Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-05-25 · 21 (25.5.1870) · p. Seite 164

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
21 (25.5.1870)
Date
1870-05-25
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432123--2925-4899226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 164 — vor Vieser Allgewalt der Musik"; daselbst S. 23: - „Versäume. keine Gelegenheit, Dich auf der Orgel zu üb n; es giebt kein Instrument, das am Unreinen und U,säubern im Tonsa wie im Spiel sogleich Riche nähme, als die Orgel." Marx, allgemeine Musiktehre, 1857, S. 176 sagt: „Wenn man erwägt, dag bei der Orgel 60 und mehr Register zu Gebote stehen, deren Reichthum an Klängen durch mannigfache Verbindung noch vermehrt werden kann, daß sie oft sanfter ist, als irgend ein -Orchester-Instrument, zum Theil von sckmetternder Kraft; wenn das volle Werk gebraucht wird, von erschütternder Gewalt, daß kein Orchester dagegen aufkommen und daneben bestehen kann: so erkennt man die Wunderkraft der Orgel, die daher ihren Namen (organum, Werkzeug) hat, als wenn sie das einzige Instrument wäre, wie keines noch mit ihr sich messen kann. Trotzdem leugnet Niemand, daßdfe Orgel musikalische Mängel hat. Ihr fehlt z. B. das Crescendo und Decrescendo. Aber dafür wiegen ihre Vorzüge jene Mängel reichlich auf. Sie hält den Ton nach Belieben an und weder die Richtigkeit, noch die Stärke und Schwäche desselben sind vom Spieler, sondern von der Mechanik abhängig. -Sie ist nicht dem Verlust der Stimmung ausgeseht 'und dem Bedürfniß der Reparatur unterworfen, wie andere Instrumente, sogar oft während des Spiels. Auch der ökonomische Dortheil, daß die'Orgel, deren Tonstärke allein von allen anderen Jnürumenten für große Räume ausreicht deen Register ein ganzes Orchester ersetzt, und deren Einrichtung die dem einstimmigen Gesang fehlende H-.rmonie herstellt, durch die Hand eines Mannes gespielt ^L^rden kann/ ist nicht außer Acht zu lassen. Für den" mehrstimmigen Gesang ist die Orgel unentbehrlich; aber auch der^einstimmige und selbst der Einzel-Gesang (Solo der Cantoren) kann auf ein tonangebendes und haltendes Instrument nicht verzich- X,ten. Dadurch, daß unsere früheren Eontoren nicht einmal der Stimmgabel sich bedienten, verlor ibr Gesang die Correktheit und kamen sie in ungeahnte Höhen und Tiefen^ wofür -hre Stimmmittel nicht mehr ausreichten. Tie römisch« Kirche hat sich lange geweigert, die Orgel einzuführen., wie ja die griechische heute noch aller Instrumentalmusik entbehrt. Wir haben die Gründe hierfür mit aufzusuchen. Vielleicht wollte man mit Absicht jüdische. Einrichtungen nicht annehmen, denn nicht bloS Instrumental-Musik überhaupt, sondern auch speciell die Orgel (Magrepha Aruch 10.6 waren bereits in den Tempel zu Jerusalem eingeführt. Jedenfalls ist hieraus ersichtlich,, daß die Synogoge mit Handhabung der Orgel keine Erfindung der christlichen Kirche oder gar des specifiscben Christenthums aufnk-mt. — Der Ginwcuzd,' daß die Orgel sich für die lebhafte Synagogen-Musik nicht eigne, nimmt sich dem elegischen Charakter derselben gegenüber eigenthümlich genug aus. Die Behauptung, daß die Orgel der getragenen Musik angemessener sei, als der figurirten, wird durch die klassischen Oratorien HLndel's und Haydn's. wie durch die Composi'ionen Bach's und seiner Nachfolger zu Schanden. UebrigenS tst die figurirte Musik der Synagoge mehr aus demaingeschuiten und willkürlichen Einzel-Gesang der früheren Cantoren hervorgegangen, als. daß er der Synagoge eigenthümlich und nothwendig erschiene. Wir geben indeß zu, daß die Begleitung der Orgel für den Synagogal-Gesang noch nicht vorbereitet ist und mehr neben her läuft, als daß sie den Gesang tragen sollte; der Orgel gehört nicht die Melodie, sondern die Harmonie. — Wir haben oben mehr praktische Motive für die Orgel angeführt; wir empfehlen dieselbe abeauch aus principiellen. .Die Kraft und Gewalt des Orgeltons undspielS hat in ihrem erschütternden und bewältigenden Eindruck Etwas, welches dem Ausdruck dcS Göttlichen nahe kommt und daran erinnert. Darum wird ja auch in der Bibel die Erscheinung Gottes unter dem Eindruck gewaltiger Naturereignisse, wie Blitz, Donner und Aehnliches, geschildert, oder besser gesagt, Gottes Nähe in solchen Erscheinungen gefühlt. DaS Göttliche ist un ndlich und unfaßbar. Je mehr sich daher die Größe und Kraft der Erscheinungen der Fassung unserer Sinne entziehen, je mehr Auge und Ohr davon beherrscht werden, desto näher kommt der Ausdruck dem Göttlichen, desto mehr werden wir darau erinnert, desto näher fühlen wir uns Gott und Gott uns. Darum auch die colosialen Größenverhältnisi? in den Kirchenbauten der Christen, im Ganzen wie Einzelnen, darum die himmelanstrebenden Thüren. Es liegt aber auch in dieser Anschauung nichts specisisch Christliches; das Judenthum hat dieselben Anschauungen und Vorschriften (Aaro T. 150). Unter dem Druck des politischen und ökonomischen Verhältnisse mußte bei dcu Synagogenbauten oft davon abgegangen worden; aber es liegt eine Verkennung wahrhaft jüdischer Grundanschauungen darin, wenn selbst bei neueren Prachtbauten klcinlicke architektonische Verhältnisse maßgebend geblieben sind. Die bewältigende Macht der Orgel beruht also auch in dieser Beziehnng auf jüdischen Grundsätzen. Mit -dieser Empfehlung der Orgel vom principiellen Gesichtspunkte wollen wir aber dennoch nicht ihre Einführung erzwungen sehen, wo man sich dagegen sträubt, sei es aus Mangel an religiösem oder musikalischem Verständniß, sei es wegen der Macht der Gewohnheit; die Orgel soll Harmonie, keine Disharmonie bringen. Wir wollen nur nicht, daß die Einsichtigen mit Scheingründen eine solche Opposition rechtfertigen und unterstützen. Alzey. vr. R.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.