Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 27 (6.7.1870)
- Date
- 1870-07-06
- Page
- Seite 218 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 218 — dieser Forderung jnr Bedingtmg der Aufnahme. Datei weichen sie insofern von einander ab, als die einen «mch verlangen, daß die jüdischen Kinder gleich allen andern sich den Aufgaben unterziehe», die bei diesen, HuterrichtSgezenstanb« gewöbnlich in dem Auswendiglernen von Bibel und Grsangbuckverfen besieben, die anderen aber die betreffenden Kinder von diesen Aufgaben zu dispensiren. Als Grund dieser Maßregel wird von den in Rede stehenden Schulvorstehern gemeinhin angegeben, sie wollten auf diese W ise die -Humanität fördern, indem sie in ihrer Schule keinen Unterschied zwischen den Betennern der vtrschiedrnen Religionen hervortreten ließen. Zur Zerstreuung von Bedenken, die sich bei jüdischen Ettern erheben, dient dann die Versilberung, daß der Religionsunterricht gar. kein consessioneller sei, daß er sich nur auf da» allgemein Sittliche beziebe, oder wie sonst der Ausdruck lauten mag. Zch will zunächst dies« Rechtfertigung der von mir als Mißbrauch bezeichnetea Einrichtung zu entkräften versuchen. Ich kann nickt begreifen, wie man die Humanität, zu welcher doch religiöse Duldung gehört, dadurch' fördern will, daß man das Dasein der verschiedenen Bekenntnisse gewissermaßen ignorirt, daß man an die Minderheit den Anspruch stellt, sich der Mehrheit wenn auch nur äußerlich, so vollkommen zu unterwerfen . daß von ihrer Existenz nichts wabrrunebmen sei. Das ist gerade das Gegentheil der Duldung. Will man die Zug nd zu dieser Anleitung gebe», so muß man ihr durch das Beispiel der Schule zeigen, baß man Gerechtigkeit und Liebe denen, welche eindn andern Glauben haben, ebenso erweise, wie einem eigenen Glaubensgenossen, daß man dem Anr erStzläubigen in keiner Weise einen Zwang auferlege zu einer Handlung, die nicht für den Wohlbestand der Gefammbeit unbedingt erforderlich ist. Es ist fürwahr keine Erziehung zur Toleranz, wenn man durch die Einrichtung der Schule das Beispiel gibt, daß man die der Minorität Angehörigen zur Aussprache einer Lügeanhält, indem man dieselben Dinge sagen läßt, bvn welchen man weiß, daß sie nickt als wahr geglaubt und empfunden «erden. Wie man ein solches Verfahren vom allgemeinen pädagogischen Standpunkte «us rechtfertigen will, ist mir unerfindlich; ich sehe darin eine arge Versündigung nicht blos gegen die jüdischen sondern auch gegen die christlichen Kinder, die man durch dieses Verfahren rur Unduldsamkeit und zur Geringschätzung der Religion überhaupt verkeilet, und deren Achtung vor der Wahrhaftigkeit man erschüttert. Denn da» wird man doch wohl nicht behaupten, eS erführen in diesen Schulen die christlichen Kinder gar nickt, daß sie jüdische Mitscküler oder Mitschülerinnen haben. Am wenigsten können das diejeuigen meinen, welchc die jüdische» Kinder von de» Religionsj oufgaben befreien und so bewirken, daß in dirser-; Untrrrichtsfinnd« selbst der Unterschied bemerkbar wird, i den sie verdecken «ollen. E« kann hierbei nicht wohl I verhütet werden, daß die Gedanken der christlichen : Kinder gerade durch die fick ibneg bietende Wabrnebmnn; > abgelenkt und eine unbefangene und ungestörte Hin. j grbung, die für diesen Untrrrichtsgegenstand besondere I nothwrntig ist, in erheblicher Weise erschwert werbe. Aber es wird ja kein ebristlicker, ionvern ein cvnfejsienSloser Religionsunterricht ertbeilt. Wenn das wahr wäre, so würde kein G-und abzusehen sein, warum man dir jüdischen Kinder von den 'Aufgaben dispensnt. Aber eS ist nicht wahr, und ick glaube, die ReligionSlehrer selbst, die zum großen Theil christliche Geistliche sind, werden mir in dieser Behauptung zustimmen. Ich leugne nicht, daß ein solcker cvnfessionSloser Religionsunterricht in unserer Zeit möglich r-i. Zur Ertbeilung eines solchen müßte aber ein denkcnder jüdi,cher Lehrer ebenfalls geeignet erschc.iui»; würde sich aber wohl einer jener Schulvorsteher dazu verstehen, durch einen Juden den Religionsunterricht in seiner Schule ertheilen zu lassen? ick meine eS nicht und wünsche es auch nicht, weil ich der Ansicht bin, daß dieser Unterricht, so sehr er auch auf daS Gemeinsame in den neben einander bestehenden Religionen j und aus daS sittliche Moment Nachdruck legen soll, | doch sich bis zur Confessionülosigkeit nicht verallgei meiner« dürfe. Dazu sind di« Schulen, um die es sich j hier handelt, und die rrmgebenden Verhältnisse, nickt angetbam Die Sckulen sind die Stätten, in welchen die fruchtbringendsten Saaten humonrr Gesinnung a»Sgestreut werden können und sollen. Darum muß es den Freund der Menschlichkeit so tief betrüben, wenn er wahrnimmt, daß die Schulen durch verkehrte Maßregeln d-kse Aufgaben nicht erfüllen, zumal, wenn er durch eigrrre Erfahrung weiß, wie leicht, wenn man nur nrt heiligem Willen daran geht, aus diesem Boden so herrliche - Früchte erzielt werden können, aber nicht durch Verwischung und Vertrisckung, durch rücksichtsloses Hinweggehen über die Unterschiede, sondern indem der Lehrer darauf achtet und durch sein Vorbild eS zeigt, daß, wie draußen in der Welt dir Bekenner der verschiedenen Religionen, ohne ihren Glauben zu verläugnen, gerecht und freundlich gegen einander sein sollen, so auch die Kinder in der Schule eine solche Gesinnung sich anzueignen haben. Welche arge Verstöße gegen die ersten Grundsätze der Erziehung die Durchführung dieser getadelten Einrichtung hervorruft, wie sie Stimmungen veranlaßt, die von deu »achtheiligsten Wirkungen auf die Gemülher der Zugend sei» muffen, daS an einzelnen Fällen zu zeigen, will ich für jetzt unterlassen, obwohl sie jeden bedenklich mache» könnten, der eS sich zur Sünde an-