Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 25 (22.6.1870)
- Date
- 1870-06-22
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432129--2964-4899262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 — Ausführung Zeit erfordert, di-pensirt? ist auch nur dahin zu beantworten, weil der Talmud im Weibe die Repräsentantin deS Hauses sieht n uva und sie daher nur für'- Familienleben, für welches sie ja allezeit ohnehin mehr Geschicklichkeit, Manierlichkeit und Aufmerksamkeit bekundet, erzogen wissen will. Der Raum dieser Blätter gestattet eS nicht, alle jene Stellen anzuführen, aus welchen ersichtlich ist, daß aucb der Talmud die Tugend deS WeibeS zu schätzen weiß und daß er von dem Weibe echte Weiblichkeit, wie sie der König Salcmon (Mischle 31. 10 u. f./ schildert, verlangt.- Geben wir nunmehr zur Gegenwart über. Ich habe die Behauptung ausgestellt, daß die Mädchen der Gegenwart, mit nur seltenen Ausnahmen, für die Ehr erzogen 'werden. Wie lächerlich man auch die Behauptung finden mag, wie sebr sich auch jede Familie gegen diese Zumuthung sträuben mag — sie ist wahr und leider nur zu wahr. Und wenn sie wahr ist. — wie wenig hat das Judenthum für die Heranbildung des weiblichen Geschlechts gethan! und wie verkehrt ist dock ihre Erziehung! Sehen wir uns eine solche Grziehunz einmal an. Wenn daü Mädchen sechs Hahr alt ist, wird es m'S Institut geschickt. in welchem. eS seine Ausbildung erhalten soll. ES wird unterrichtet in der Musik in der französischen und englischen Sprache, in der E'eschichle und Mathematik, in dek Naturkunde und Grammatik, in der Literatur und Handarbeit, im Zeichnen und Gesang und als Appendix-, damit' die Erziehung vollkommen sei, auch in der Religion. Eine solche Erziehung - und nebenbei gesagt der größte Theil unserer Töchter genießt eine solche — ist eine aristokratische. Man wird keines dieser Gebiete der weiblichen Bildung überhaupt verschließen wolleu, eS gibt sogar einen (drklärungSgrund dafür, schon 'darum, weil die weibliche Bildung so oft vorzugsweise in dieser Richtung gesucht wird. Der Fleiß und Eifer jedoch, womit namentlich die Musik und die fremden Sprachen betrieben werden uyd das immerwährende Ringen nach Virtuosität in. denselben, geben deutlich zu erkennen, daß man die Mädchen mit diesen' Fertigkeiten -schmücken will, damit sie eben durch diese Vorzüge glänzen und gefallen, mögen. Dies« einseitige Richtung der Erziehung beruht nuf der Ansicht, daß das Weib vornehmlich durch äußere Vorzüge gefallen solle, daß es sich dort zur Geltung bringen müsie, wo nickt der Ernst deS Lebens, sondern das Bcdürfniß der Erholung die Menschen zusammenführt, daß das Weib also nickt zur Gefährtin des Mannes im vollen Sinne des Wertes, 'sondern nur zur heitern Genossin in seinen Ruhestunden, zum anmuthigen Spielzeuge seiner Launen dienen solle. — Wie unjüdisch eine solche Erziehung ist und wie herabwürdigend diese Ansicht für das weibliche Geschlecht ist, ebenso gefährlich ist aber auch diese einseitige Pflege der Kunst für die Weiblichkeit. Madame Guizot bat die Regel ausgestellt: „In dem Weibe dürfe kein Talent so vorherrschen, daß dadurch die übrigen Kräfte und Neigungen ganz absorbirt werden " Sie ist von der ganz richtigen Voraussetzung ausgegangen, daß der Reiz edler Weiblichkeit in der vom Gemüthr getragenen, harmonischen Gesammtbildung aller geistigen Kräfte besteht. Wird diese Harmonie durch irgend eine einseitige hrrvortretende Kraft zerstört, sc wird eben mit dieser Kraft die Weiblichkeit selbst aufgehoben. — (Fortsetzung folgt.) Roch Gtw«» übet Mose» Mendels fohn. Von einem Manne, wie Moses Mendelssohn, ist Nichts bedeutungslos, wenn auch nicht Alles wichtig. Der Gegenstand w-'rft aber auch ein neues Sreiflicht auf die Cultuozustände seiner Zeit und ist auch auS diesem Grunde erwäbnenSwerth. ES handelt sich um ein neues Schriftstück M'S., welches in der Br o ck h a u S.'fchen GesammtauSgabe sich nicht vorfindet, und desien auch Kayserling in seinem biographisch-literarischen Werke über M. M. nicht erwähnt. Diese« findet sich in dem Werkchen: Moses Mendelssohn und Georg David Kypke, Aufsätze über jüdische Gebete und Fest - feiern, auS archivalischenActen herauSgegeben von Ludwig Ernst BorvwSki, Prediger in Königsberg. Königsberg Harlung'sche Buchhandlung 1791. DaS Werk- Len ist sehr selten und die darin besprochene Angelegenheit auch nicht allgemein bekannt. Der Verfasser erzäblt sie in einer den Juden sehr wohlwollenden Weise, was für die damalige Zeit auch von Bedeutung ist. Zwei getaufte Juden Kahz und Wenzel hatten im Anfang deS vorigen Jahrhunderts die Juden bei der preußischen Regierung denuncirt, daß sie sich Läüerunge» gegen Jesus und daS Ehristenthum erlaublen; letzterer batte dabei besonders auj daS Gebet Olenu und dessen ursprüngliche Lesart hingewiesen. Es hatte dies zur Folge, daß die Juden in Berlin und Königsberg sich christliche Jnspectoren gefallen lasten mußten, welche darüber zu wachen batten, daß diese Lästerungen unterblieben. Natürlich hatten sie den Inspektor zu besolden. ES häuften sich aber die Anklagen, welche neuen Stoff nun auch aus dem Gebete Welamalschinim und Psalm 49 zogen, welcher, als überhaupt bei jüdischer- Todtenfeier gebräuchlich, auch bei Abhaltung einer solchen für die verstorbene russische Kaiserin gesungen worden war. In Königs-