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Der israelitische Lehrer · 1870-07-13 · 28 (13.7.1870) · p. Seite 229

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
28 (13.7.1870)
Date
1870-07-13
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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— 229 — Vorgänge in Deutschland nicht, wo derartige Kämpfe längst auSgefochten sind? Die „Revue iSraelite" veröffentlicht einen Artikel über die religiöse Glaubensrichtung M. Mendelssohn'-. (Wir verweisen auf eine einschlägige Abhandlung Dr. Rothschild'« in dem Jahrbuch „Ackawa 1867". Red.) Dasselbe Blatt wundert sich mit Recht über die Aufklärung, daß München die diesjährige Synode nicht eingeladen, sondern nur erklärt habe, der Versammlung nicht hindernd entgegentteten zu wollen. Also doch passiven Widerstand! Noch mehr wundert sich da- Blatt, daß der iSr. Vorstand in Mainz sich die Versammlung verbeten habe. Wo ist der gerühmte Geist religiöser Rührigkeit in den deutschen Gemeinden? London. Die englische Regierung bereitet eine neue Bibelübersetzung nach dem Stand der heutigen Wissenschaft vor. Rabbiner Adler ist mit dazu berufen. Eine jüdische, hochgestellte und geebrte Dame erbat sich von Garibaldi ein Autograph. Er schrieb: „Ich habe immer das Volk Israel geliebt und geehrt und werde stets gerne bereit sein, deffen Wohl zu fördern." Man weiß nicht, ob der General dies mehr aus Liebe zur Dame, oder zum Volke Israel ausgesprochen hat. Tt. Petersburg. Auch hier wird jetzt eine prachtvoller Synagogenbau vorbereitet; man hat einen Platz dafür mit 12000 Silberrubel angekauft. -< Man verspricht sich großen Erfolg von dem in hebräischey Sprache geschriebenen Werke Goxdoner's über populäre Heilkunde auf die russischen und polnischen Juden, welche darin den Werth der körperlichen Reinlichkeit für die Erhaltung der Gesundheit und des Lebens er kennen werden und sich damit mehr schmücken sollten'! als mit Perlen nnd Goldgeschmeide. St. Petersburg. Die K. Regierung hat nun auch angefangen, die Nothlage der Juden zu diScutiren und zur Besserung derselben Vorschläge zu machen. Man erkennt ihre geistigen und sittlichen Vorzüge, wie ihre Neigung und Geschicklichkeit zum Handwerk und zur Feldarbeit an; man gibt zu, daß ihr? dortigen Verhältniffe durch äußere Umstände und exceptionelle Gesetzgebung veranlaßt sei und räth deßhalb allgemein an, den Juden allgemeine Freizügigkeit zu gestatten. Von der Orthodoxie der Juden, meint man, sei nichts für den herrschenden Glauben zu fürchten, weil der Religions-Fanatismus der Juden nur subjektiv, nie objektiv sei; er habe nur sich, nie den Andersgläubigen zum Gegenstände. Bucharest. Präsident Grant hat einen Israeliten zum hiesigen nordamerikanischen Gesandten ernannt, um den Rumänen die Gleichberechtigung der Juden thatsächlich zu beweisen, wie um den Juden einen wirksamen Schutz gegen die Rumänischen Verfolgungen zu verschaffen. Jassy, 18. Juni. Bekanntlich läßt eS sich die ractionäre Preffe in Preußen angelegen sein, die neulich gemeldete Judenhetze in Bottuschan ihres gewaltthätigen Charakters zu entkleiden. ES frommt daher wohl, auch andere Stimmen sprechen zu laffm. So schreibt ein hiesiger Cvrrespondent der „N. fr. Pr." über jene Vorgänge: „Während die ganze Welt an den Fortschritt denkt, schreitet man in der Moldau mit Riesenschritten zurück. Das grausame Ereigniß der in den verschiedenen Städten, besonders aber in jüngster Zeit in Bottuschan, aufgeführten Judenhetze ist.weltbekannt. Minder bekannt dürfte es sein, daß die Obrigkeit selbst und die dort ansässigen Bojaren, anscheinend die rohe Schuljugend beschwichtigend, sie insgeheim noch mehr aufstacheln den hülflosen Israeliten ihr Hab und Gut wegzunehmen und ihnen schwere körperliche Beschädigungen zuzufügen. Dte Zügellosigkeit des aufgeregten und fanatischen Pöbels ging so weit, daß er nicht einmal die kleinen Kinder schonte, ja selbst Weiber und Mädchen wurden geschändet. Aber was will man von der hoffnungsvollen Jugend, wenn selbst Leute, die dort die ersten Stellen einnehmen, sich nicht scheuen, offen einzngestehen. daß ihre Gesinnungen die des Pöbels, oder eigentlich richtiger die des Pöbels die ihren seien. Ich will Ihnen. für heute nur Einen Fall erzählen. In Baküu, einem kleinen Städtchen der Moldau, standen vor einigen Wochen sieben Rumänen vor Gericht, angeklagt, ein wehrloses jüdisches Ehepaar bei Nicht überfallen, beraubt, geschändet und ermordet zu haben. Zu ihrem Bertheidiger war ein dortiger Advocat und Bojar bestellt. Dieser begann seilte Rede mit folgenden Worten: „Was haben denn eigentlich diese armen Leute für ein Verbrechen begangen? Sie haben einen Juden und eine Jüdin erschlagen. Was liegt daran? sind eben zwei Juden weniger da. Ist es doch vom Standpunkte der göttlichen Gerechtigkeit betrachtet keine Sünde, einem Juden?as Leben zst nehmen." Und dieses ist ein Mann, der auf Bildung Anspruch macht, der gleich den anderen Bojaren eine g^oße Reih: von Jahren in den civilisirtesten Ländern zugebracht hat." Algerien. Jules! Favre und Adolph Cremieux werden hier nächstens in einem jüdischen Prozesse : plaidiren. Es starb hier j nämlich ein reicher Mann, deffen Vermögen die Söhne mit Ausschließung der > Töchter, welche nach jüdischem Rechte nicht erben, in Anspxuch nehmen. Da aber der Vater französischer Bürger geworden war, so nehmen nun die Töchter nach französischem Rechte auch ihr Erbtheil in Anspruch. Die Sache liegt im Promse. I. Favre vertheidigt ' sonderbare Weise das jüdische, A. Cremieux das i französische Recht. *) Ehemals schwebten derartige Prozeffe i *) Unsere bereits nach den Journaten mitgetbeiltt Version sagt das Gegcntbcil. Red.

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