat sich gefragt, was bedeutet und bezweckt die Vorschrift der Beschneidung? Den Meisten ist die Sache eine bedeutungs- und zwecklose Cermonie geworden,^?) der sich diejenigen oft am wenigsten entziehen und für welche diejenigen gerade am eifrigsten plaidiren, welche sonst den-formalen Cermoniendienst am lautesten verwerfen. Eine bedeutsame Wendung in der Sache ist eS dennoch, daß in neuester Zeit die Renitenz in der Beschneidungsfrage meisteirtheilS von den Aerzten ausgebt, während diese in früherer Zeit die Operation stets in Schutz zu nehmen pflegten. Ke u t I l e t o n. Der Wetter. Novelle von I. Kl. (Fortsetzung.) Wenn der Sturm losbricht, fallen die welken Blätter von den Bäumen. Die arme, kranke Klara bette in diesen Tagen viel gelitten; sie fühlte sich ihrer Auflösung nahe und sie hatte daher ihre Freundin zu sick beschieden. Diese ging nur ungern vom Hause der Mutter, die sick in einer fast krankhaften Aufregung und Anspannung aller Kräfte befand. Aber der Ruf der Jugendfreundin war so rührend und so innig, daß sie sich nicht entschlleßen konnte, demselben zu widersprechen. „Komm, meine Freundin," hatte sie ihr sagen lassen, „komm an mein Sterbebette. Ich - werde Dich bald verlassen — für immer. Wir wollen noch einmal sprechen von unseru Träumen und Hoffnungen, von unseren Wünschen und unserer Freundschaft Ich werde für Dich beten — bete Du für mich!" Und Sara war gegangen. Als ne durch die Straßen der alten Stadt ging, bemerkte sie wohl ebensowenig die höhnischen und bösartigen als die mitleidigen Blicke, die ihr folgten. Sie hatte wohl vernommen von der Aufregung in der Stadt, von dem Haß gegen die Juden, und von der Gefahr, daß dieser Haß bald auSbrechen könnte; aber — wenn die Gedanken getheilt bei der liebenden Mutter und bei der sterbenden Freundin weilen, wo ist da noch Verständniß iür Haß — und zwar Haß um des Glaubens willen - wahrend die Freundin selbst jenem anderen Glauben angchört? Mochten das die Haßerfüllten wohl ahnen? Rein! Der Fanatismus war aufs Höchste gespannt! Pater Anton hatte am jüngsten Sonntage alle seine „Angehörigen" um sich versammelt, alles Gift seines Herzens auösprühen laffen und die Zeit der Vergeltung als nahe bevorstehend erklärt. Er hatte dann den Häuptern der Verschwörung bestimmte Aufträge gegeben und alles vorbereitet für den großen Tag der Entscheidung. Jetzt hatte er sich in seine Zelle eingeschlossen und ließ Niemand vor sich. Er wollte beten, hatte er gesagt, beten für das Gelingen seiner frommen Pläne! Aber es war nur die Flamme des Haffes, die mit so fürchterlicher Gier an seinem Her-' zen nagte, daß er vor innerer Aufregung die Herrschaft über sich selbst verloren hatle, und sich mit grenzenloser Aufregung in seiner Zelle vergrub. Seit Jahren arbeitete er an diesem verruchten Plane, an dem letzten Vernichtungsschlage für seine Feinde! Jetzt sollte eS gelingen, jetzt stand der Tag der Rache vor der Tbüre! Ein wirklicher Haman wollte er sich nicht begnügen mit der Vernichtung derjenigen, welche ihn einst persönlich beleidigten — er hatte diese jabereitS in innerster Seele tödtlich verwundet! Das Weib, das er liebte, wie eine solche Natur lleben kann, und daS ibn verschmäht halte, hatte die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauert; der Mann, der sie ihm geraubt hatte, den sie vorgezogen, lag in seinem Kerker, seit Jahren gefesselt, in seiner Gewalt. Aber das .genügte ibm Alles nickt — alle Juden, die ihn

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