Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 26 (29.6.1870)
- Date
- 1870-06-29
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
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— 210 her eine gegen ben anderen, einen Prozeß führen, durch den der interessante. Frage von der persönlichen Satzung und die Naturalifirung der algerischen Israeliten aufs Tapet gebracht wird. Hier in zwei Worten, warum es sich handelt. Hin reicher Israelit, stirdr und hinterläßt ein bedeutendes Permögen. 0r hat vier Kinder: zwei £ ebne und zwei, heute verheiratdete Töchter. Auf (*nmb des mosaischen Gesetzen und ihrer persönlichen Satzung bemächtigten sich die beiden Söhne der Erbschaft und sagen: Alles gebiet nnS, da noch unserem ReligierSgeietze T«cht-r ihren Pater nicht beerben können. Einen Augenblick, sagen die Töchter: da unser Pater sich hat naturalisrren lassen und ein französischer Bürger geworden, so stehen wir unter dem französischen Gesetze und können erben. Herr Cremieux wird vor dem Gerichtshöfe die Sache der Söhne, Herr Julius Favre die der Töchter verteidigen. — . Warschau. Nach. der im Dezember d. I. Lvrgenommenen.Volkszählung hat die Stadt Warschau eine Gesammtbeoölkerung von 254,581 Seelen, von denen 160,107 Seelen auf die in der Stadt ansässigen und 85,454 Seelen aus die sich daselbst vorübergehend ausbaltende Bevölkerung kommen. Dem religiösen Betennlnifie nach gehören von den 189,107 onsä'sigen Einwohnern 106,118 dem katbolifcken und 67,584 dem jüdischen Glauben an. Die übrigen 15,405 Einwohner geboren theils zur evangelischen, «Heils zur griechischen Kirche. e n i t I e t o «. per "Stetter. Rav-llr von 3. Stl. ' . kjkort-rtzu»g.) Während -der Mönch mit alhemlrser Spannung horchte, sprach die Stimme aus der Tiefe. Ich kann Euch vertrauen, denn: wa^ könnte ich auch verlieren? Mein Lieben? Es hat keinen Werth für einen Mann, der seit vielen, vielen Jahren gefkstelt in einem schrecklichen Kerker schmachtet, getrennt von seiner Familie, ohne Luft, ohne Licht und ohne eigentlich zu wisten, warum. Nur erfahren möchte ich, wie es meinen Lieben ergeht und ob sie noch leben. Ich war ein ruhiger Geschäftsmann in meinem Heimatborle. Dort batte ick ein liebendes und geliebtes Weib, ein herziges Töchterlein und einen lieben Knaben — einen Jungen, der zu der Zeit, von der ^ich jetzt spreche, -süns Jahre zählte. AlS ich einmal zur SKefie in die -etwa 30 Stunde» von meinem damaligen Heimatborte entfernte Großstadt reifes wollte, empsabl mir meine Frau» «nircra Jungen mitzunehmen, der auf dem Kopfe einen eigroßen Auswuchs hatte — um ihn dort operiren zu lasten." - Der arme Gefangene mußte sich unterbrechen. Das war ant für den Zuhörer — denn bei den ^.Worten: „Auswuchs am Kopfe" ergriff denselben ein Schauder — hastig legte er so>ne Hand neben , die Stelle, wo d.ie den Klostergeistlicken bezeichnende! glattrasirte Tonsur war. Dort war die Narbe eines erst ' kürzlich wieder operirten Auswuchses, der sich hon Zeit - zu Zeit auf derselben Stelle erneuerte. : „Ick machte meine Geschäfte" fuhr, der Erzähler; fort, „ließ die Operation de» Kindes durch geschickte! Aerzte vornehmen und reiste stilloergnügt mit demselben 1 wieder ab. Ich war glücklich gewesen, hatte ganz j gute Einkäufe gemacht, hatte liebe Verwandte getrosten! und auch die Operation war gut abgelaufen. Die! Aussicht, bald wieder mit meinem Weibe vereinigt zu fein, erheiterte meine Stimmung, die stets getrübt war, , wenn ich mick von ihr trennen mußte. Nur eines ' beunruhigte mich! Ich hatte einen Pater, einen ge- , tauften Juden, den Feind meiner Frau und meiner j Familie, mehrmals in der S'.->vt gesehen. Es schien i mir, als verfolge er meine Schritte — und so war es auch. Ich mußte unterwegs in einem Gebirgodorfe in einem WirthSbaufe übernachten, das die gewöhnliche Herberge der durchreisenden Mesifremden war. Als ich hinkam, war das .^auö fast überfüllt von jüdischen und christlichen Handelsleuten, die der Weg durch dies Torf führte. Ich bekam mit knapper Nrth Herberge in einem Nebengebäude, das sonst der Aufenthaltsort sür Fuhrleute wav. Ich ging bald zu Bette, denn ich vernahm, daß einige jüdische und christliche 1 Handelsleute Streit mit einander bekamen wegen Religionssachen, ein Streit, dem ich immer abbold war, weil er unnütz und nur gefährdend ist und dem , auszuweichen ich mich bestrebte. Und dabei schien eS mir, als ob von Seiten eines christlichen Handelsmannes , mit großem Barte, besten uinwundenes und verj mummteS Gesicht mir ganz sonderbar bekannt und > doch wieder so fremd vorkam, die Absicht ganz besonders I hervortrat, mich in den Streit zu ziehen. Als ich | mich zu Bette legen wollte, verglich ich daö Gesicht; mit allen mir bekannten und doch konnte ich mich I nicht erinnern, wo ich diesen grauen stechenden Augen, dieser jüdisch geformten Nase und diesem struppigen ' Barke bei einem Christen schon begegnet war. Mein Kind im Arme schlief ich ein. - Ich hatte vielleicht eine Stunde geschlafen, als! ein mächtiger Lärm und zugleich ein helles Licht mich j erweckte. Ich rieb meine Augen — das Häuschen stand auf der mir zugewandten Seite im Feuer. DaS Feuer züngelte bereits an der Wand meines Zimmers,, an dem Fenster hin; es war nahe an meinem Bette.