Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1870-04-20 · 16 (20.4.1870) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
16 (20.4.1870)
Date
1870-04-20
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4896751-5428708-5432113--2878-4899184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 122 — der Reifheit gelange, und sein Leben nach seiner Bestimmung durch sich zu führen (d. h. sein menschliches Sein zu begründen) vermag." Gräfe t Allg. Päbag., II. Bc., 3. 244.) drückt den obersten Grundsatz her Erziehung so auS: „Wirke auf den Zögling so ein, daß derselbe befähigt werde, selbstständig nch zu bilden" (d. b. nach der Verwirklichung seiner Bestininrnng zu streben. > Ztiemeyer stellt vier Sätze als höchste Grundsätze aller Erziehung auf: „t) Wecke und bilde jede dem Zögling al» Mensch und als Individuum gegebene Anlage und Fähigkeit. 2) Bringe Einheit und Harmonie in ihre Ausbildung durch deutliche Vorstellungen von der naturgemäßen Bestimmung und dem Bcrhältniß dieser Anlagen. ">) Durch jedes Mittel, das mit den- Rechten des Zöglings als Bcrnunflwesen verträglich ist, richte die Stxah auf Alles, was der Vernunft als des Menschen würdig erscheint. 4) Tie Harmonie der Freiheit mit der Vernunft laß dein höchstes Ziel sein, weil auf ihr der sittliche, folglich der unbedingte höchste Werth des Menschen beruht." Nock mehr Streit ist über den Zweck der Erziehung gewesen. Die Wols'scke Philosophie setzte den höchsten Zweck der-Er Ziehung in die G l ü ck s e l i g k e it, den Philantbrophisten galt Brauchbarkeit für die Welt-als höchster Erziehungszmeck, Roussean's Ideal war der Naturmensch, Kant'sche und andere Pädagogen jenen die Sittlichkeit, tbeologisirende Erziehungsrhcoretiker die R e l i g i o s i t ä t,G d t t ä h n l i chkeit. Tivinitäk, die Humanisten dieHnnianität,. die neueste absolute Philosophie die V er nü iäf t i gkcik oder ab'cluteFreiheit des menschlichen Geistes als Zweck rer (Erziehung. Populäre Pädagogen drücken den Zweck der Erziehung so auS: das Kind soll zu einem guten tzdas ist gut, was so ist, wie eS sein soll) Menschen und Bürger erzogen werden. — Haben wir eine kurze gedrängte Darstellung über das oberste Princip der Erziehung gegeben, so bleibt uns nunmebr übrig, den obersten Grundsatz oeS Tal- ,nuds uns seine Erziehüngsprincipien überhaupt darzuste'.len und dieselben mit den modernen zu vergleichen. Wenn eie Erziehung anderer Nationen immer der eben durchlaufenden Bildungsperiode entspricht, so ist dies im- Talmud nicht der ,\-aÜ. Der Talmud, dessen Grundlage die Religion bildet, spricht daher selbstverständlich nur von religiösen Principien. Als oberster Grundsatz der Erziehung, als Kern und Krone alles Wissens, geltet im Talmud: „Die Erziehung für die Religion resp. für das Thorastudium." Denn „hoch stebt das Studium, weil es der Praxis den Weg bahnt." (Kiduickin 4M.». Mehr al« ein herrliches Mittel zu einem noch herrlicheren Zwecke ist da» Wilsen nicht; die volle Ausbeutung deS ganzen Lebens aber, und oaS rechte nützlicke und beglückende Verhalten in ihm har es zum. Zwecke „Wrr 'einen Zobn im Gesetze unterrichtet, Hab: eben so viel gethan, al» w:nn er das göttliche Gesetz selbst vom Sinai empfangen hätte." « Berachot 2l) — „Wer mit der Thora sich beschäftig', braucht weder Ganzopfer noch Sündenopfer darzubringen." (Mcnachot 40) — „Das Thorastudium ist so wichtig; wie das Darbrittzen der täglichen Opfer." tMegilla f>.) — „Wer seinen Sohn in der Thora unterrichtet, thni so ein verdienstvolles Werk, als hätte er seinen <ochn, seinen Enkel und Urenkel bis an da« Ende aller Geschlechter darin unterwiesen." (Kiduschin 80) (s. h. zur Fortpflanzung der religiösen Bildung in einer Familie isEdie sicherste Grundlage, wenn der Vater selbst seine Kuder in der Religion unterrichtet.) — Die Erziehungslhcoric des Talmuds ist die pie» tistisckc (?l uns ihr oberst:r G.nndsatzjdaher die Religion, Gottähnlichkcit, Divinikär. — In einem folgenden Artikel wollen wir unS bemühen, nachznwcisen, daß der Talmud, obwohl er gleich den »teilten Völkern de« AttcrthnmS den 'Willen des Einzelnen nicht anerkennt ' und durch den unbedingten Gehorsam, der auf dem | W ge der Autorität erstrebt wird, die Individualität! deS Einzelnen tövter, in Bezug der religiösei^Erziehung! dennoch dieselben Principien ausgestellt, wie die mot erne! Erziehung die ihrige auistellt. (Forts, folgt.) Wochenbericht. Frankfurt a. M., im April, lieber die am 1. y | t. M. statlgesnndene Sladtvcrordncten-Versammlung j berichtet das Frankfurter Fonrnal, wie folgt: —. Da i der Magistrat bei den Stadvcrordnetcn den Antrag j gestellt hatte, für den Neubau des Dr. Sencken- | bcrg' scheit Bürgc r ho spita ls die Summe von | 280,000 fl. zu verausgaben, so sah. sich der israeli- : tische Gem.'indevorsland, wie schon im Jahre 186st»! veranlaßt, an Händen deS StistungsbricsS zu unter-! suchen, ob cS in der Absicht des Dr. Senckenbcrg gelegen, - seine Sliftnng nur zu einer rein christlich.'» zu machen, so daß die israelitischen Mitbürger keinen Anspruch daran hätten. Die <dliflungSurkunde spricht, sagt der Vorstand, wohl von Bürgern und Beisassen, niemals aber von ch r i st l i ch c n Bürgern und Beisassen. Wenn nun letzteres der Fall, so hätten die israelitischen Mitbürger doch das gleiche Anrecht ans die Fürsorge der Eommnne für ihre Erkrankten, wie diejenigen der anderen Eonfesiionen. Die Nntcrsncknnzen des Gmeindevorstandcs führten zu dem Resultate, daß er beantragte: „Der Magistrat wolle 1) seinen Antrag ans Verausgabung der 280,000 fl. wieder zurückziehen ev. der Stadtverednetensaminlung vavoir- Kenntniß geben; 2 i mit der Dr. Senckenbergischen StiftungSadministraticn über eine authentische Interpretation der . Stislungsurkunde in der Richtung Berathung pflegen, daß unter Ansrechthaltung der vorgeschriebenen Dnalifi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.