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Der israelitische Lehrer · 1870-03-23 · 12 (23.3.1870) · p. Seite 93

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
12 (23.3.1870)
Date
1870-03-23
Page
Seite 93 (sequence 5)
Language
German
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J l — 93 — Gemeinden da» annehme« und pflegen, was sie vorfinden. Ist Eure Devise Zuwarten, Gehenlassen — wozu da dieser Aufwand von Gelehrsamkeit? Solange wir nicht wissen, waS Ihr wollt, können wir Euch nicht folgen, Eure Grundsätze nicht verbreiten, ß DaS ist unsere Ansicht über das Breslauer Seminar, die praktische Ansicht! Und doch dünkt e» uns, als sei diese Richtung eine gemachte, eben wegen ihrer Unentschiedenheit und Unklarheit; und da sich ihre Jünger Allem anbequemen, eine ungefährliche. UnS dünkt, wenn in die Gemeinden einmal wieder ein anderer, entschiedener und klarer Geist einzieht: eS werden dann die Zöglinge des Seminar», wenn sie nur wissenschaftlichen Geist und Charakter haben, offen Farbe bekennen! Sollte aller Charakter ertödtet werden können in einer Anstalt, die doch — und da» ist unstreitig — die Wissenschaft mit Eifer nnd Hingebung pflegt? WaS wäre dann die Wissenschaft? Ja, wir brauchen «ne Anstalt für die Wissenschaft de» JudenthumS, aber wir können noch warten. E» ist unleugbar, die Wissenschaft de» JudenthumS wird dort gepflegt, wenn auch nicht im rechten Geiste, wenn auch die Fahne der Partei, die eigentlich keine Parteifahne ist, zur Zeit das kerngesunde Streben überwuchert. Wa» uns jedoch unleugbar fehlt, was wir nicht abzuwarten vermögen, das ist di« Pflege der Religion in den Gemeinden von unten herauf, daist der Anbau deS Fundaments, de» Untergrundes, das ist die j Religionsschule. UnS dünkt - so lange nicht ein | Mittel gefunden ist, dem ungeheuren Mißstand zu be-; gegnrn, den Gemeinden zu tüchtigen Religionsschulen ' zu verhelfen, auf daß in der Jugend de» BolteS der j religiöse Sinn gehegt und gepflegt werde, die Sorge \ jür eine Hochschule verfrüht. Wir glauben, daß so lange die Sorge für die Krönung de» Gebäude» unnüjtz, wenn nicht geradezu verwerflich ist, als das Gebäude nicht fest steht. Gründet vor Allem tüchtige Religionsschulen, sorget für fleißigen Besuch derselben, bildet tüchtige RelizionSlehrer, damit kein israelitisches Kind mehr ohne Kenntniß der Religion bleibe-, bevor Jbr Männer in die Synagoge stellt, die vor einem mit den Grundlehren der Religion unbekannten Volke wahrlich nicht fruchtbringend wirken könnm! Wollt Ihr Euer Gebäude auf Sand errichten? Wo sollen die Zöglinge für die Hochschule Herkommen, wenn nicht gute Vorbereitungsanstalten vorhanden sind? Wir halten fest an dem Grundsätze, den wir allezeit geäußert und verfochten haben: die Aufgabe des JudenthumS der Gegenwart ist vor Allem die Sorge für einen tüchtigen Religionsunterricht. Es müssen Mittel und Wege gesucht und gefunden werden, die er einem jeden jüdischen Vater möglich machen, sein Kind in der Religion der Väter unterrichten zu lasten. Die Pflege der Wissenschaft als Selbstzweck ist gut und schön, aber eine erhabene Aufgabe wird sie erst dann, wenn sie praktisch wirken, ihre Früchte dem Volke nutzbar machen kann. Da» ist ihr nicht möglich, solange ihr das Volk fremd und gleichgültig gegenübersteht, weil e» keine Ahnung von dem Wesen und der Grundlage dieser Wistrnschaft hat. (Schluß folgt.)! Wochenbericht. Karlsruhe, 4. März. Nachstehende Ansprache hat das Plenum*) des Oberraths an die Israeliten Badens zu richten beschlosten. An die Israeliten Badens. Mehrere Mitglieder der israelitischen Gemeinde Karlsruhe haben von einer Meinungsverschiedenheit über einzelne gottesdienstliche Einrichtungen, welche jedoch nicht im Entferntesten einen R e l i g i o n S g r u n dsatz berühren, Veranlassung genommen, ihre gerichtliche Freisprechnng von der Beitragspflicht gegenüber der hiesigen Gemeinde zu erwirken. Es ist ihnen dies gelungen um den Preis der vor Gericht von ihnen abgegebenen Erklärung: daß sie nicht nur aus der Jsraelitengemeinde Karlsruhe, sondern auch aus der gesammte» Judenheit unsere» Lande» auStreten. Seit neuerer Zeit findet man zwar in mancher großen Jsraelitengemeinde Deutschland» zwei Culte nebenaneinder: einen altherkömmlichen und einen mehr oder weniger reformirten. Noch niemals aber wurde um dieser Verschiedenheit der Culte willen die in allen übrigen Beziehungen herrschende Einigkeit der Gemeinde durch Verweigerung der Beiträge gefährdet. Unsere Geschichte kennt kein zweites Beispiel, daß Israeliten im Namen der Orthodoxie sich öffentlich nnd feierlich von dem Judenthum und der Judenheit eineganzen Landes losgesagt hahcn. Aus Grund der oben angeführten AuStrittSerklärung hat der Großb. Verwaltungsgerichtshof unterm 21. Dezember v. I. die Klage der israelitischen Gemeinde Karlsruhe gegen die ausscheidenden Mitglieder auf Zihlung von Gemeindcbeiträgen abgewiesen. Dieses Erkenntniß mußte begreiflicher Weise bei den Israeliten BavenS einen tiefen Eindruck Hervorrufen; es hat aber auch Mißverständnisse, irrige , Folgerungen und manche' unbegründete Besorguiß erzeugt. ■ ' | Mit Gegenwärtigem möchten wir zur richtigen *) 9 Mitglieder. j

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