Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 28 (13.7.1870)
- Date
- 1870-07-13
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
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— 228 — der Diaspora (Resche.-Kalah und Rescheh - Galuta) > etwa Oberhäupter der Religion? Jene galten bloß I als Ausleger der Gesetze viel, aber dennoch nicht abi solut, diese waren nur weltliche Beamte, die stch in religiösen Dingen selbst-den Aussprüchen der Schriftgelehrten anzubequemen hatten. Oder wir vielleicht R. Jehuda Hannasi, Sammler der Mischnah, ein solches Oberhaupt? -seine-Frömmigkeit und das Verdienst, das er sich durch jenes große Werk um das zerstreute Israel erworben, trugen ihm wohl den Ehrennamen de« Helligen ein, aber seine eigenen wie die von ihm tradirten Aussprüche der anderen Gesetzeslehrer wurden im Laufe der Jahrhunderte tausendfach biScutirt; und eist dann nach Stimmenmehrheit eine Norm daraus fixtrt lsnd wollten wir weiter fragen: War es etwa der Oberpriester, Ahron oder einer seiner Nachfolger, ja Moses selbst? Immer gäbe es nur die eine Antwort: sie lehrten, verkündeten, schärften die Religion ein, sprachen und handelten in deren Namen, aber über sie zu gebieten, maßte sich wahrlich keiner von ihnen allen an; war ja sogar MosehS schönster Ehrentttel nur, daß er sei ein „treuer Diener Gottes" (d. b. dessen, in dem alle Religion ihren Ausgangs- und Endpunkt hat). Erkennete also daS Judenthum irgend ein Oberhaupt seiner Religion an, so wäre da« sicher kein Mensch, sondern allein Gott : selbst, ihr Offenbarer und Objekt zugleich; jedoch auch '■ daS sogar ist durch den rabbinischen Spruch: „alles liegt in GotteS Hand, nur micht die Gottesfurcht" ausgeschlossen. Es will derselbe eben in seiner paradoxen Kürze die.erhabene Wahrheit ausdrückcn, daß Religiosität, Frömmigkeit (wie überhaupt jede Tugend) daS unveräußerliche Besitzkhum jegliches einzelnen Individuums sei, über das sich deßhalb der Allmächtige selbst, um es in seiner unbedingten Giltigkeit nicht zu beeinttächtigen, der. Obmackt begeben habe. Freiheit ddS Willens, Freiheit des Gewissens, Freiheit des Glaubens sie stehen somit als umwandelbare Principien im Judenthuin-da; we(ch' ein Triumph seiner Lehre gegenüber der von der Prädestination, Gnadenmahl und ewigen - Derdammniß mit all' ihren Consequenzen der Verketzerung und Verfolgung um des Glaubens willen!. Und diese wollten wir unS aus eigener Jnitiattve verkümmern, indem wir, ohne zu bedenken, was wir thun und welche jähen Pfad^ wir damit beschreiten, unsere Religion als unter einem Oberhaupt stehend darstellen?! Lrrars humanum, est doch muß der Jrrthum, zumal wo er so rief in's Wesen eingreifend ist, sobald er erkannt wird, auch als solcher anerkannt und emendirt werden. Was könnten Fanatiker innerhalb und außerhalb unseres Lagers sonst nicht alles aus solch falschem Prindip folgern? Dr. M. St. Wien. Die Tochter eines angesehenen jüdischen Kaufmannes, wir verschweigen vorläufig ihren Namen, ist hier unter dem Verdachte des KindeSmordS verhaftet worden. Wir sehen, die Sittlichkeit der Juden, einst so sehr gerühmt und bewährt, befindet stch auf abschüssigem Boden; sie sinkt immer ttefer, verfällt immer mehr. Die Zahl der unehelichen Geburten hat unter dem hiesigen Israel schon längst eine hohe Ziffer erreicht. Nun gesellt sich auch noch KindeSmord dazu. Wie rein hat sich Israel nicht in den Zeiten be$ Drucks erhalten, als die Zahl der concessionirten Heirathen beschränkt war und die verlobten Paare Jahre lang auf eine sogenannte leere Stelle und die damit verbundene Erlaubniß zum Heirathen warten mußten! Wer hörte damals von unebelichen Geburten und gar — Kindesmord? Die selbst früh verlobten und inzwischen altgewordenen Brautleute gingen tugendreir. zum Traualtäre. Trübe Erfahrungen! Ich reihe noch eine andere an, welche uns der „allgemeine deutsche Lehrertag" brachte. Er hat im hiesigen Israel nicht daS gewünschte Jntereffe geweckt, wie man auch vorher nur eine geringfügige Summe dafür ausgesetzt batte, während doch sonst für wohlthätige Zwecken hier immer große Summen zu Gebote gestellt werden. Es handelt sich dann freilich um Förderung des materiellen Wohls, weil man ja selbst materiel gesinnt ist. Für Förderung geistiger Zwecke hat man trotz der geistigen Aufklärung kein Interesse. Man macht freilich diese Erfahrung auch anderswo. Parts. Seitens der Israeliten ist eine Petition an den Kaiser gerichtet worden, aus Gründen der Gleichberechtigung aller Culte auch den Großrabbiner Isidor zum Smator zu ernennen. Man sagt, der Ka->er sei willig, die Kaiserin aber opponire. Die „Presse iSraelite" berichtet über die ConfirmationSfeierlichkeit am Schabuothfeste (die Pr. israel. schreibt stets irrig Schebuoth) und rühmt die Anwesenheit der Familie v. Rothschild, indem die älteste Tochter des Barons Alpbons sich mit unter den Confirmandinnen befand. Eigentümlich genug wird der Vortrag eines .Violoncell-Solo Hervorgeboben, dem sich der Hallel-Geiang anschloß. Also Orgel in der Synagoge ist verpönt, aber. Violoncella in gestattet. —; Vielleicht weil Letzteres nicht ä la Chukkoth Hagojim ist? Paris. Die C iltus-Reform regt sich jetzt auch in Frankreich; an deren Spitze steht der Rabbiner des Central - Confistoriums, Mr. Isidor. Er hat große Kämpfe, zu beweisen, daß die Verringerung der Piutum Zahl, die Abschaffung der Meziza, das offene Tragen des eigenen Frauenhaares, das gemeinsame Recitiren deS Kaddisch Seitens der Trauernden kein religiöses Verbrechen sei. Er muß betheuerndaß kein Rabbiner, nickt einmal ein Prophet, das Recht zu religiösen Neuerungen habe. . Eristiren denn für Frankreich die