Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 18 (4.5.1870)
- Date
- 1870-05-04
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 141 und die Freigebung der Schiffährt auf der Donau. Von daher schreibt sich die Einwanderung einr großen Anzahl Israeliten. Gehen wir 80 Jahre zurück, so findet sich dieses Land noch in einem total primitiven Zustand, ohne Handel, ohne Ackerbau, ohne Mittel, seine agrarischen Schätze auszubeuten. Dank der zu unseren Gunsten intervenirenden Mächte haben die Schätze unseres fruchtbarm Erdbodens mit Einem Male angefangen, sich zu offenbaren und dadurch sind wir dazu gebracht wordm, unser orientalisches Leben durch Annäherung an occidentalische Sitten zu verbeffern. In weffen Händen befand sich damals der geringfügige Handel unseres Landes? Sie wissen, m. H.. daß der ganze Handel jene Zeit nur zwischen Constantinopel geführt wurde; von dort kamen unsere türkischen Seidenwaarm, so wie die geringe Anzahl moderner Artikel. Aber seitdem unser Ackerbau seinen Aufschwung genommen und wir anqefangen haben, uns der modernen Cultur zu nähern, haben sich unsere Bedürfnisse geändert und stets vermehrt. Die Seidenwaaren Constantinopels sind den Tuch-, Seidm- und Sammtwaaren des OccidentS gewichen. Unser Handelsplatz war nicht mehr Consiantinpel, sondern Leipzig, Paris, London. Diese Umänderung fand nicht ausschließlich bei den gebildeten Elasten Statt, sondern auch bei dem niederen Volke, welche früher nur grobe Zeuge und von ihrm Frauen gewebte Leinwand trugen. Die Bauern selbst, denen man die Möglichkeit verschaffte, ihre Ländfrnen auszubeuten und zu einem höheren Preise ihr Capital, ,bte Arbeit nämlich, zu verwerthen, fanden e« vorthtilhafter, >hre Kleidungsgegenstände zu kaufen, als selbst zu fabricrren. Ein zweites, allgemeines Ereigniß hat diele Umbildung unsrer LandeSverhältniffe noch mächtig unterstützt. Die orientalische Industrie blieb stationär, die occidentalische schritt fort und benutzte die ungeheuren und wesentlichen Erfindungen unseres Jahrhunderts. Eine große Zahl Gegmstände, welche früher nur den Reichen zugehörig waren, lieferte die moderne Industrie zu einem so mäßigen Preise, daß sie heute Bedürfnißgegenstände Aller geworden sind. Unser Land, wie jedes andere, mußte diese Gegenstände suchen. Davon war die natürliche, Folge, daß unsere Beziehungen zu Constantinopel gelöst wurden und diejenigen des Occidents an deren Stelle traten. Nun, m. H., hier haben §ie die Folgen aus jenen beiden Ereigniffen. Von dem Augenblicke, wo unsere commerziellrn Beziehungen sich geändert haben, bedurften wir neue Agenten zur Vermittlung unserer Beziehungen zu den neuen Handelsplätzen. Die Fabrikanten' und Großhändler der Pariser Boulevards kamen nicht zu uns. Zu jener Zeit war unser Land noch nicht bekannt genug im Westen, aber auch noch nicht sicher genug, um jene Geschäftsleute zu veranlaffen, hierher zu kommen. Da stellte sich, m. H., die israelitische Bevölkerung ein, jene eingeborene Juden ebenso, wie die der benachbarten Länder Galizien« und Oesterreichs, welche in Folge ihres charakteristischen Handels- und Unternehmungsgeistes die Vermittler wurden zwischen uns und den neuen Handelsplätzen, zu denen wir in Beziehung getreten waren. Seitdem wir^oon außen die Gegenstände der occidentalischen Industrie häftcn kommen lasten, mußten wir auch Leute haben, welche sie verbreiteten. Denn diejenigen, welche unsere alten Togat. verfertigten, konnten die modernen Fracks nicht machen und die anderen Gcgen- Nände deS Luxus und der neuen Sitten und Gewohnheiten. Dadurch wurde eine zweite Elaste Juden für uns nothwendig, die der Arbeiter und Künstler. Diese Leute sind immer bei uns protegirt worden, weil sie ein ^Bedürfniß. unserer sociglen Zustände waren. Seitdem die Agrikultur solchen Aufschwung gewonnen und der Handel so große Verhältnisse angenommen, sind auch unsere Beziehungen folgerichtig andere geworden Die HandelSbewegunhat diejenigen herbeigerufen, welche die Vermittler abgeben zwischen Producenten und Consumenten. Später mangelten vielen Ackerbauern die nöthigen Capitalien. Damals existirte der Credit in diesem Lande nur unter Bekannten. Unsere Capitalisten, vielleicht in Rücksicht auf die Unbeständigkeit unserer Verhältniste, ließen Ihre Ersparnisse in den Kellern unbenutzt liegen. Die angehäuften Capilalien blieben so viele Jahre unproduktiv. Nun, m. H., Sie wissen, daß die Agricultur, wenn sie prosperiren will, zur rechten Zeit von beträchtlichen Capitalien unterstützt werden muß. Sieh da! diese Ackerbauern konnten sich nur durch den ökonomischen Geist der Juden Geld verschaffen. Einige dieser Judpn sind vielleicht von anderswo in unser Land gekommen, haben sich niedergelasten, anfänglich als Arbeiter oder Künstler, wurden dann Geschäftsleute und endlich, als sie ein kleines Capital gesammelt hatten, begannen sie mit kleinen Bank-Operationen. Als sie BanquierS geworden, zogen sie durch ihren Credit die Capitalien an sich, welche bis jetzt in den Kellern unbenutzt lagen und setzten diese somit in Umlauf, indem sie die Vermittler abgaben zwischen Capnalisten und Ackerbauern. So ist es erklärlich, wie und warum unserte heutigen großen Capitalisten zum großen Thrile Juden sind. Nun, m. H. wenn wir die Sache voi» nationalen und politischen Geschichtspunkte aus betrachten, können wir vielleicht beklagen, daß unser Jasty keine rumänische sondern nur ausländische Kaufleute besitzt. Aber während die Juden kaum geduldet worden sind, hatten die Unsrigen ihre volle Freiheit. Warum haben sie denn ihre Zeit und Arbeit nicht diesen neuen Wegen der Industrie zuzewandt? Liegt hier der Fehler an den Judm? Kann man ihnen die Schuld beimeffen? Kann uns dies veranlaffen, Rache zu nehmen an die*