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Der israelitische Lehrer · 1870-05-11 · 19 (11.5.1870) · p. Seite 151

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
19 (11.5.1870)
Date
1870-05-11
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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Bericht - der Alliance israölite universelle. (Allgemeine« israekitische» Allia»;) Aede des Ar. Atliert Hohn: Hr. Albert Cohn richtet folgende Ansprache an die Versammlung: - o Mein« Freunde! Ich gestehe, eS ist eine Kühnheit von mir, daS Wort zu ergreifen, nach unserem ehrwürdigen Präsidenten, der mit 74 Jahren noch die volle Jugendglut be» sitzt in unserem Zeitalter, wr so viele Jünglinge schon alt und abgenutzt sind; nach dem Worte unsere« würdigen OberrabbinerS. der mit der Würde des Amtes die Wärme de» Herzen» vereint. Aber ich habe dem Central-AuSschuß versprochen. Sie von der groben Reise, die ich gemacht, die im Norden anfing und im Süden und Osten endete, zu unterhalten. Zum siebenten Male war e», daß die Vorsehung mir gestattete, die Länder de» Orients ru besuchen; zum vierten Male sah ich Jerusalem und die alte Heimath i unserer Vorfahren wieder. Nachdem meine theuren College» und ich uns vereinigt hatten, begannen wir unsere Wanderung mit Berlin, und dort war es, wo wir das Elend unserer Brüder im Norden vernahmen die voir Hunger und Leuche hingerafft wurden. Weder kommt cs, fragten wir uns, daß Rußland und Polen 3 Millionen Juden haben, während Frank-' reich höchstens 120,000, England 60,000, Italien 45,000 zälsten4 Man mutz bis zu Anfang des zwölften Jahr-, Kunderts, zur traurigen Zeit der Kreuzzüge und des Mittelalters hinaufsteigen, um die Antwort zu finden. Bis zum vierzehnten Jahrhundert enthielt Frankreich allein 600,000 Juden, welche durch verschiedene auf einander folgende liinstände Anfangs bis zu den Ufern des Rheins und nach Deutschland, später, zur Zeit der Religionsverfolgungen, bis nach Polen verdrängt worden, welches damals ein großes Reich bildete und unseren, überall anderwärts wie das Wild gehetzten Glaubensgenossen, volle Freiheit gewährte. Ihr Einfluß wurde'so vorherrschend, daß einst die Wojewodcn-und Adeligen, die sich vermöge der Wahl- Verfassung des Reiches"nach dem Lode ihres Königs zur Wahl eines neuen Fürsten versammelt batten und sich nicht einigen konnten, auf einen Porichlag aus ihrer Mitte, den Rabbi Ichaül Wahl, einen durch Klugheit und Rechtschaffenheit berühmtest Juden, zunr provisorischen König ernannten init der Befugniß, den definitiven König selbst zu bezeichnen. Und so war ein Jude, ein Vorfahr der Familie Philipp Samuel*) in London, eine Nacht lang König von Polen. Man trifft in diesem Lande Hunderte nur von Juden bewohirte Städte; es gibt eine gewisse Zahl derselben, die 40' bis 60,000 südiiche Einwohner zählen. In zwei Jahren wird es. ein Jahrhundert, daß Polen in Folge unglücklicher Zeitrmistände und in Folge der seiner Verfassung anklevendcn Mängel getheilt wurde. Rußland erhielt nach und nach den größten Theil. Oesterreich und Preußen den Rest. Oesterreich zählt in Galizien nahe an 400,000 Israeliten, Preußen im Herzogtl, u m Posen nahe an 100,000; das eigentliche Rußland, das heilige Rußland, wie er sich gerne selbst nennt, batte gar keine Juden; Odessa, eine neu gegründete Ltadt und die Krimm, wo karaitische und rabbanifische Juden wohnen, gehörten zur Tartarei uird wurden erst zur Zeit der Kaiserin Katharina II. erobert. Der jetzige Kaiser von Rußland zeichnet sich in ganz besonderer Weite vor seinem u»mittelbaren Vorgänger aus und hat durch die Euianfipaliou der Leibeigenen der Menschheit sicherlich einen großen Dienst geleistet. Trotz der Jahrhunderte dauernden Unterdrückiliig, die auf uirs gelastet, oder vielmehr gerade wegen dieser Unterdrückung, hegen >vir inniges Mitgefühl für alle Leiden und erinnern uns stets der Worte derSchrist: „Ihr sollt den Fremdling lieben, denn Fremdlinge seid Ihr gewesen in Aegnpten." Die Emancipation der Reger in Amerika, die der Leibeigenen iu Rußland wären Ereignisse, welche uuiche Leele mit Freude erfüllten. Sie selbst, unser kheurer Präsident, ergriffen mit Wärme das Wort zu Gunsten der- Negersclaveu in Amerika. Auch segnen wir den russischen Kaiser danir, daß er so viele Millionen Geschöpfe Gottes zur Würde freier Menschen erhoben hat. Aber warum will er sich nicht damit begnügen, in den ruffischen Inden treue Unterlhanen zu besitzen? warum müssen sie zur griechischen. Kirche übertreten, wenn sie die Gunst — was säge ich! - wenn sie die Gerechtigkeit des Staates genießen wollen ( Warum sind die Inden, die sich taufen lassen, vom Militärdienste befreit'? Warum können diejenigen, welche ihrem Glauben treu bleiben, bis zu ihrem 34. Jahre zu diesem Dienste gezwungen werden, selbst wenn sie schön seit langer Zeit Frau und 5 oder 6 Kinder besitzen k Warum reißt man sie dann aus der Mitte ihrer Familie und schickt sie nach dem Kaukasus? Und Ihr wollet noch, daß der Jude Euch treu sei und Euch liebe, den Kaiser von Rußland —--“ i *) Auch in Deutschland stammen viele Familien von diesem Hause. Unter anderen das Hau» Nieser und unser edler verstorbener Freund Sulchachcr, svcilcnd Lehrer in Kirchheimbolanden. Seine drei Kinder, in deren Hände ein authentischer Stammbaum, weilend jetzt in Paris. Rcdaction.

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